Interview
Buslinien-Chefin: „Bürger brauchen für Fahrten kein Auto mehr“
Frau Blume, besinnliche Vorweihnachtszeit ist anders, als im Advent ein neues Busliniensystem auf die Straße zu bringen, oder?
Natürlich bedeutet das Mehrarbeit. Aber die hat für uns schon im Juni begonnen, als wir den Auftrag für Speyer erneut auf zehn Jahre erhalten haben. Seit diesem Zeitpunkt mussten die Fahrzeuge umgerüstet werden, von der Umlackierung bis zum Einbau einer automatischen Fahrgastzählanlage. Da war richtig viel zu tun in unserer Werkstatt. Das andere Thema, das mir anfangs im Magen lag, war die Rekrutierung von Fahrern. Wir mussten unser Team von 52 auf 91 Fahrer aufstocken. Zum Glück hatten wir unter anderem bei Bewerbertagen einen guten Zuspruch. Was den Dezember angeht, kann ich sagen, dass es überraschend ruhig lief.
Trotz des deutlich erweiterten Auftrags, trotz all der Änderungen?
Wir haben kürzlich intern gesagt, dass wir noch nie so einen unspektakulären Linienbündel-Start hatten. Es läuft richtig gut, und das, obwohl jetzt jeden Tag rund 60 anstatt 35 Fahrer und Fahrerinnen starten. Wir haben eine erfahrene, stabile und erkennbar fröhliche Truppe, auf die ich stolz sein kann. Wichtig ist auch, dass die Fahrzeuge funktionieren, obwohl wir eine ältere Flotte haben. Ich kann sagen: Wir haben gute Vorarbeit geleistet.
Sind die Busfahrer schon mit allem vertraut? Sie kamen ja teilweise aus dem Ausland nach Speyer ...
Ja, sie haben die Tarifschulungen und die Streckenkunde durchlaufen und alle Nachweise erbracht. Wir haben hier auf dem Betriebshof einen Teamleiter Fahrdienst, der sich um ihre Belange kümmert. Er hilft ihnen auch beim Ausfüllen von Formularen, bei der Suche nach Wohnungen und nach Sprachkursen. Unsere zwei größten Gruppen sind Spanier und Griechen, die sich jeweils auch gegenseitig unterstützen und vermitteln. Für den Fall, dass auf der Strecke Rückfragen aufkommen, haben alle 85 Fahrer und sechs Fahrerinnen ein Firmen-Smartphone. Verfahren kann man sich in Speyer übrigens auch kaum, weil die Wege immer dieselben sind: Nach rechts oder links abzubiegen, geht meist gar nicht, wegen der vielen engen Straßen in der historischen Stadt.
Aber sind diese motivierten Leute nicht enttäuscht, wenn sie in den ersten Wochen überwiegend leere Busse durch die Stadt fahren?
Nein, das drückt nicht auf die Motivation. Es war uns auch bewusst, dass es dauert, bis der Zuspruch steigt. Bei der neuen Linie ins Industriegebiet Süd haben wir das schon nach 14 Tagen gemerkt. Insgesamt gehe ich von zwei Jahren aus, bis das volle Potenzial ausgeschöpft wird.
Gerade aus dem Industriegebiet gibt es aber auch schon Stimmen, dass die Fahrpläne nicht zu den Schichtzeiten passen ...
Das sind halt verschiedene Firmen mit verschiedenen Schichtplänen. Als die Stadt dazu vor zwei, drei Jahren ein Gutachten gemacht hat, waren die Zeiten teilweise anders. Auffällig ist hier, dass die Busse vor allem nachmittags schon gut belegt sind. Trotzdem ist bereits klar, dass diese Linie gleich im Januar bei unserem ersten Fahrplananalyse-Gespräch mit dem Auftraggeber eine Rolle spielen wird. Es wird darum gehen, ob Umschichtungen möglich sind, ob ein, zwei Fahrten dazukommen und auch ein Betrieb an Samstagen möglich ist.
