Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Belastete Notaufnahmen: „Ein Drittel der Besuche ist unnötig“

Droht eine Überlastung der Notaufnahmen? Fachleute schlagen Alarm.
Droht eine Überlastung der Notaufnahmen? Fachleute schlagen Alarm.

Immer mehr Patienten suchen medizinische Hilfe in den Notaufnahmen von Krankenhäusern, auch in Speyer. Dabei geht es häufig aber gar nicht um Notfälle. Droht eine Überlastung?

Worum geht es?
Die Techniker Krankenkasse (TK) schlägt Alarm. Nach ihren Angaben wurden im Jahr 2019, vor der Corona-Pandemie, rund 486.000 Patienten in rheinland-pfälzischen Krankenhäusern als ambulante Notfälle versorgt. Im Jahr 2024 waren es jedoch 648.000 – ein Anstieg von um rund 33 Prozent, also einem Drittel. Dass offenbar immer mehr Menschen die Notaufnahmen aufsuchten, drohten diese zu überlasten. Die TK bezieht sich dabei auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes.

Wie ist die Situation in den Notaufnahmen der beiden Speyerer Krankenhäuser?
Die Interdisziplinäre Zentrale Aufnahme (IZA) des Diakonissen-Stiftungs-Krankenhauses registrierte nach Angaben von Chefarzt Jürgen Majolk im vergangenen Jahr rund 37.600 Patienten. Die Zentrale Notaufnahme des St.-Vincentius-Krankenhauses (ZNA) behandelte laut ihrem Ärztlichen Leiter Thomas Goldmann im Jahr 2025 rund 18.000 Patienten.

Ist das mehr als in den Vorjahren?
Sehr viel mehr. Vor allem, wenn man die Entwicklung über mehrere Jahre hinweg betrachtet. In der ZNA des „Vincenz“ wurden demnach 2025 „im Vergleich zu 2019 fast 50 Prozent mehr Patienten“ versorgt, sagt Goldmann. Majolk spricht von einem um 29 Prozent höheren Aufkommen in der IZA des „Diak“ seit 2020. Damals seien dort noch rund 26.900 Patienten vorstellig geworden. Besonders drastisch sei der Anstieg bei der Anzahl der ambulanten Behandlungen von 11.743 (2020) auf 19.801 (2025), was einer Steigerung von 69 Prozent innerhalb von fünf Jahren entspreche. Die Anzahl der stationären Aufnahmen über die IZA habe hingegen nur um rund 15 Prozent zugenommen, von 15.154 (2020) auf 17.830 (2025). Die Jahre der Corona-Pandemie 2020 und 2021 sind allerdings nur bedingt vergleichbar.

Was sind die Gründe für das steigende Aufkommen in den Notaufnahmen?
Hier nennt Majolk mehrere: So nehme die Asklepios-Klinik in Germersheim seit 2025 nicht mehr an der Akutversorgung teil. Die nächste Notfallambulanz in der Südpfalz befindet sich seitdem in Kandel, was den Speyerer Einzugsbereich vergrößerte. Zudem hätten sich die Anzahl und die Öffnungszeiten der ärztlichen Bereitschaftspraxen verringert. Patienten müssen sich dort auch erst unter der Telefonnummer 116 117 anmelden. Ein weiterer Faktor seien „lange Wartezeiten für Facharzt-Termine“, sagt Majolk. „Ungünstig sind mitunter auch die teilweise fragwürdigen Empfehlungen aus dem Internet, die Menschen bei Gesundheitsproblemen selbst recherchieren“, beklagt der Internist: „Außerdem beobachten wir ein gestiegenes Anspruchsdenken. Alles soll zu jeder Zeit sofort versorgt werden.“ Patienten kämen oft, ohne zuvor ihren Hausarzt konsultiert zu haben.

Wären daher viele Behandlungen in den Notaufnahmen grundsätzlich vermeidbar?
Eindeutig, meint Majolk. Die Anzahl „unnötiger“ Besuche beziffert er auf „zirka 30 Prozent mit stetigem Anstieg“. Die häufigsten medizinischen Probleme, die die Mitarbeiter der IZA des „Diak“ bei Patienten sehen würden, seien neben wirklichen Notfällen wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Blutvergiftung „viele Bagatell-Erkrankungen wie leichtere virale Infekte, bekannte Kopfschmerzen oder leichtere Magen-Darm-Infektionen“. Auch die ZNA des „Vincenz“ registriert laut deren Leiter Goldmann „einen Anstieg der Patienten, die als „nicht dringlich“ eingestuft“ wurden. Wobei der Notfallmediziner betont, dass niemand nach Hause geschickt werde, „bevor nicht ein Arzt sich den Patienten auch tatsächlich angeschaut hat“. Gelange das medizinische Personal jedoch bei der Ersteinschätzung eines ankommenden Patienten zu der Auffassung, die Behandlung sei nicht dringlich, könne es „zu deutlich längeren Wartezeiten“ kommen.

Wie lässt sich einer Überlastung der Notaufnahmen begegnen?
Zum einen durch den Ausbau der Notaufnahmen. Zuletzt investierte etwa das „Vincenz“ rund 6,6 Millionen Euro in größere räumliche Kapazitäten. Goldmann hofft jedoch auch auf ein größeres Bewusstsein in der Bevölkerung „sich rechtzeitig und frühzeitig um die Gesundheit zu kümmern, das heißt zum Haus- oder auch Facharzt zu gehen und mit Beschwerden nicht so lange zu warten, bis eine Vorstellung bei uns in der ZNA notwendig wird“. Er wünsche sich darüber hinaus, „dass die Kassenärztliche Vereinigung (KV) sicherstellt, dass die wichtige Telefonnummer 116117 jederzeit und mit fachkundigem Personal sehr gut erreichbar ist“. Benötigt würden auch „zusätzliche ambulante Versorgungsangebote“, denn „Schmerzen und Erkrankungen halten sich nun mal nicht an Öffnungszeiten“.

Welche Maßnahmen könnten rasch Abhilfe schaffen?
Hier nennt Majolk konkret „die Anzahl und Öffnungszeiten der ambulanten Notfall-Praxen wieder zu erhöhen“, um Druck von den Notaufnahmen zu nehmen. Hier sei die KV gefragt. Der verstärkte Einsatz von Tele-Medizin auch in Rettungswagen könne zudem „unnötige Transporte in die Notaufnahmen reduzieren“. Mittel- bis längerfristig wichtige Bausteine könnte weiterhin sein, integrierte Notfallpraxen zu schaffen, „also Portalpraxen in Kooperation mit niedergelassenen Ärzten und der Notaufnahme“, um die Fälle, die keine Notfallbehandlung benötigten, „unkompliziert und zeitsparend“ an die für sie „geeignete Stelle weiterzuleiten“. Hilfreich wäre hierfür ein Primärarztsystem, wie es aktuell diskutiert wird. Dieses sieht vor, dass die erste Anlaufstelle für Patienten künftig der Hausarzt sein soll. Dieser entscheidend dann über die weiteren, eventuell fachärztlichen, Behandlungsschritte.

Jürgen Majolk, Chefarzt der Interdisziplinären Zentralen Notaufnahme des „Diak“.
Jürgen Majolk, Chefarzt der Interdisziplinären Zentralen Notaufnahme des »Diak«.
Thomas Goldmann, Ärztlicher Leiter der Zentralen Notaufnahme im „Vincenz“.
Thomas Goldmann, Ärztlicher Leiter der Zentralen Notaufnahme im »Vincenz«.
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