Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Besucherlenkung beim neuen Welterbe bereitet Sorgen

Aus der Luft: Bisher liegen Ein- und Ausgang in der Kleinen Pfaffengasse (rechts). Die Stadt liebäugelt mit einem Ausgang in die
Aus der Luft: Bisher liegen Ein- und Ausgang in der Kleinen Pfaffengasse (rechts). Die Stadt liebäugelt mit einem Ausgang in die Judenbadgasse (Bildmitte).

Der Jubel war groß, als die jüdischen SchUM-Stätten im Juli zum Welterbe aufgewertet wurden. Für den Judenhof als wichtigstes „Ausstellungsstück“ in Speyer wird nun ein deutlicher Besucherzuwachs erwartet. Das weckt im Umfeld der Altstadt-Anlage Befürchtungen.

Auf Besucherzahlen wie in einem Jahr vor der Corona-Pandemie wird der Judenhof sicher wieder kommen – daran zweifelt niemand. Zuletzt seien es 80.000 gewesen, so die Stadt. Ein erster Aufwärtstrend seit der Unesco-Entscheidung kann als Anzeichen dafür gesehen werden, dass die von manchen vorhergesagte Verdoppelung der Zahlen in „normalen“ Jahren nicht utopisch ist. Fakt ist: Es könnte eng werden in der bisher von der Kleinen Pfaffengasse aus zugänglichen Kultstätte. Die Stadt hat daher ein neues Besucherlenkungskonzept angekündigt.

„Die offensichtliche Engstelle beim Besuch des Judenhofs ist der schmale Gang, der derzeit noch als Eingang und als Ausgang benutzt wird“, so Lisa Eschenbach, Sprecherin der Stadtverwaltung, auf Anfrage. Das werde immer dann zu einem Problem, wenn mehrere Gruppen vor Ort seien und sich an dieser Stelle begegneten. Daher kam der Vorschlag auf den Tisch, den hinteren, bisher durch ein Gittertor geschlossenen Ausgang in die Judenbadgasse zu öffnen. Besucher könnten dann „vorne“ rein und „hinten“ raus – eine Durchgangssituation wäre geschaffen, das Problem entzerrt.

Angst vor Müll und Lärm

Für Monika Sohn würden damit die Schwierigkeiten erst beginnen. Sie ist Anwohnerin der Judenbadgasse – im letzten Haus der bisherigen ruhigen Sackgasse – und hat die städtischen Pläne nach eigenem Bekunden „mit Erschrecken“ vernommen. Zehntausende Besucher, die sich nach einer Judenhof-Führung direkt vor ihrem Wohnzimmer sammelten, auf die Treppe setzten oder Müll hinterließen – für sie ist das eine Horrorvorstellung. Als diese Pforte vor gut zwei Jahrzehnten schon einmal so genutzt worden sei, habe sie keine guten Erfahrungen gemacht. Zusammen mit Nachbarn hat sie sich an die Stadt gewandt und einen Ortstermin mit der Oberbürgermeisterin zugesagt bekommen.

Die Stadt kündigt diese Gespräche auf Anfrage für Oktober an. Zuvor werde es Ende September eine Begehung aller Räumlichkeiten im Judenhof-Bereich mit der Stadtspitze und den beteiligten Fachämtern geben. Grundsätzliches Ziel sei, „die Eingangssituation von der Ausgangssituation zu entkoppeln“. Anwohnerin Sohn hat dafür einen Vorschlag in die Debatte eingebracht: Neben dem bisherigen Eingang an der Kleinen Pfaffengasse gehöre der Stadt ein weiteres Haus, dessen Erdgeschoss leer stehe. Dieses könne bei entsprechendem Umbau Teil der Lösung sein. Die Stadt teilt dazu mit: „Diese kleine Wohnung wurde bisher als Erweiterungsfläche für das Museum SchPIRA gesehen.“

Gefährliche Verkehrslage

Die Judenbadgasse ist nicht die einzige „Baustelle“ bei der Judenhof-Erschließung. Auch in der Kleinen Pfaffengasse ist es eng. Der Bürgersteig am Zugang ist nicht allzu breit, direkt daneben passiert der Verkehr. Auch die Lage dort hat eine Anwohner-Initiative auf den Plan gerufen. Ihr gehören Angelika Arbogast, Eva Boltz und Inge Funk an. Sie fordern „ein Konzept für die Besucher des Judenbades, aber auch der hier wohnenden Menschen“. Tempo 30 werde in der Kleinen Pfaffengasse oft nicht beachtet und sei unzureichend ausgeschildert. Gegen die Einbahn-Richtung auch den Bürgersteig nutzende Radler verschärften die Situation. „Teilweise ist es ein gefährliches Chaos hier“, so Funk.

Die Anwohnerinnen machen ebenfalls konkrete Vorschläge. Die Erneuerung der Tempo-30-Kennzeichnung auf der Fahrbahn gehört ebenso dazu wie Leucht-Displays, die Tempo-Verstöße anzeigen, der Einbau von Schwellen und Absperrungen vor dem Judenbad sowie am Stadtsaal. Eine weitergehende Forderung Funks zeigt im Kontext der Sorgen von Monika Sohn, dass es die optimale Lösung wohl kaum gibt: „Der Eingang müsste nach hinten in die Judenbadgasse verlegt werden.“

RHEINPFALZ-Kommentar von Patrick Seiler

Drängende Fragen

So viel Platz wie Speyers erstes Weltkulturerbe, der Dom, bietet der Judenhof an der Kleinen Pfaffengasse nicht. Die Verantwortlichen bei der Stadt werden ein planerisches und diplomatisches Meisterstück vollbringen müssen, um den Bereich fit zu machen für deutlich erhöhtes Besucherinteresse. Dass sich dieser eher nicht für das zusätzliche Besucherzentrum eignet, das die Stadt angeregt hat, liegt auf der Hand. „Es gibt noch keine Festlegungen“, teilt die Verwaltung auf Anfrage zum möglichen Standort mit. Die drängenden Fragen sollten schnell diskutiert werden.

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