Speyer
Chefärztin: Aussagekraft der Inzidenzen nimmt weiter ab
„Manchmal ist vielleicht ein ärztlicher Gesundheitsminister gar nicht so schlecht“, sagt Dr. Cornelia Leszinski. Und manchmal ist es wahrscheinlich auch an anderer Stelle sehr wichtig, echte Experten zu haben. Deshalb lädt Oberbürgermeisterin Stefanie Seiler (SPD) auch regelmäßig Leszinski, die Ärztliche Direktorin des St.-Vincentius-Krankenhauses, zu den digitalen Pressekonferenzen ein, in denen es um die Corona-Lage in Speyer geht. In dieser Woche haben die beiden Frauen dabei deutliche Worte gefunden.
Seiler hat sich über das Hü und Hott zum Beispiel bei den Genesenen- und Quarantäneregeln beschwert, die der Bund vorgibt. Und Leszinski hat hinter die Zahlen und Inzidenzen geblickt, mit denen Statistiker glauben, die Pandemie beschreiben zu können. Eine bittere Erkenntnis: „Der größte Teil der Infizierten ist mutmaßlich überhaupt nicht PCR-getestet.“ Spätestens seit der Priorisierung bei den knappen Test-Kapazitäten sei das so. Viele Betroffene müssten sich auf Schnelltests verlassen, die von den Gesundheitsämtern gar nicht offiziell verzeichnet würden. Wenn Leszinski auf die Entwicklung der Omikron-Variante in den kommenden Wochen vorausblickt, heißt das: „Die Zahlen werden die tatsächliche Infektionsrate nicht wiedergeben.“
„Imaginäre Zahlen“
Die Inzidenzen seien letztlich „imaginäre Zahlen“, die irgendwann nicht weiter steigen könnten, weil Deutschland am Ende der PCR-Test-Kapazitäten angelangt sei, sagt die „Vincenz“-Chefärztin. Wie schlimm es ist, werde man „nur noch an den Auswirkungen merken“, zum Beispiel wenn es wegen vieler Ausfälle bei der Aufrechterhaltung der Infrastruktur und des öffentlichen Lebens hapere. „Das kommt dann ohne Vorwarnung.“ Wenn viele der handelsüblichen Schnelltests den gefürchteten zweiten Strich zeigten, sei es nämlich oft schon zu spät und die Krankheit gegebenenfalls schon weitergegeben. Leszinski: „Sie sind in der Phase der beginnenden Infektion meist noch negativ. Die Patienten sind oft schon symptomatisch, bevor der Schnelltest anschlägt.“ Auch deshalb rät sie davon ab, nach dem dänischen Vorbild die Schutzvorkehrungen zu beenden. „Die Frage ist, was man riskieren möchte“, sagt Leszinski. Einen rasanten Anstieg einfach hinzunehmen, hielte sie für eine „fatalistische Haltung“.
Das Krankenhaus, in dem die Chirurgin als Chefärztin tätig ist, hat nur noch wenige Corona-Positive auf der Intensivstation. Auch dazu trage die Omikron-Variante bei, sagt Leszinski. Sie werde der Klinik aber dennoch große Probleme bereiten, weil sie für Personalausfälle sorge. Diese seien schon spürbar, weil Kolleginnen und Kollegen infiziert seien oder ihre Kinder in Quarantäne betreuen müssten – und das in einer Zeit „mit ohnehin massiver Belastung in allen Bereichen und erhöhtem Krankenstand“. Die Anzahl der Betten müsse reduziert werden.
Ungewissheiten zu Novovax
Trübe Aussichten also. „Wir stehen noch mittendrin in der Welle“, sagt Oberbürgermeisterin Seiler. Ihr Impfkoordinator Peter Eymann fügt ein weiteres Lamento an, wenn er die Hoffnungen auf den Totimpfstoff Novovax einordnet: Ihm lägen noch keine verbindlichen Infos zu dessen Einsatz vor, es sei ungewiss, ab wann er in Speyer verimpft werde und wie er gegen Omikron wirke. Aber das ist ein anderes Thema …