Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Bürger ärgert sich über „falsche“ Corona-Inzidenz

Taschenrechner hilft: Die Inzidenzberechnung ist nicht ganz einfach.
Taschenrechner hilft: Die Inzidenzberechnung ist nicht ganz einfach.

Die Inzidenzwerte sind nicht alles, heißt es immer wieder. Und doch werden sie zur Begründung vieler politischer Entscheidungen in der Pandemie-Bekämpfung herangezogen. Einen Speyerer wurmt es, dass die Werte rechnerisch nicht nachvollzogen werden können. Er sagt: „Wenn Konsequenzen an diesen Wert gekoppelt werden, dann muss er verlässlich sein.“

Axel Sütterlin ist kein Mathematiker, sondern promovierter Sprachwissenschaftler. Dennoch macht sich der Speyerer seit Monaten die Mühe, die Inzidenzwerte nachzurechnen. Sie geben an, wie viele Bürger einer Gebietskörperschaft sich innerhalb der vergangenen sieben Tage neu mit dem Coronavirus infiziert haben. Damit das mit anderen Städten und Landkreisen vergleichbar wird, wird der Wert jeweils auf 100.000 Einwohner bezogen.

Ab 100 keine Freigastronomie mehr, ab 150 kein Terminshopping, ab 165 kein Präsenzunterricht mehr in den Schulen – Speyer kennt die Auswirkungen der jeweils von Land und Bund vorgegebenen „Notbremsen“. Sütterlin hat das bedrohliche Anwachsen der Rate auf über 500 kurz vor Weihnachten ebenso miterlebt wie die jüngsten Schwankungen. Jeden Tag hat er nachgerechnet. Bilanz: „Etwa gleich sind die Zahlen nur an zwölf Tagen ab 1. Januar 2021.“ Die „sogenannten offiziellen Zahlen“ hätten fast immer unter seinen gelegen. Sütterlin verwundert auch das: „Nach statistischen Grundsätzen müsste sich bei festzustellender Unschärfe nach einer gewissen Zeit ein Ausgleich ergeben. Auf diesen warte ich seitdem.“

Werte weichen ab

Einige Beispiele: Am 24. April vermeldete das Landesuntersuchungsamt (LUA), dessen Zahl tags darauf auch das Robert-Koch-Institut (RKI) übernimmt, für Speyer 195,8 als Inzidenz. Sütterlin kam auf 228. Die rund 700 Flüchtlinge in der Aufnahmeeinrichtung des Landes in die Einwohnerzahl eingerechnet, wie es die Stadt fordert, wären es 224. Für Dienstag vermeldete das Land 203,7, Sütterlin 184. Das ist einer der wenigen Tage, an denen sein Wert niedriger war. Dabei hat er die Sieben-Tage-Inzidenz immer so berechnet, wie sie seiner Ansicht nach berechnet werden sollte: Wenn etwa dienstags neue Fälle hinzukommen, „fliegen“ die für den Dienstag der Woche zuvor aus der Berechnung.

Das LUA kennt die Probleme. Auf seiner Homepage kommt man mit drei Klicks auf eine Seite, die die Berechnung erklärt (lua.rlp.de/de/unsere-themen/lexikon/lexikon-c/coronavirus-7-tage-inzidenz/). Es betont dabei auch: „Da Außenstehende nicht das Meldedatum zu jeder einzelnen Meldung haben, ist für sie die Berechnung der 7-Tage-Inzidenz nur annähernd möglich. Eine Berechnung auf Grundlage der Tagesdifferenz führt fast immer zu einer Überschätzung der Inzidenzwerte.“

Bund und Länder sind sich einig

LUA-Sprecher Achim Ginkel erklärt es auf Anfrage so: Wenn an dem beispielhaft gewählten Dienstag eine Neuinfektion erst nach der Übertragung der Daten durch das Gesundheitsamt ans LUA um 14 Uhr bekannt werde, fließe sie erst mittwochs in die Berechnung der Inzidenz ein. In der Woche darauf falle sie jedoch schon am Dienstag heraus, weil sie ja eine Infektion vom Dienstag sei. Somit werde sie nur sechs, nicht sieben Tage bei der Berechnung berücksichtigt. „Wir bekommen manchmal den Vorwurf, dass so die Inzidenz systematisch tief gehalten werden solle“, so Ginkel. Das sei aber nicht der Fall: „Es ist der einheitliche Modus, auf den sich Bund und Länder verständigt haben und der auch die Grundlage der politischen Entscheidungen ist.“

Wenn viele Fälle erkennbar verzögert in die Berechnung einflössen und die Inzidenz somit „künstlich“ absenkten, könnten das Kommunen berücksichtigen, betont Ginkel. In der Stadt Speyer bringt das wiederum das Problem mit sich, dass sich die Stadtverwaltung mehr Informationen vom Rhein-Pfalz-Kreis wünschen würde, bei dem das Gesundheitsamt angesiedelt ist. „Wir versuchen das immer nachzuvollziehen, uns fehlt aber der Gesamtüberblick“, sagt Rathaus-Sprecherin Lisa Eschenbach auf Anfrage. „Uns fehlt der Einblick, wann und wie das Gesundheitsamt die Fälle meldet.“

Gesundheitsamt beeilt sich

Das Gesundheitsamt sieht sich ebenfalls nicht an entscheidender Stelle. Sprecherin Kornelia Barnewald sagt, für die Inzidenzberechnung sei das LUA zuständig. „Es handelt sich um eine amtliche Berechnung, die nach bestimmten Regularien erfolgt, die von uns nicht beeinflusst werden können.“ Grundsätzlich gelte, dass ein positiver Fall „in der Regel taggleich, spätestens jedoch einen Tag später in die Meldezahlen mit einfließt“. Eines erklären die Pressesprecher Ginkel und Barnewald: Täglich zwischen 14 Uhr nachmittags und 3 Uhr nachts seien auch die Zahlen von LUA und RKI unterschiedlich, weil erst um 3 Uhr das RKI den Datenabgleich mache. Maßgebend für politische Entscheidungen sei der jeweilige RKI-Wert.

Bürger Axel Sütterlin stellt all das nicht zufrieden: „Wenn es Sieben-Inzidenz heißt, sollte es auch eine solche sein und keine Sechskommairgendwas-Tages-Inzidenz.“

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