Interview RHEINPFALZ Plus Artikel „Depression ist keine Frage des Alters“: Was tun, wenn nichts mehr Freude bereitet

Alles grau: Menschen, die an einer Depression erkrankt sind, empfinden unter anderem keine Freude mehr.
Alles grau: Menschen, die an einer Depression erkrankt sind, empfinden unter anderem keine Freude mehr.

Rund 5,3 Millionen Menschen erkranken im Laufe eines Jahres in Deutschland an einer behandlungsbedürftigen Depression. Mediziner Michael Deuschle erklärt, wie die Krankheit erkannt wird, wer der beste Ansprechpartner ist und was jeder präventiv tun kann.

Herr Deuschle, Antriebslosigkeit, Appetitlosigkeit und Niedergeschlagenheit. Wenn ich diese Symptome verspüre, habe ich dann eine Depression?
Ein bestimmtes Muster von Beschwerden ist charakteristisch für Depressionen. Dazu gehören psychische Beschwerden, wie schlechte Stimmung, fehlende Freudfähigkeit und fehlender Antrieb sowie übermäßige Sorgen, körperliche Beschwerden wie fehlender Schlaf, fehlender Appetit und das Gefühl von Energielosigkeit, außerdem Verhaltenssymptome wie sozialer Rückzug, die länger als zwei Wochen anhalten. Wenn ich montagsfrüh mal nur Appetit auf eine Scheibe Toastbrot habe, schlecht gelaunt bin und keine Lust habe, zur Arbeit zu fahren, heißt das nicht, dass ich an einer Depression erkrankt bin.

Kann ich eine Depression überhaupt selbst erkennen?
Man kann sie selbst wahrnehmen. Aber es kommt häufig vor, dass nicht der Betroffene die Depression erkennt, sondern ein Angehöriger darauf hinweist und dem Betroffenen den Rat gibt, sich Hilfe zu holen.

Wann sollten Betroffene sich helfen lassen?
Wer einmal an einer Depression erkrankt ist, hat ein gewisses Risiko, noch einmal in seinem Leben depressiv zu werden. Diese Menschen erkennen das Muster, das hinter der Depression steckt, besser und können sich womöglich schneller Hilfe holen. Schwieriger wird es bei Menschen, die noch keine Erfahrung mit Depressionen hatten. Wer die zuvor genannten Symptome anhaltend über eine Dauer von mehr als zwei Wochen verspürt, sollte seinen Hausarzt zu Rate ziehen. Hausärzte sind meist die erste Anlaufstelle bei Depressionen, weil sie ihre Patienten kennen, kurzfristig verfügbar sind und einschätzen können, ob sie den Betroffenen selbst behandeln können oder an einen Facharzt vermitteln sollten. Es ist vielen nicht bewusst, dass in Deutschland Hausärzte mehr als die Hälfte der Menschen mit Depressionen behandeln.

Welche Folgen kann eine Depression haben?
Eine Depression ist ein großes Leid für den Betroffenen selbst und für die Menschen in seinem Umfeld. Die Leistungseinschränkung kann Folgen bei der Arbeit haben. Der Betroffene hat ein erhöhtes Suizidrisiko, gerade in der Zeit, in der er sich nicht in Behandlung befindet. Außerdem treten bestimmte körperliche Erkrankungen etwas häufiger bei depressiven Menschen auf, beispielsweise Diabetes und Bluthochdruck, auch das Risiko für einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt steigt. Das wird leider unterschätzt. Grundsätzlich kann es jeden treffen. Statistisch gesehen erkrankt fast jeder Fünfte im Laufe seines Lebens an einer Depression.

