Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Ausfall von Einschulungsuntersuchungen bereitet Sorgen

Vor der Einschulung die Untersuchung: nicht mehr in allen Fällen.
Vor der Einschulung die Untersuchung: nicht mehr in allen Fällen.

Auch in diesem Jahr wird es keine flächendeckenden Untersuchungen der künftigen Erstklässler durch das Gesundheitsamt geben. Corona-bedingt kommt – wie schon 2020 – nur ein kleiner Teil der Kinder zum Amtsarzt. Aus Sicht eines Speyerer Schulleiters ist das sehr problematisch.

Seh- und Hörfähigkeit, Motorik, geistiger Entwicklungsstand – das sind wichtige Themen der Einschulungsuntersuchungen. Die Fünf- bis Sechsjährigen absolvieren sie seit Generationen tapfer vor den Amtsärzten. Die meisten werden als reif eingestuft. Das ist aber nicht in allen Fällen so. „Ohne die Untersuchung fehlt uns eine ganz entscheidende Info, ob die Kinder bei uns von Anfang an besonderen Förderbedarf haben oder ob sie von vornherein an einer Förderschule besser aufgehoben wären“, sagt Wolfgang Braunstein, Leiter der Zeppelinschule.

Im vorigen Jahr, als die beginnende Pandemie die Termine teilweise unmöglich gemacht hatte, seien daher einige Kinder „unter dem Radar geblieben“, so Braunstein. Es sei zu spät aufgefallen, dass sie falsch zugeordnet waren – eine Belastung für sie, für ihre Familien und für die Schule, wie er sagt. „Nach Schuljahresbeginn haben wir relativ schnell gemerkt, dass es gar nicht geht.“

Nur manche werden untersucht

Damit solche Fälle möglichst selten bleiben, sind die Untersuchungen nicht völlig ausgesetzt. „Im Moment werden die Kinder überprüft, von denen ein Förderauftrag für die Einschulung in eine Förderschule vorliegt, und die Kinder, die von den Grundschulen als auffällig in der Entwicklung gemeldet wurden, mit der Frage, ob eine sonderpädagogische Überprüfung sinnvoll wäre“, berichtet Kornelia Barnewald, Pressesprecherin des Rhein-Pfalz-Kreises, bei dem das Gesundheitsamt für die Vorderpfalz angesiedelt ist. „Die Zahlen ändern sich fast täglich, da immer noch Förderaufträge mit der Post kommen.“ Danach werde noch versucht, diejenigen Kinder zu überprüfen, für die die Eltern eine Rückstellung wünschten. Wenn jedoch weder die Eltern, noch die Kita am Kind zweifeln, wird dieses derzeit in der Regel nicht untersucht.

Braunstein hadert nicht mit dem Gesundheitsamt, weil er um dessen Belastung in der Corona-Krise weiß. Er sehe aber die Realität vor Ort. Und ohne die Ärzte seien Zweifelsfälle „schwer zu beurteilen“. An seiner Schule gebe es noch den „Schulkindergarten“, der für Abhilfe sorgen könne, wenn es rechtzeitig Hinweise auf Entwicklungsschwierigkeiten gebe. Erfahrene Erzieherinnen betreuten dort die betreffenden Kinder in Kleingruppen, die somit zwar noch keine Erstklässler, aber schon „ein Teil des Schulbetriebs“ seien. Das helfe ihnen ein Jahr später beim Einstieg in die erste Klasse sehr. In Speyer gebe es diese Sonderform sonst nur noch an der Woogbachschule. Sie sei vom Land eigentlich nicht mehr vorgehen, werde jedoch geduldet. Braunstein betont: „Gerade derzeit ist es sehr positiv, dass wir dieses Angebot noch haben.“

Termine stehen noch aus

219 Kinder aus Speyer, die doch untersucht werden sollen, waren dem Kreisgesundheitsamt für das Schuljahr 2021/22 bereits gemeldet worden, berichtet Pressesprecherin Barnewald. Mitte voriger Woche war man aber noch weit davon entfernt, sie alle eingeladen zu haben: „Bisher wurden von der Stadt Speyer 17 Kinder gesehen, für 27 weitere wurde ein Termin vereinbart.“ Auch für Ludwigshafen, Frankenthal und den Rhein-Pfalz-Kreis ist das Gesundheitsamt zuständig. 3372 Einschulkinder stehen laut Kreis in der Summe auf der Liste. „Bisher gesehen wurden 177 Kinder, 74 sind bis Mitte Februar noch terminiert“, bilanziert Barnewald.

Die Zeppelinschule versucht nun, selbst ein Stück weit gegenzusteuern: Am 5. Februar ist ohnehin ein Test für die „Kann-Kinder“ angesetzt, die altersbedingt noch nicht eingeschult werden müssen, aber nach Ansicht ihrer Eltern reif für den Klassensaal sind. „Dieses Jahr haben wir zusätzliche Kinder eingeladen“, so Braunstein. Fünf junge Speyerer seien es, die nach Rückmeldungen aus den Kitas kommen sollten. Es sei dann eine pädagogische und keine medizinische Einschätzung, aber auch die könnte im Zweifel helfen.

RHEINPFALZ-Kommentar von Patrick Seiler

Es lohnt sich

Hoffentlich ist es das letzte Jahr, in dem die Einschulungsuntersuchungen teilweise ausgesetzt sind.

Gerade weil derzeit in anderem Zusammenhang so viel über das Gesundheitsamt diskutiert wird, ist es wichtig, zu betonen: Mit den Einschulungsuntersuchungen leistet es alljährlich einen gesellschaftlich wertvollen Dienst. Vielen Bürgern ist dies gar nicht bewusst. Es ist die Leistung, die das öffentliche Gesundheitswesen – abgesehen von Corona – am stärksten in der Bevölkerung verankert. Daher ist es umso bedauerlicher, dass sie 2021 wie im Vorjahr stark eingeschränkt werden muss. Gerade bei den Jüngsten lohnt es sich, genau hinzusehen, denn in diesem Alter können viele Defizite mit gezielter Hilfe gut behoben werden. Wäre die Pandemie doch nur vorbei …

Wolfgang Braunstein
Wolfgang Braunstein
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