Speyer Berührend und beklemmend

Im Zimmertheater in Speyer las am Holocaust-Gedenktag Marli Disqué aus dem Briefroman „Adressat unbekannt“ von Kathrine Kressmann Taylor. Es waren berührende, erschreckende, schockierende und beklemmende Gefühle, die der Briefwechsel zwischen dem jüdischen Kunstgaleristen Max Eisenstein und seinem Kompagnon Martin Schulse bei den Hörern auslöste.
Die amerikanische Autorin schrieb den Roman 1938 und schilderte zu der Zeit bereits in vorausschauender Weise die gefährliche Entwicklung des deutschen Nationalsozialismus. Dazu bediente sie sich eines fiktiven Briefwechsels der beiden Galeristen in der Zeit vom November 1932 bis März 1934. Die Sprecherin begann jeden Brief mit Datum, Ort und Nennung des Absenders – und ihr Tonfall verriet gleich etwas über den Inhalt. Der erste Brief von Max aus San Francisco enthält viel Bedauern darüber, dass sein bester Freund und Geschäftspartner mit Frau und Kindern nach Deutschland zurückgekehrt ist. Max vermisst die gemeinsamen Stunden, die Spätzle von Else, den Wein sowie Martins Verkaufskünste. Auch seine Schwester Griselle, Schauspielerin und kurzfristige Geliebte von Schulse, vermisse die liebgewonnenen Freunde. Martin antwortet aus München, wie gut es ihm dank seines großen Vermögens gehe. Max erkundigt sich nach Hitler, der gerade Kanzler geworden war, worauf Martin enthusiastisch antwortet, Hitler sei wie ein elektrischer Schock, rhetorisch stark, das Volk habe die alte Verzweiflung abgestreift, es ginge eine Woge der Beschleunigung mit ihm durchs Land. Er sei nun auch Parteimitglied. Max ist besorgt über die politischen Vorgänge in Deutschland und befürchtet ein Pogrom, Unterdrückung und Gewalt gegen die jüdische Bevölkerung. Martin hingegen sieht in der Vernichtung der jüdischen Rasse eine Notwendigkeit, um das Blut des deutschen Volkes zu reinigen. Max kann diese Wandlung seines besten Freundes nicht fassen und glaubt, dieser würde unter Zwang so etwas schreiben. Er bittet ihn, auf seine Schwester Griselle aufzupassen, die mittlerweile ein Engagement am Berliner Theater angenommen hat. Martin verbittet sich weitere Briefe des jüdischen Freundes, durch die er in große Schwierigkeiten kommen würde. Als Max einen Brief an seine Schwester mit dem Vermerk Adressat unbekannt zurückerhält, muss er von Martin erfahren, dass dieser seine Schwester nicht beschützt hatte, als diese – von der SA verfolgt – vor seiner Haustür um Hilfe bat. Von nun an schreibt Max 14-tägig Briefe an Martin, die von Malutensilien handeln, die angeblich nach Berlin in eine Kunstmalschule geliefert würden. Die Gestapo vermutet dahinter eine Geheimorganisation und einen geplanten Anschlag. Der letzte Brief von Max an Martin kommt zurück mit dem Vermerk: Adressat unbekannt. Marli Disqué passte ihre Lesung gefühlvoll jeder geschilderten Situation an und gab der Geschichte damit die nötige Spannung. Johannes Landhäuser umrahmte mit seiner Klarinette die Lesung stimmungsvoll.