Ist Depression eine Frage des Alters?
Nein, die Krankheit kann bereits im Jugendalter auftreten. Es gibt aber bestimmte Lebensabschnitte, in denen Menschen anfällig für eine Depression sind. Das kann zum Beispiel der Moment sein, wenn jemand in Rente geht. Dann fällt die Tagesstruktur weg, soziale Kontakte werden weniger. Eine Depression kann aber sowohl bei Jugendlichen als auch bei 80-Jährigen auftreten. Bei älteren Menschen besteht die Gefahr, dass die Depression nicht auffällt. Sie leben häufig allein, weil der Partner schon verstorben ist, das soziale Umfeld ist ausgedünnt. Es fehlen Anregungen von außen und Menschen, die Rat geben können.

Werden seit der Corona-Pandemie vermehrt Depressionen diagnostiziert?
Die Pandemie war für fast alle Menschen eine Belastung, jedoch in unterschiedlichem Ausmaß. Besonders betroffen waren Kinder und Jugendliche. Besser damit klargekommen sind meiner Meinung nach ältere Menschen, abgesehen von den Senioren, die allein ohne Besuch im Altenheim leben mussten. Es gibt einen gewissen Anstieg an psychischen Erkrankungen. Das hat aber auch damit zu tun, dass das Thema entstigmatisiert wurde und daher Betroffene Hilfe vermehrt in Anspruch nehmen.

Ist das jetzt gut oder schlecht?
Ich denke, dass es eine Fülle von Menschen gibt, denen bei psychischen Problemen nicht schnell genug geholfen wird. Es gibt aber auch Menschen, die zu schnell krankgeschrieben werden. Die Arbeitswelt hat sich in zahlreichen Berufsgruppen verändert, es kommt vermehrt zu Belastungen. Jemandem, der darunter leidet, kann es helfen, mit dem Chef über eine Reduzierung der Belastung zu sprechen. Wenn Menschen zu schnell krankgeschrieben werden, fehlen manchmal Tagesstruktur und soziale Kontakte. Diese können helfen, eine Depression zu überwinden.

Und was hilft, um gar nicht erst an Depressionen zu erkranken?
Es sind teilweise Faktoren, die auch zu körperlichem Wohlbefinden beitragen. Soziale Aktivität ist wichtig. Je größer mein Netzwerk ist, desto mehr Unterstützung habe ich. Ebenso wird körperliche Aktivität, wie Ausdauersport, empfohlen. Außerdem ist ein gesunder Schlaf-Wach-Rhythmus mit ausreichend Schlaf von etwa acht Stunden förderlich. Und zu guter Letzt sollte auf gesundheitsschädliche Faktoren wie Rauchen, Alkohol, Drogen und unbegrenzte Internetnutzung verzichtet werden. Eine wichtige Botschaft für Betroffene ist, dass Hilfe möglich ist und es verschiedene Psychotherapie-Verfahren und Medikamente gibt.

Zur Person & Termin

Prof. Dr. Michael Deuschle (61) ist Leitender Oberarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim. Er fungiert seit der Gründung vor eineinhalb Jahren gemeinsam mit Dennis Tamke und Dr. Fabian Fußer als Sprecher des Bündnisses gegen Depression Vorderpfalz. Bei seiner Arbeit am ZI bildet er gemeinsam mit Kollegen in einem zwölfstündigen Kurs Menschen aus, damit diese eine Depression erkennen, Rat geben und den Weg in eine Behandlung vermitteln können. Dahinter steckt die Bildungsinitiative Mental Health First Aid. In Deutschland wurden laut Deuschle bereits 38.000 Menschen dementsprechend geschult.
Das Bündnis gegen Depression Vorderpfalz lädt für Donnerstag, 10. Oktober, dem World Mental Health Day, ab 17 Uhr zu einem Vortragsabend zum Thema Depression und Demenz in die Stadthalle in Speyer ein. Um 18 Uhr spricht Claudia Krack von der Alzheimer-Gesellschaft über Unterstützungsmöglichkeiten für Angehörige. Dr. Fabian Fußer, Chefarzt am Pfalzklinikum in Klingenmünster, referiert über Demenzprävention und Michael Deuschle widmet sich ab 20.30 Uhr dem Thema, wie man eine Depression im Alter erkennt und behandelt.

Michael Deuschle
Michael Deuschle
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