Speyer
Death Metal in der Halle 101
Die Vorderpfalz ist ein gutes Pflaster für Extrem-Metal-Veranstaltungen. Die Veranstaltung war schon Wochen vorher ausverkauft.
Wie verwurzelt die Szene hierzulande ist, merkt man, wenn man von den circa 800 Gästen 700 Gesichter nach vielen Jahren noch irgendwie wiedererkennt und wie alt man ist, daran, dass man sich nur noch an fünf Namen erinnern kann. Die beiden Hauptbands hatten ihren jeweiligen Durchbruch ebenfalls vor ungefähr einem Vierteljahrhundert, Dark Funeral aus Schweden Mitte der 90er mit „Secrets of the Black Arts“.
In der damaligen zweiten Welle des skandinavischen Black Metal waren die Schweden immer die etwas melodiebetonteren, die norwegischen Bands pflegten den rustikaleren Stil, aber gemeinsam ist immer das mal mehr, mal weniger plakativ dick aufgetragene antichristliche Image. Ein beliebtes Trinkspiel der Zeit bestand darin, ein Schnäpschen zu kippen, wenn der Sänger „Satan“ keift.
Unveränderter Stil
Das Problem war, dass man sich hinterher nicht mehr erinnern konnte, wer, oder ob überhaupt jemand gewonnen hat. Von der Urbesetzung ist nur noch Gitarrist Lord Ahriman dabei, aber der Stil blieb offenbar über die Jahre weitgehend unverändert. Über einem meist im Höchsttempo vorgetragenem Gewittergrollen von Rhythmusgitarre, Schlagzeug und Bass liegen melodische, rollende Leads und der keifende Gesang von Heljarmadr, bürgerlich Andreas Vingbäck, der 2014 den langjährigen, seit der Veröffentlichung der ersten LP mitwirkenden Emperor Magus Caligula ersetzt hat.
Obwohl zwischen der Black und der Death- Metal Fraktion der Szene früher eine leichte Rivalität zu spüren war, wollten sich die skandinavischen Schwarzwurzeln ganz bewusst vom US-amerikanischen, von Produzent Scott Burns geprägtem Todesblei absetzen, tauchen Dark Funeral häufig in Tourpaketen mit Bands dieses Genres auf, aber dennoch holen Sie das Publikum ab, so auch hier in Speyer, wo ebenfalls die Cannibal-Corpse-Fans klar in der Überzahl waren, aber trotzdem keiner vor der Halle auf den Hauptact gewartet hat.
Death Metal, benannt nach der namensgebenden Band von Chuck Schuldiner entstand bereits Ende der 80er- Anfang der 90er-Jahre in den USA, wo Bands wie Possessed, Massacre und eben Death das Genre definierten. Einer der Kristallisationspunkte der Szene war Florida, wo ebengenannter Scott Burns die maßgeblichen Bands und Alben produzierte, so auch das Debüt und die frühen Werke von Cannibal Corpse, die noch mit einer sehr ursprünglichen Besetzung unterwegs sind.
Presslufthammer auf einem Lanz-Traktor
Neben Bassist und Drummer sind auch Frontmann „Corpsegrinder“ Fisher und Gitarrist Rob Barett langgediente Recken. Obwohl für Szenefremde sich der Sound anhören mag, als würde ein Presslufthammer einen Lanz-Traktor vergewaltigen, ist die Präzision und Technik der Riffs filigraner und erfordert neben ordentlicher sportlicher Kondition auch höchste musikalische Fertigkeit.
Nicht zuletzt zum Erfolg von Cannibal Corpse beigetragen haben die Kontroversen um Texte und Cover der Band. In der 90ern sorgten die Blut-und Gedärmeorgien noch für Aufsehen. Heute kann man auf jeden beliebigen Fernsehsender eine Zombieserie mit entsprechenden Splattereffekten im Vorabendprogramm schauen, deshalb ist es auch kein Heldenstück mehr, an ein CC-Album mit unzensiertem Cover zu kommen.
In tiefenentspannter Atmosphäre
Aber es hat der Band eine über Jahrzehnte treue Fangemeinde beschert, die in Speyer das Donnerwetter ordentlich abgefeiert hat. Mit Songtiteln wie „Hammer Smashed Face“ oder „Meat Hook Sodomy“ konnte man vor 20 Jahren wunderbar Moralwächter piksen und die folgende Kontroverse war die beste Werbung für das Konzert.
Mittlerweile haben die Hüter des guten Geschmacks scheinbar selbst eingesehen, dass sogar im Vatikan blutigere Gewaltdarstellungen im Museum hängen als bei den fünf Radaubrüdern aus dem „Sunshine State“.
Auch in Speyer war die Atmosphäre so tiefenentspannt wie in einer Hippekommune nach dem Haschkeks-Backwettbewerb. Man passt aufeinander auf und freut sich, als wäre es wieder 1998.