Speyer Bei Regen auf der Überholspur
Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung. Das hat für Alina und Patricia bis Sonntag auch gegolten. Gestern Morgen aber ging’s raus aus den Federn. Der erste Schultag brachte nicht nur Müdigkeit, sondern auch Regen beim Warten am Zentralen Busbahnhof in Speyer. Der erwacht langsam zum Leben, am Montagmorgen um 6.55 Uhr.
Still ruhen sie noch, die Haltestellen, im schummerigen Licht der Laternen. Die erste Bewegung: eine Leerfahrt. Mit einem Knopfdruck des Fahrers hinter der geschlossenen Türe wird die zur Linie 566. Altenheim/Viehtriftstraße ist als Richtung dem Fahrplan zu entnehmen. Vom Busbahnhof aus geht es nahezu überall hin im Stadtgebiet und auch außerhalb. Nach Dudenhofen zum Beispiel. In die dortige Realschule plus wollen Alina und Patricia mit ihren Freundinnen kommen. Oder besser: sie müssen. „Es war schon schwer rauszukommen heut morgen“, gibt Alina zu und grinst. Die meisten schauen eher unglücklich drein angesichts des Schulbeginns nach der ausgedehnten Entspannungsphase über die Feiertage. Taktgefühl ist das A und O im Busverkehr. Die Leuchtanzeigen an den elektronischen Tafeln laufen in Dauerschleife und bieten so immer den aktuellsten Stand der Abfahrtszeiten und Ziele. Die Zufriedenheit der Mädels mit dem Chauffeurdienst zur Schule ist nicht grenzenlos. „Manchmal sind sie nicht pünktlich“, wirft Patricia ein. „Manchmal kommen sie auch gar nicht“, ergänzt Alina. Nicht zu vergessen: Busfahrer, die Haltestellen übersehen oder die Schüler nach dem Weg fragen. Morgens um sieben kann scheinbar doch schon öfter einiges aus den Fugen geraten. Am Busbahnhof ist heute nicht der Fall. Es geht Schlag auf Schlag. Eine ganze Bus-Karawane biegt auf das Gelände ein und verteilt sich an den zugewiesenen Stationen. 563, 572, 567, 564. Wer nicht täglich mit den Nummern zu tun hat, sollte sich über deren Ziele vorab schlau machen, sonst ist der Zug – oder besser: Bus – abgefahren. Auf die Minute trudeln die Busse, die seit 2014 von der Ludwigshafener Rheinpfalzbus GmbH betrieben werden, zum Dienstbeginn ein. „Pfalzflugzeugwerke/Stadtwerke“ ist auf der Kennung der Linie 564 in der Signalfarbe Orange zu lesen. Ein junger Mann hat genau auf diese gewartet. „Bei Regen fahr’ ich meist mit dem Bus, sonst mit dem Rad“, erklärt er. Direkt vor seiner Ausbildungsstätte könne er aussteigen; ein großes Plus für den 17-Jährigen, der bei der Fahrt ein erstes Frühstück einnimmt. Bevor der Lehrling einsteigen kann, muss sich die Linie 564 entladen. Voll besetzt ist die jetzt schon. Meist strömen junge Leute heraus und zielstrebig auf die Bahngleise zu. Das Wechselspiel zwischen Straße und Schiene funktioniert. Zwischen die Schülerscharen mischen sich Geschäftsleute. Die nächste „Leerfahrt“ kommt an, stellt auf „Mechtersheim“ um. Noch steht kein Mitfahrer bereit. Dafür ist die 564 wenig später erneut Zubringer weiterer junger Leute, die raus aus Speyer wollen. Mark Bachtler ist Student in Mannheim und regelmäßiger ÖPNV-Nutzer. „Bisher bin ich immer ans Ziel gekommen“, sagt er und spurtet schnell weiter. Auch bei ihm gibt’s noch Kaffee und Brötchen „to go“. Kälte und Schnee vermisst keiner beim Warten. Nur Alina meint: „Ich fänd’s nicht schlecht. Dann wär’ ne Schneeballschlacht drin, wenn der Bus nicht pünktlich ist.“ Heute ist er es, wie sich herausstellt. Die erste Unterrichtsstunde nach den Ferien wird für die Mädchen pünktlich beginnen. Die Serie Für diese Serie, eine Momentaufnahme aus den Alltag, sind wir jede Woche gezielt in der Stadt unterwegs.