Speyer Der frühe Vogel ...
«Hanhofen.» Kann das sein? Noch mal genau hinhören: Tatsächlich, draußen im Garten pfeift’s. Eindeutig ist jetzt Vogelgezwitscher zu hören. Was ist denn da los? Bei wem werden denn da schon Frühlingsgefühle wach? „Bei den Amseln – sie singen, wenn sie beginnen, ihre Reviere zu besetzen“, sagt Vogelexperte Thomas Dolich. „Es sind Vögel, die jetzt umtriebig werden, die hier überwintert haben.“ Dabei spiele für das Erwachen der Frühlingsgefühle eher das Licht eine Rolle als die Temperaturen. Wohl wahr: Es ist morgens derzeit sehr kalt. Aber da pfeift die Amsel drauf. Die Meise und der Hausrotschwanz ebenso. Wer sich wie Thomas Dolich mit Vogelstimmen auskennt, hört die einzelnen Vogelarten heraus. „Es sind übrigens die Männchen, die die Stimme erheben, um ihr Revier zu verteidigen. Sie stellen sich meist früher als die Weibchen an den Brutplätzen ein.“ Testosteron lässt die Vogelmänner so herumprotzen. Sobald es länger hell ist, wird das Sexualhormon verstärkt ausgeschüttet. Dass die Amsel beim Morgengezwitscher wieder deutlich zu hören ist, freut Dolich. Der durch Stechmücken übertragene Usutu-Virus habe der Vogelart in den vergangenen Jahren zu schaffen gemacht. Viele Vögel waren verendet. „Nun scheint die Amsel sich wieder zu erholen.“ Viele Amseln überwintern bei uns, aber nicht alle. Manche fliegen dem Vogelexperten zufolge auch vom Rhein-Pfalz-Kreis bis zum Mittelmeer. Dafür kommen andere Populationen vom Norden und Osten Europas im Winter zu uns. Kohlmeisen und Haussperling etwa gelten als Standvögel. Heißt: Sie überwintern hier. Doch immer häufiger in Gesellschaft von Vögeln, die normalerweise zumindest als Kurzstreckenzieher gelten: Hausrotschwanz, Mönchsgrasmücke, Zilpzalp oder Star etwa. Da verschiebt sich also gerade etwas in der Vogelwelt. „Ein Effekt des Klimawandels“, sagt Dolich. „Die Vögel probieren aus, ob sie es hier aushalten – und wenn es klappt, ist es gut.“ Denn der frühe Vogel fängt nicht nur den Wurm, sondern besetzt auch den besten Nistplatz. Wenn da etwa der Weltenbummler Trauerschnäpper aus seinen Winterquartieren südlich der Sahara kommt und trällert: „Ich bin wieder hier in meinem Revier“ – sind die besten Brutplätze bereits weg. „Aber der Zugtrieb dieses Vogels ist so groß, er zieht im Herbst los, wenn die Tage kürzer werden – und zwar weit weg.“ Der Trauerschnäpper gilt deshalb inzwischen als Klimaverlierer – wie die meisten Langstreckenzieher. Flexibler zeigen sich, was das Reisen anbelangt, die Kurz- und Mittelstreckenzieher. Der Klimawandel führt aber auch ganz neue Gesichter zu uns: „Den Bienenfresser zum Beispiel, dieser Vogel lebte bislang im Mittelmeerraum, fühlt sich nun aber auch in unseren Breitengraden wohl. Er wird nicht bis in Deutschlands Norden fliegen, aber das angenehme Klima in der Pfalz gefällt ihm“, berichtet Dolich. Sollte es im März und April noch einmal richtig winterliche Frosttemperaturen geben, wird sich Vogelforschern zufolge an den Grenzen Deutschlands ein besonderes Phänomen des Vogelzugs zeigen – das sogenannte Wetterpendeln: Viele Vögel, die von Afrika und Südeuropa zurück nach Norden streben, könnten dann von einer oder mehreren Kältegrenzen gestoppt werden und noch einige Male vor- und zurückweichen, bis wärmere Temperaturen den Tieren endgültig den Verbleib im Brutgebiet erlauben. Für die meisten Menschen bleibt die gigantische Vogelwanderung nahezu unbemerkt. „Sie vollzieht sich zum großen Teil nachts und in großen Höhen“, sagt Dolich. Der Tagzug sei durchaus sichtbar, Vogelbeobachter – Experten auf diesem Gebiet – zählten dabei jährlich Zugvögel. „Wenn alle Vögel zurück sind, wird es aber jeder hören.“ Ja, es wird noch lauter im Garten. Spätestens im Mai wird kein zweites Hinhören mehr nötig sein. Alle Vögel sind dann da – Amsel, Drossel, Fink und Star.