Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Ausstellung „Geschichten und Gesichter“: Geflüchtete schreiben Briefe

Umgeben von Briefen: Melissa Müller und Said Jafary vor der Ausstellungswand in der Postgalerie.
Umgeben von Briefen: Melissa Müller und Said Jafary vor der Ausstellungswand in der Postgalerie. Foto: Lenz

Wer in diesen Tagen durch die Speyerer Innenstadt läuft, kann in den Schaufenstern von 16 Geschäften Ungewöhnliches entdecken: handgeschriebene Briefe, an die Öffentlichkeit gerichtet, in denen fremde Menschen sich und ihre Geschichte vorstellen. Dazu Fotos der Autoren. Was soll das Ganze? Antwort liefert die Interkulturelle Woche.

Said Jafary ist ehrlich. Die neunte Klasse an der Siedlungsschule hat er im ersten Anlauf nicht geschafft. Grund waren seine schlechten Deutschkenntnisse. An denen habe er gearbeitet, sich auch mit Hilfe seiner deutschen Freunde verbessert. Mittlerweile hat der 17-Jährige seinen Hauptschulabschluss in der Tasche, macht eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann beim Tankstellenbetreiber Aral. Vor vier Jahren ist er mit seiner Familie aus Afghanistan nach Deutschland gekommen. Seitdem lebt er in Speyer.

Um das zu erfahren, muss man Jafary nicht persönlich fragen. Er hat diesen Teil seiner Geschichte aufgeschrieben. Sein Brief hängt im Schaufenster des Sportgeschäfts Sakul in der Maximilianstraße und an einer aufgestellten Wand in der Postgalerie. Dort sind auch Briefe von Omar aus Syrien, Haben aus Eritrea oder Milad aus Iran zu lesen.

14 Menschen mit Fluchterfahrung haben ihre Geschichten aufgeschrieben. Sie alle sind Teil der Ausstellung „Geschichten und Gesichter“, die zum Programm der Interkulturellen Woche (IKW) gehört. Koordiniert wird sie von Melissa Müller, die beim Diakonischen Werk der Pfalz für Integrations- und Quartiersarbeit in Speyer-Nord zuständig ist. „Sie liegt mir sehr am Herzen“, sagt die 29-Jährige über die Ausstellung, die im vergangenen Jahr Premiere bei der IKW gefeiert hat.

Fuß zu fassen wird schwieriger

Damals gab es die Briefe nur im Kulturhof Flachsgasse und in der Gemeinschaftseinrichtung im Birkenweg zu sehen. „In diesem Jahr wollten wir die Plattform erweitern“, erklärt Müller. Also habe sie Geschäftsinhaber in der Innenstadt angefragt. 16 sagten zu, je einen Brief in ihre Schaufenster zu hängen. Gebündelt sind alle Briefe zudem in der Postgalerie zu sehen.

Müllers Ziel: Begegnung schaffen zwischen Geflüchteten und Einheimischen. Daran mangele es in Speyer. Es sei zunehmend schwieriger für Geflüchtete, Fuß zu fassen in der Gesellschaft. „Es fehlt an Kontakt“, sagt sie. Das wiederum führe zur Entstehung von Vorurteilen. „Dann wird schnell über etwas gesprochen, ohne die Hintergründe zu kennen“, so Müller. Dem habe sie entgegenwirken wollen. Es sei wichtig, hinter das Wort „Geflüchtete“ zu blicken. „Dahinter stehen Menschen mit Gesichtern und Geschichten.“

Nicht jeder, den Müller für das Projekt gewinnen wollte, habe sich getraut, mitzumachen. „Manche waren sehr vorsichtig, was ich verstehen kann“, sagt sie. Said Jafary habe nicht gezögert, als die 29-Jährige ihn fragte. „Ich fand die Idee sehr interessant, anderen Menschen zu zeigen, dass es Leute gibt, die eine Chance verdient haben“, sagt der 17-Jährige im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Seine habe er genutzt, sagt er mit Blick auf seine Ausbildung. Der Weg dahin war nicht leicht. „In der Schule kannte ich anfangs die Leute nicht, habe die Sprache nicht verstanden“, erinnert er sich.

Stolz und traurig zugleich

Dennoch habe er in seiner Zeit in Deutschland bisher nicht viele negative Erfahrungen gemacht, das Positive überwiege. „Wenn ich gut bin zu den Menschen, sind sie auch gut zu mir. Jeder Mensch ist auch ein Spiegel“, lautet sein Credo. „Ich habe hier viele tolle Menschen kennengelernt, die unterstützen wollen“, sagt er und blickt grinsend zu Müller.

Die ist sichtbar gerührt von dem, was sie hört – und in den Briefen liest. „Ich kenne diese Menschen seit Jahren. Die Briefe rühren mich zu Tränen. Ich bin stolz, wenn ich sehe, was sie geleistet haben, teilweise aber auch traurig, denn ich kenne die Familiengeschichten“, sagt sie. Einige der Geflüchteten hätten Schreckliches erlebt. „Es berührt mich, zu sehen, wie stark sie sind“, so die Projektkoordinatorin.

Viele positive Nachrichten fische sie täglich aus der Feedback-Box zum Projekt in der Postgalerie. „Bisher waren nur ein, zwei kritische dabei. Aber das ist vollkommen in Ordnung“, findet sie. Ein Kritikpunkt: Die Ausstellung zeige nur gut integrierte Menschen. „Natürlich gibt es noch viel mehr Geschichten. Aber diese 14 Menschen haben verdient, dass über sie berichtet wird. Sie haben eine Chance verdient, sie sind super integriert, und das kann man auch mal so stehen lassen.“

Zur Sache: Teilnehmer und Termine

Die Ausstellung „Geschichten und Gesichter“ ist bis einschließlich Donnerstag, 3. Oktober, in der Postgalerie und in folgenden Schaufenstern zu sehen: DM-Drogeriemarkt, Springers Kaffeemanufaktur, Schmitt Mode, Spei’rer Buchladen, Blumenhaus Nothelfer, Weltladen, DRK Kleiderladen, La Cantina, Eis Café Caesar, Chamäleon, Beisel-Hüte, Stiller Radsport. Sakul, Wonderpots Frozen Yogurt, Modehaus Kissel, Tee Contor.

Für Samstag, 28. September, 12 bis 15 Uhr, laden Arbeitskreis Asyl und Diakonisches Werk zur Aktion „Essen verbindet“ am Geschirrplätzel ein. Es gibt Spezialitäten aus verschiedenen Ländern. Das ganze Programm der Interkulturellen Woche gibt es im Netz unter interkulturellewoche.de/2019/datenbank/speyer.

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