Speyer „Das ist keine Krise“

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Interview: Mit der Niedrigzinsphase und dem sich wandelnden Kundenverhalten erklärt die Sparkasse Vorderpfalz ihren Sparkurs: Bis 2019 fallen 140 Stellen weg. Zwölf Standorte schließen. Dagegen formiert sich Protest. Vorstand Clemens G. Schnell bezieht Stellung.

Herr Schnell, ob in der Pfingstweide oder in Neuhofen – in Stadtteilen und Gemeinden häufen sich Beschwerden über Filialschließungen oder die Herabstufungen zu SB-Stellen. In Speyer hat eine Bürgerinitiative 175 Protestunterschriften gesammelt. Wie gehen Sie damit um?

Zunächst einmal haben wir Verständnis dafür, denn diese Kunden fühlen sich der Sparkasse verbunden. Wir gehen auf jede Beschwerde ein und versuchen, Lösungswege aufzuzeigen. Oft ist es ja so, dass mobile Kunden nicht wissen, wo es weitere Filialen in ihrer Nähe gibt. Und Kunden in Landgemeinden, die nicht mobil sind und einen Nachteil durch Schließungen haben, kommen wir mit unserem Bargeld-Bring-Service entgegen. Warum empfehlen einzelne Politiker den Kunden dann, im Zweifel zur Konkurrenz zu wechseln? Das hat uns überrascht. Und es überrascht uns auch, dass diese „Ratgeber“ die gesellschaftliche Entwicklung total falsch einschätzen. Denn die Niedrigzinsphase und die Digitalisierung sind Phänomene, die alle deutschen Banken betreffen. Darauf werden sich alle einstellen müssen. Vielleicht hat die Sparkasse auch zu spät auf Entwicklungen reagiert. 2013 hat man mit der Niedrigzinsphase überhaupt nicht gerechnet. Wir sind eine der ersten Sparkassen, die sich danach ausrichtet und diese Veränderungen aufnimmt. Wenn man im Markt flexibel reagiert, beurteilt das die Wirtschaft positiv, weil es mittelfristig die Zukunftsfähigkeit sichert. Von daher sind wir auf einem richtigen Weg, Leistungen aufgrund eines öffentlichen Auftrags mit der wirtschaftlichen Notwendigkeit zu verbinden, jährlich einen Überschuss zu erzeugen. Noch mal zur Klarstellung: Nach welchen Kriterien wurden vor der Verkündung Mitte Mai die Standorte für Schließungen oder Herabstufungen ausgewählt? Wir haben alle Standorte mit Blick auf deren Potenzial nach dem gleichen Kriterienkatalog abgearbeitet. Da ging es um Profitabilität, Kundenfrequenz, Beratungsrelevanz, die Lage zu anderen Filialen und zu Wettbewerbern. Unter diesen Gesichtspunkten wurden alle Geschäftsstellen über einen Kamm geschoren und analysiert. Kein Standort wurde bevorzugt oder benachteiligt. Außerdem haben wir parallel dazu unseren Service mit längeren Geschäftszeiten sowie neuen Privatkundencentern verbessert und bauen unser Internetangebot aus. Ab Herbst bieten wir einen Kundenservice rund um die Uhr an. Und mit dann 49 Standorten betreiben wir auch künftig die meisten Filialen im Geschäftsgebiet. Das wird die Betroffenen kaum überzeugen. Sind denn noch Korrekturen möglich? Der Otterstadter Gemeinderat beispielsweise bittet um einen Aufschub der Filialschließung. Der Vorstand und interne Arbeitsgruppen haben sich ein Dreivierteljahr intensiv mit der Thematik beschäftigt und die Kriterien festgelegt. Der Verwaltungsrat hat einstimmig zugestimmt, weil erkannt wurde, dass die gesellschaftliche Entwicklung in eine Richtung geht, in der die räumliche Nähe durch die Digitalisierung in den Hintergrund gedrängt wird. Der Kunde will dann agieren, wann er Zeit hat, und legt weniger Wert auf eine Geschäftsstelle. Diese Entscheidungen sind uns nicht leicht gefallen, aber sie sind nicht mehr umkehrbar. Wir glauben, dass die Kunden das nach einer gewissen Zeit akzeptieren. Wie ist das Echo der Kunden in Ihrem Haus? Gab es bereits Kündigungen? Es gab vereinzelte Kündigungen. Viele Leute nutzen unsere Hotline, um ihrem Ärger Luft zu verschaffen, aber es gab auch viele Kunden, die für unsere Maßnahmen Verständnis zeigten. Die meisten davon sind übrigens mit dem Internet vertraut. Bei uns haben sich Kunden beschwert, die angeblich noch gar nicht über die Umstrukturierungen informiert worden sind. Stimmt das? Das könnte an einem Missverständnis liegen, weil wir nur Kunden benachrichtigen, die betroffen sind. Seit 10. Mai informieren wir lückenlos alle Kunden, es sei denn, im Postverkehr ist etwas schiefgelaufen. Aus einer der drei zentralen Geschäftsstellen am Berliner Platz wird bereits ab Freitag eine SB-Stelle. Wie geht es mit der Immobilie weiter? Mittelfristig brauchen wir diese Immobilie bis auf das Foyer nicht mehr. Das heißt, unsere personellen Kapazitäten werden am Ludwigsplatz konzentriert und das Gebäude am Berliner Platz wird verkauft. Konkretere Pläne haben wir noch nicht. Wie sehr kratzen die ganzen Einschnitte am Image der Sparkasse? Es schmerzt uns, das tut weh, aber die Einschnitte sind notwendig. Sie scheiden am 30. Juni 2018 aus Altersgründen aus dem Vorstand aus. Wie bitter ist es für einen der Kapitäne, in einer Krisensituation von Bord des Sparkassenschiffs zu gehen? Für mich ist das keine Krise. Wie würden Sie es bezeichnen, wenn man dazu gezwungen ist, 140 Jobs abzubauen, zwölf Standorte zu schließen und jährlich bis zehn Millionen Euro einzusparen? Eine Herausforderung. Wir sind mit 500 Millionen Euro Eigenkapital eine starke Sparkasse und und nicht in einer wirtschaftlichen Schieflage. Wir müssen uns gesellschaftlichen Rahmenbedingungen anpassen. Ich finde es spannend, diese Entwicklung mitgestalten zu können. Zur Person Der stellvertretende Vorstandschef ist 63, lebt in Speyer, ist seit 23 Jahren verheiratet, Vater von fünf Kindern, seit 1982 bei der Sparkasse und seit 2007 im Vorstand.

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