Speyer
Debatte um Zukunft des Stadtwalds: „Unsere Wälder sind magersüchtig“
Mit dem Lübecker Konzept der „naturnahen Waldnutzung“, kurz „Lübecker Modell“ genannt, hat Lutz Fähser den gut 5000 Hektar großen Stadtwald der Hansestadt nicht nur ökologisch auf ein höheres Niveau gehoben. „Wir haben auch 30 bis 40 Prozent mehr Ertrag als ein durchschnittlicher Forstbetrieb in Deutschland“, sagte er. Die erstaunliche Verträglichkeit von Ökologie und Ökonomie in diesem Ausmaß sei durch viele Untersuchungen belegt. Das Konzept wird in Lübeck seit 1995 umgesetzt.
Der Speyerer Stadtrat hat im vorigen Jahr beschlossen, dass die Stadtverwaltung eine Nachhaltigkeitsstrategie für eine naturnahe Waldbewirtschaftung entwickelt. Zur Orientierung soll dabei das „Lübecker Modell“ dienen. Ziel sei es, so Beigeordnete Irmgard Münch-Weinmann (Grüne), mit Beteiligung von Fachleuten und Bürgern ein „Speyerer Modell“ zu entwerfen, das die Ökologie ebenso wie Fähser an die erste Stelle bei der Waldbewirtschaftung setze. Beachtet werden müssten auch die weiteren „Leistungen“ des Waldes: Erholung, Klimaschutz und Holzproduktion.
Die Ideen sollen in die mittelfristige Planung, in der Fachsprache Forsteinrichtung genannt, einfließen. Für die Domstadt beginnt die neue Phase 2025 und gilt dann wie bisher schon für zehn Jahre. Wie eine Stadt-Sprecherin auf Anfrage mitteilte, werde anders als bislang kein Mitarbeiter der Forstverwaltung die Forsteinrichtung aufstellen. Der Grund: Personalmangel. Stattdessen werde die Stadt mit der Aufstellung des „Speyerer Modells“ ein Fachbüro beauftragen.
Nur minimale Eingriffe
Was heißt es nun aber, wenn die Ökologie im Zentrum steht? „Der Wald entscheidet selbst, wie er sich entwickelt“, gibt Lutz Fähser als Grundsatz des „Lübecker Modells“ vor, den er „Urproduktion“ nennt. „Unsere Wälder in Mitteleuropa haben sich in den vergangenen 300 Millionen Jahren entwickelt. Sie haben gelernt, sich an den jeweiligen Standort anzupassen und auf Veränderungen wie Klimawandel zu reagieren“, sagte er. Wenn die Förster nur minimal in ihren Wald eingriffen, nur im Ausnahmefall Bäume pflanzten und stattdessen auf natürliche Verjüngung, also das Aussamen der vorhandenen Bäume, setzten, dann entwickle sich ein vitales Ökosystem, betonte der Fachmann.
Als Fähser 1986 Förster für den Lübecker Stadtwald wurde, war das Waldsterben aufgrund sauren Regens und verschiedener Luftschadstoffe in aller Munde. Bis 1994, also innerhalb von acht Jahren, entwickelten er und seine Kollegen eine neue Strategie. „Wir begreifen den Wald als Ökosystem. In der Forstwirtschaft und -wissenschaft arbeitet man stattdessen bis heute meistens auf der Ebene der Baumarten. Deshalb fängt man jetzt an, Bäume aus aller Welt für unsere Wälder zu züchten, die auch bei Hitze und Trockenheit gedeihen. Doch solche Bäume stören das Ökosystem.“
Der 2009 pensionierte Forstdirektor und nach wie vor gefragte, ehrenamtliche Vortragsredner sagte schon zu, die Aufstellung der Forsteinrichtung als Berater zu begleiten. Zudem will er in Dudenhofen referieren.
Zu wenig Holzvorrat?
Der Grünen-Stadtrat und Diplom-Forstwirt Volker Ziesling sagte, dass der durchschnittliche Holzvorrat im Stadtwald lediglich 190 Kubikmeter pro Hektar betrage. Dieser Wert sei bei der Forsteinrichtung 2015 ermittelt worden. „Der Landesschnitt liegt bei 320 Kubikmeter pro Hektar“, fügte er hinzu. Fähser sagte dazu: „Bei einer natürlichen Waldentwicklung, also ohne menschliche Eingriffe, würde hier am Rhein der Holzvorrat zwischen 600 und 700 Kubikmeter liegen. Bei einer naturnahen Waldbewirtschaftung ist das Ziel, 70 bis 80 Prozent davon zu erreichen. Wären also mindestens 420 Kubikmeter.“
In Lübeck sei er 1995 mit 290 Kubikmeter pro Hektar gestartet, so Fähser. „Unsere Wälder sind magersüchtig“, findet er. Inzwischen seien dort 500 Kubikmeter pro Hektar erreicht. „Unser Ziel sind 550 Kubikmeter pro Hektar.“ Die Zunahme habe er erreicht, indem nur noch rund die Hälfte des jährlichen Zuwachses von im Schnitt zehn Kubikmeter pro Hektar geerntet worden sei. „Wir fällen nur Einzelbäume und kleine Baumgruppen“, so der Experte. Die mächtigen Stämme würden sehr gut bezahlt. Allerdings seien sie zu schwer, um von Pferden aus dem Wald gezogen zu werden. „Es kommt dafür ein Forstschlepper zum Einsatz“, sagte er. Der Harvester (Vollernter) sei tabu.
Keine Vollernter mehr
Stadträtin Rosemarie Keller-Mehlem (UfS) wies auf den angenommenen Antrag ihrer Fraktion hin, dass auch in Speyer kein Harvester mehr zum Einsatz kommt. Die schweren Maschinen verdichten den Waldboden stark. Üblicherweise wird für sie alle 20 bis 40 Meter eine sogenannte Rückegasse angelegt. „Wir fällen unsere Bäume mit der Handmotorsäge“, sagte Fähser. Weitere Besonderheiten des Lübecker Modells sind eine starke Bejagung von Rehwild, um junge Bäume vor Verbiss zu schützen, relativ wenig Arbeit für die Forstleute und die teilweise Aussetzung von Naturschutzrichtlinien (Stichwort FFH-Gebiet).
Biologe Jürgen Walter, Vorsitzender des Naturschutzbeirats, war der Ansicht, dass im Gegensatz zu Lübeck dem Artenschutz in Speyer größeres Gewicht beizumessen sei. „Wir haben im Bereich der Sanddünen seltene Arten wie die Nachtschwalbe. Wenn dort ein dichter Wald wachsen würde, käme diese Art bald nicht mehr vor“, erklärte er. Das gilt auch für den Auwald, in dem einige bisher heimische Baumarten wie Esche und Ulme von Krankheiten dahingerafft werden. Fähser rät hier zur Verabschiedung von Vorstellungen, wie der Auwald auszusehen habe. Stattdessen gelte es abzuwarten, welche Waldgesellschaft sich von allein einstellt.