Speyer
Clown reist aus der Ukraine an
„Schön, dass hier alles offen ist. Endlich wieder“, sagt Shanna Klinkenberg. Die 54-Jährige ist nur für die Frühjahrsmesse aus der Ukraine angereist. Seit 28 Jahren kommt sie nach Speyer, ist stets auf Messen, Brezelfest sowie Weihnachtsmarkt dabei. Das fröhliche Clownsgesicht geschminkt, das bunte Kostüm perfekt sitzend – das lässt sie sich auch vom Krieg zu Hause nicht nehmen.
„Klinkinchen“ lässt es sich auch nicht anmerken, wie sehr sie der russische Angriff auf die Ukraine mit vielen Toten und Zerstörungen beschäftigt. Ja, sie kenne Leute, die an die Front mussten. Die Situation sei kritisch. Aber es gebe auch viele Hilfen, das habe sie in ihrem westukrainischen Heimatort Czernowitz, nahe der rumänischen Grenze, erlebt. „Es ist dort noch relativ ruhig. Das hat damit zu tun, dass wir nicht so viel Industrie haben“, sagt sie.
Kein Kriegsflüchtling
Klinkenberg ist kein Kriegsflüchtling. Sie hat sich in einen Linienbus gesetzt und ist die 1800 Kilometer in die Pfalz gefahren. Nach der Frühjahrsmesse gehe es wieder zurück, berichtet sie. Sie begrüßt die Besucher am Volksfest-Eingang vom Naturfreundehaus her. Wer bei ihr am Sonnenschirm stehen bleibt, erhält einen Luftballon. Es dauert nur Sekunden, bis sie ein Osterhäschen, eine Katze oder aus zwei Ballons in unterschiedlichen Farben immer wieder eine Blume geknotet hat.
„Wir kommen jedes Jahr zweimal zu ihr“, erzählen Großeltern, deren Enkelin gerade bedacht wird. Eine junge Frau bittet um einen zum großen Kreis geknoteten Ballon: „Für meinen Freund. Soll aussehen wie eine Lyoner.“ Sie spendet einen Euro. Klinkinchen hilft gerne, hat auch persönliche Worte parat. „Manche dieser Erwachsenen habe ich schon als Kinder gekannt“, erklärt sie.
Früher Balletttänzerin
Ihr deutscher Nachname kommt von einem früheren Ehemann. Ihr fast perfektes Deutsch habe sie sich selbst beigebracht, erklärt sie. Klinkenberg hat einen Zweitwohnsitz in Speyer bei der Schausteller-Familie Lemke, deren Imbiss auf der Frühjahrsmesse in Sichtweite steht. Sie liebt Speyer: „Nur freundliche und nette Leute.“ Der Aufenthalt in der zweiten Heimat sei in der jetzigen Zeit auch Ablenkung, das gesteht sie dann doch. Sie informiere sich auch in Deutschland genau über die Situation in der Ukraine. „Es ist schwer, die Nachrichten zu sehen.“
Klinkenberg war einmal Balletttänzerin von Beruf. Heute ist sie Luftballon-Künstlerin und wird als solche auch in der Ukraine gebucht. In Speyer hat sie sich zuletzt 2021 am Domgarten-Rummel beteiligt. Sie will immer wieder kommen, erklärt sie. Die Hoffnung auf Frieden wird sie in 14 Tagen zurück in die Heimat begleiten. Es ist eine Heimat, die bis vor einigen Wochen eng verbunden mit Russland war. „Paradox“ sei der Krieg auch deshalb, sagt sie: „Ich bin zum Beispiel in Irkutsk in Russland geboren und mit einem Jahr in die Ukraine gekommen.“
