Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Bewegende jüdische Lebensgeschichte: Leo Waldbott in Speyer

Leo Waldbott (Mitte) mit Familie, wohl in den 1930er Jahren aufgenommen.
Leo Waldbott (Mitte) mit Familie, wohl in den 1930er Jahren aufgenommen.

Mit jüdischem Leben in Speyer befasst sich eine Schriftenreihe, die die Stadt herausgibt. Der jetzt erschienene 22. Band ist dem Lehrer und Kantor Leo Waldbott gewidmet. Enkelin Betsy Ramsay hat autobiografische Aufzeichnungen ihres Großvaters mit Tagebucheinträgen ihres Vaters Georg verwoben.

Im Mai jährte sich Waldbotts Todestag zum 80. Mal. 1867 im pfälzischen Oberlustadt geboren, zählte er zu den bekanntesten Persönlichkeiten der Speyerer jüdischen Gemeinde. Seinen Vater Lazarus hat Waldbott bereits im Alter von zwei Jahren verloren und ist bei Großvater Levi in Steinbach am Donnersberg aufgewachsen. Wie die Vorfahren hat Waldbott den Beruf des Lehrers ergriffen. 1890 kommt er nach Speyer, unterrichtet Kinder in allen öffentlichen Schulen der Stadt in jüdischer Religion und Geschichte. Er heiratet die Rülzheimerin Hermine Rosenberger. Mit ihr zieht er die Kinder Emil, Elisabeth und Georg auf. Zu dieser Zeit gehören der Jüdischen Gemeinde rund 500 Mitglieder an.

1937 als „Chawer“ geehrt

Waldbott wirkt als Kantor, dirigiert den Synagogenchor, spielt die Orgel, singt in der Speyerer Liedertafel, steht dem Briefmarkensammelverein und dem Verein jüdischer Lehrer der Pfalz vor. Ihm glückt die Errichtung eines jüdischen Altersheims in Neustadt. Für seine Verdienste wird er an seinem 70. Geburtstag, dem 28. Januar 1937, vom Bezirksrabbinat mit dem Titel „Chawer“ (Genosse) ausgezeichnet. Nach dem Novemberpogrom 1938 emigriert er nach Detroit/ USA, wo seine Söhne leben.

Mit „Jüdisches Leben in Speyer 1890 bis 1938“ hat die Stadt die zweite familienbiografische Publikation der Schriftenreihe vorgelegt. 1998 erschien in Band neun die Autobiografie von Anny Sulzbach-Seligmann. Die Tochter des Speyerer Kaufmanns Julius Seligmann starb am 8. März im Alter von 104 Jahren in Amsterdam.

Enkelin entdeckt Aufzeichnung von Großvater

Erst zwei Jahrzehnte nach dem Tod ihres Großvaters entdeckt die heute 88-jährige Betsy Ramsay seine Aufzeichnungen. 2008 hat sie die vorliegende Publikation in Jerusalem und New York herausgegeben. Sie beschreibt das Leben der Juden in Speyer nach 1933 aus dem Blickwinkel zweier Generationen: Dem von Leo Waldbott, der lange an Deutschland glaubte, und dem seines Sohnes Georg als Besucher.

Die frühere Stadtarchivarin Katrin Hopstock hat den von Gregor Brand aus dem Englischen übersetzten Text überarbeitet und mit Erklärungen und Anmerkungen versehen. Gerade ihre lokalen Details vermitteln dem Leser auf 112 Seiten einen tiefen Einblick in jüdisches Leben in Speyer vor dem Nationalsozialismus und seinen Veränderungen nach Hitlers Machtergreifung. Zahlreiche Fotografien aus dem Bestand des Speyerer und Neustadter Stadtarchivs sowie aus dem Besitz der Autorin vervollständigen Band 22 der Schriftenreihe.

Betsy Ramsay arbeitete als Journalistin

Ramsay kam in den USA zur Welt. 1955 zog sie mit ihrem Ehemann nach Schweden, wo sie als freie Journalistin und Redaktionsleiterin arbeitete und Englisch, Deutsch, Französisch und Schwedisch lehrte. Seit 1987 lebt und arbeitet Ramsay in Israel.

Leo Waldbott starb, als seine Enkelin acht Jahre alt war. Ihm hat sie ihr Gedicht „Ich hätte ihn so gerne gekannt“ gewidmet, dessen letzte Zeilen lauten: „Als seine Welt zerbrach, brach es ihm das Herz. Ich hätte meinen Großvater so gerne gekannt.“ Mit „Leben in Speyer 1890 bis 1938“ hat sie Leo Waldbott ein eindrucksvolles Denkmal gesetzt.

Lesezeichen

„Leo Waldbott Jüdisches Leben in Speyer 1890 bis 1938“, ISBN 978-3-95505-197-6, 13,50 Euro, erhältlich im Buchhandel.

Enkelin von Leo Waldbott und Buchautorin: Betsy Ramsay.
Enkelin von Leo Waldbott und Buchautorin: Betsy Ramsay.
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