Auch aus anderen Stadtvierteln kommen ja schon Beschwerden. Der Seniorenbeirat kritisiert zum Beispiel die vielen Umstiege und fehlende Fahrten in Speyer-West am Wochenende ...
Wenn solche Hinweise kommen, prüfen wir sie und besprechen sie mit dem Verkehrsverbund Rhein-Neckar und der Stadt. Wo wir Abhilfe schaffen können, machen wir das. Bei solchen Feinjustierungen müssen wir aber beachten, dass wir uns innerhalb eines erteilten Auftrags bewegen. Änderungen müssen mit dem bestehenden Fuhrpark zu machen sein und dürfen sich nicht negativ auf Folgefahrten auswirken. Die Linien sind ja getaktet und bauen aufeinander auf. In ihre Ausgestaltung sind natürlich auch die Fahrgast-Erhebungen der vergangenen Jahre eingeflossen.
Auf welchen Linien ist denn schon viel los in den Bussen?
Nach Speyer-Nord sind immer viele unterwegs, aber auch nach Römerberg. Der Bereich des Diakonissen-Stiftungs-Krankenhauses ist jetzt mit vier Linien deutlich besser angebunden, und man merkt auch schon, dass es dafür Bedarf gibt. Die ganz neuen Linien müssen sich erst einspielen. Und natürlich gibt es positive wie negative Aspekte. Wenn jetzt zum Beispiel aus dem Kämmerergebiet Beschwerden kommen, dann kann man das wegen zusätzlichen Umstiegsbedarfs verstehen. Man kann aber auch dagegenhalten, dass es nun einen direkten Anschluss zur Auestraße mit ihren Einkaufsmöglichkeiten gibt.
Sind die neuen Fahrpläne und diversen neuen Möglichkeiten vielleicht zu kompliziert, um wie gewünscht die Leute in die Busse zu holen?
Nein. Um die Leute in die Busse zu holen, muss ich einen guten Takt haben. Das muss ich auch zeigen, und das sieht man entsprechend mit vielen Fahrten zum Beispiel zwischen den beiden zentralen Umstiegspunkten Bahnhof und Postgraben. Wenn der Takt verlässlich ist, dann kommt auch der Zuspruch. Die Leute müssen beim Umsteigen gar nicht nachdenken, wann genau der nächste Bus kommt, denn sie wissen: Er kommt bald.
Bietet die Stadt mit ihren 50.000 Einwohnern überhaupt das Potenzial, um all diese Busse zu füllen?
Klar, dazu kommen ja auch noch all die Pendler und Touristen. Es ist ein guter Fahrplan, und es ist begrüßenswert, dass ihn die Stadt ermöglicht und dafür richtig in die Tasche greift. 1,8 Millionen Linien-Kilometer pro Jahr sind für eine Stadt dieser Größe ein richtig komfortables Angebot. Ich kenne wenig andere Städte, die eine solche Vorleistung erbringen. In Zeiten von Deutschland-Ticket und Klimawandel kann ich nur sagen: Zwischen 6 und 20 Uhr haben wir eine Taktdichte, bei der Bürger für Fahrten in Speyer kein Auto mehr bräuchten. Sie können sich die Parkgebühren sparen – und schneller sind die Busse aufgrund der Ampelbevorrechtigungen auch noch. Ich kann sie nur ermutigen: Nutzt den Bus, probiert es aus, man kommt immer ans Ziel!
Zur Person
Nicole Blume (48) ist seit 2022 Niederlassungsleiterin der DB Regio Bus Südwest GmbH in Speyer. Die Kauffrau, Verkehrsfachwirtin und Betriebswirtin ist seit 30 Jahren im Bus-Bereich des Bahnkonzerns tätig. Den Speyerer Standort in der Heinkelstraße hat sie ab 2012 als Betriebsmanagerin aufgebaut. Inzwischen ist sie für 13 Standorte im Süden von Rheinland-Pfalz und im Saarland zuständig.
