Speyer
Das ist der neue „Speyerer Weg zur Inklusion“
Inklusion ist ein weites Feld. Michaela Koch, Jugendhilfeplanerin der Stadt Speyer, kennt den gemeinsamen Nenner: Es gehe immer darum, gesellschaftliche Strukturen an menschliche Bedürfnisse anzupassen. Die aktuell 300 Fälle, um die sich die Verwaltung kümmert, sind so vielseitig wie die Menschen. Da ist der junge Mann im Rollstuhl, der verschiedene Ausbildungen abgebrochen hat, weil er nicht zum Arbeitsplatz kommt. Bekommt er ein behindertengerechtes Auto bezahlt? Da ist das Kindergartenkind, das aggressiv gegen andere und gegen sich selbst auftritt. Oder da sind immer mehr Beispiele von Autismus, die erst mal erkannt werden müssen. Koch: „Je jünger das Kind, desto schwerer ist die Diagnostik.“
„Es ist eine sehr große Bandbreite“, betont die Verwaltungsmitarbeiterin. Der Fachbereich 4 im Rathaus – Jugend, Familie, Senioren und Soziales – ist für die Hilfe in diesen Fällen zuständig. Ein Problem bisher: Die Eingliederungshilfe in zwei verschiedenen Sozialgesetzbüchern verankert und damit unterschiedlichen Abteilungen zugeordnet. Das Sozialamt ist für junge Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung zuständig, das Jugendamt für von seelischer Behinderung Betroffene oder Bedrohte. 120 Fälle sind laut Stadt der letztgenannten Kategorie zugeordnet, 179 werden vom Sozialamt betreut.
Eine statt zwei Anlaufstellen
Die Zusammenarbeit der einzelnen Bereiche soll nun verbessert werden. Sein Fachbereich arbeite daran seit dem Jahr 2021 und wolle bis 2028 die inklusive Kinder- und Jugendhilfe umgesetzt haben, die gesetzlich festgeschrieben werden soll, erklärt Leiter Georg Lehnen-Schwarzer. „Es gibt dann keine zwei Säulen mehr, sondern nur noch eine Anlaufstelle.“ Dass der Beschluss des Bundesgesetzes dazu nach dem Bruch der Koalition in Berlin erst mal auf Eis liegt, bedauern die Rathaus-Verantwortlichen. „Die Fachwelt ist sich einig, dass das kommen muss“, sagt Lehnen-Schwarzer. Der eingeschlagene Weg in Speyer werde daher nicht mehr verlassen.
„Wir arbeiten pragmatisch am Auftrag weiter, inklusiv zu werden“, betont Jugendhilfeplanerin Koch. Schon heute schauten sich die Verantwortlichen in Jugend- und Sozialamt gegenseitig über die Schultern, kämen zusammen, um konkrete Fälle zu besprechen und freuten sich über die in diesem Jahr eingestellte „Verfahrenslotsin“. Amtsinhaberin Melanie Rombach soll die Familien begleiten. Sie sei dabei unabhängig und könne die Betroffenen auch in Widerspruchsverfahren gegen die Stadt unterstützen. Die Verantwortlichen kündigen für die nächsten beiden Jahre zudem Umbauten in ihrem Amtsgebäude Johannesstraße 22a an: Die Bereiche sollten auf einem Flur zusammengezogen und eine zentrale Anlaufstelle entstehen. Koch sagt „ganzheitliche Beratung ohne Unterscheidung“ zu.
Den Familien werde die Reform helfen, sind sich die Praktiker mit Bürgermeisterin Monika Kabs (CDU) einig. Für sie sei es heute oft schwierig, die richtigen Ansprechpartner zu finden. Das habe auch damit zu tun, dass viele Fälle nicht eindeutig zuzuordnen seien oder in beide Rechtskreise fielen. Dazu kämen externe Beteiligte wie stationäre oder ambulante Einrichtungen, mit denen sich die Stadt gut vernetzt sieht. Sie will laut Koch präventiv arbeiten, die Kinder und Jugendlichen selbst in Entscheidungen einbeziehen und kurze Wege gewährleisten. Wichtige Rollen spielten auch freiwillige Angebote wie seit 2023 der „Pinocchio-Treff“ im Familienzentrum K.e.k.s. für Eltern mit beeinträchtigten Kindern. Die Jugendförderung sei ebenfalls hilfreich. „Das soll ausgebaut werden“, so Koch: Bei der „Jufö“ sei neben den integrativen Mal- und Mädchenprojekten etwa ein inklusives Musikprojekt geplant.
Alle Integrationskräfte nötig?
Die Kosten für Eingliederungshilfen sind hoch. Sie steigen tendenziell, im Haushaltsplanentwurf für 2025 auf gut 25 Millionen Euro. Vor allem Steigerungen bei den Sach- und Personalkosten hätten sich in den Vorjahren ausgewirkt, ebenso wie die Zunahme der Fallzahlen. Meist gebe es kein Vertun, um den Betroffenen zu helfen. Bei einigen Aspekten wundere er sich aber schon, sagt Lehnen-Schwarzer: „Wir sehen es etwas kritisch, dass wir zunehmend Integrationshilfen an Schulen haben.“ Seine These: In vielen Fällen wäre eigentlich das Land dafür zuständig, Förderlehrer einzustellen. Dies unterbleibe jedoch, und so müsse die Stadt einspringen. 15 „I-Kräfte“ hätten im November Kinder in Kitas, 71 in Schulen begleitet.
Wenn der „Speyerer Weg zur Inklusion“ mit konsequentem Blick auf die Kinder und viel Austausch seine Wirkung entfalte, seien jedoch auch Lösungen in den „Regelstrukturen“ ohne hohe Kosten möglich, betont Lehnen-Schwarzer. Beim aggressiven Kita-Kind könne etwa schon ein Gruppenwechsel ausreichen. In einem anderen Fall habe ein Kind mit Störung aus dem Autismusspektrum darunter gelitten, dass es zum Konzept seiner Schule gehörte, täglich freie Platzwahl zu ermöglichen. Koch: „Ihm war mit Veränderungen im Klassensaal und klaren Strukturen geholfen.“