Interview
Blinder Ehrenamtler lobt: „Es wird aufeinander aufgepasst in Speyer“
Herr Pudlich, Sie haben selbst ein Interview in der RHEINPFALZ vorgeschlagen – wie kam es dazu?
Den Anstoß hat eigentlich die letzte Stadtratssitzung gegeben. Nachdem ich die 26 Fragen einer Fraktion über Menschen mit Migrationshintergrund gehört hatte, wollte ich von meinen eigenen Erfahrungen berichten und etwas klarstellen. Ich bin seit 40 Jahren in Speyer, davon 25 Jahre als Blinder mit Führhund unterwegs. Und ich kann nur sagen, dass ich immer wieder Hilfe bekomme, wenn ich in Speyer unterwegs bin – von Muttersprachlern genauso oft wie von Menschen mit ausländischem Akzent.
Sie glauben also, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen zu Unrecht in Misskredit gebracht werden?
Ja, denn es gibt so viele positive Beispiele. Ich habe noch nie das Gefühl gehabt, dass ich in Speyer Angst haben müsste. Wenn ich auch nur zwei Minuten in der Maximilianstraße stehe und auf meine Frau warte, werde ich garantiert von jemandem gefragt, ob ich Hilfe brauche. Diese Woche bin ich über den Berliner Platz gegangen, der wegen seiner Größe eine Herausforderung für meinen Führhund Madox darstellt. Da tippt mich jemand an und führt mich um die Hindernisse herum. Autos halten an, wenn ich über die Straße will. Busfahrer sagen mir Bescheid, wo ich aussteigen muss. Ich bin jederzeit ansprechbar, habe aber als Führhund-Halter die Bitte, dass mein Hund weder angesprochen noch gestreichelt wird, wenn er das Führgeschirr anhat. Es wird aufeinander aufgepasst in Speyer. Ich kann mich hier als Mensch mit Beeinträchtigung wohlfühlen. Und dabei ist völlig egal, wie lang jemand schon in Speyer lebt. Es kommt auf den Umgang miteinander an.
Haben Sie Sorgen, dass dieser Umgang leidet?
Ich wundere mich. Ich wundere mich über Äußerungen, dass es so kriminell sei in Speyer. Ich wundere mich, mit welchen Argumenten gestandene Leute gegen Wohncontainer für Flüchtlinge mobil machen. Die waren ja mal in der Nähe des Oberkämmerer geplant. Ich bin mir sicher, dass kein Grundstück dort in seinem Wert gemindert würde.
Machen Sie auch als Behindertenbeauftragter gute Erfahrungen?
Ja. Erster Ansprechpartner bei Anliegen ist oft die Stadtverwaltung, dort wird getan, was getan werden kann.
Bei welchen Themen zum Beispiel?
Typisch sind Straßenbauprojekte. Nehmen Sie die Ampelanlage am Seppelskasten in der Bahnhofstraße. Da fehlt für mich als Blinder die Bordsteinkante. Oder das Podest vor der Postgalerie, vor dem ein zwei Meter breiter Fußgängerweg fehlt. Wenn ich so etwas vorbringe, finde ich immer Ansprechpartner im Rathaus.
Und dann wird für Abhilfe gesorgt?
Nicht alles geht sofort, aber auch hier gibt es positive Beispiele. Beim Umbau der Einmündung Nonnenbachstraße/Hafenstraße wurden mein Kollege Rhett-Oliver Driest und ich vorab gehört und konnten unsere Punkte anbringen. Genauso wird es sein, wenn die Waldstraßen-Kreuzung vor dem Bahnhof-Parkhaus umgebaut wird. Im Plan sind taktile Leitlinien, Achtsamkeitsfelder und Bordsteinkanten in geeigneten Höhen vorgesehen. Ein Ortstermin mit uns ist geplant. Ich bin da sehr optimistisch.
Auch was Ihre künftige Tätigkeit als Behindertenbeauftragter angeht?
Ja. Ich bin zufrieden, wie es läuft. Die Arbeit macht mir Freude.
Zur Person
Willy Pudlich ist 77 Jahre alt und verheiratet. Zu seiner Familie gehören drei erwachsene Kinder. Er war als Einzelhandelskaufmann und Einkäufer für große Handelsunternehmen tätig, bevor er nach seiner Erblindung infolge eines angeborenen Gendefekts umschulen musste und als EDV-Experte tätig war. Seit 2022 ist er im Ehrenamt städtischer Behindertenbeauftragter.