Speyer Auf der Suche nach Nachtschwärmern

Erst mal mache ich mir ein Bier auf. So habe ich das schon immer gemacht, wenn ich neu war in einer Stadt und mal schauen wollte, was abends so los ist. Ein bisschen durch die dunklen Straßen streifen, sich von beleuchteten Fenstern den Weg weisen lassen, Fußgänger ansprechen und mal sehen, was passiert. Ich starte um 20 Uhr am Rathaus in Dudenhofen. Mein Ziel: Mindestens mit einem Dudenhofener anstoßen. Zwei Flaschen Bier habe ich in meiner Jackentasche, vielleicht klappt es ja schon bei dem jungen Mann, der alleine auf einer Parkbank sitzt. „Verzeihung, kommen Sie aus Dudenhofen?“, frage ich. Er schaut mich erschrocken an. „No deutsch“, murmelt er. „Englisch?“, frage ich. „Französisch?“ Er schüttelt den Kopf. „Romania“, sagt er. Rumänisch kann ich leider nicht, also gehe ich weiter. Zwei junge Männer kommen aus einer Dönerbude. Pascal und David, beide Anfang 20. „Wir haben gerade am Automaten gezockt“, sagt Pascal. Glück gehabt? „Ne, deswegen haben wir aufgehört und uns einen Döner gekauft.“ Was können die Jungs über Dudenhofen erzählen? „Ich war hier auf der Schule“, sagt David. „In Speyer bin ich von der Schule geflogen, hier nehmen sie jeden, das ist die Schule für die Assis.“ Wir unterhalten uns ein bisschen, dann frage ich: „Kann ich euch auf ein Bier einladen?“ „Ne, wir müssen mal weiter“, sagt David. Alles klar, Händeschütteln, weiter geht’s, das war doch schon mal ganz nett. Ich laufe an der Dönerbude vorbei, ein paar Leute sitzen darin vor Spielautomaten. Zur Not setze ich mich später dazu, denke ich, aber erst mal schauen, was in den Straßen so los ist. Ein älterer Mann durchsucht Müllsäcke, er ist wohl auf der Suche nach Pfandflaschen. Ob er sich über eine volle Bierflasche freuen würde? Ich gehe langsam auf ihn zu, sage „Guten Abend“, er schaut erschrocken auf, stößt zur Begrüßung einen Grunzlaut aus, ich gehe lieber weiter. Einen Müllsack in der Hand hat auch Susanne Müller, die 52-Jährige stellt ihn gerade vor ihrer Haustür ab. Was man abends in Dudenhofen machen kann? „Für junge Leute gibt es da eigentlich wenig“, sagt sie. Es sei eben ein ruhiger Ort, auch wenn ihr der Verkehr vor ihrer Haustür manchmal schon zu viel sei. Auf eines der Biere in meiner Tasche lade ich sie nicht ein, falls der Moment dazu da war, habe ich ihn verpasst. Wenig später bereue ich es, ich streife durch dunkle Nebenstraßen, auch hinter den meisten Fenstern ist es düster. Soll ich irgendwo klingeln? Eigentlich hatte ich mir das vorgenommen, jetzt erscheint es mir doch etwas zu aufdringlich. Also gehe ich zurück zu dem einzigen Ort, wo etwas los war, der Dönerbude. Auf dem Weg treffe ich den Rumänen wieder, er sitzt jetzt auf einer anderen Parkbank und starrt auf sein Handy. In der Bude bestelle ich ein Bier und setze mich neben die Spielautomaten. Der Chef möchte sich nicht mit mir unterhalten, er sei erst seit fünf Monaten hier. Die anderen Männer starren auf die blinkenden Spielautomaten, Symbole rattern über Bildschirme, es piept, es sieht nicht aus, als säßen hier große Gewinner. Gesprochen wird ausschließlich türkisch, so komme ich nicht weiter. Gegenüber arbeitet ein auffällig durchtrainierter Mann noch in seinem Laden, als ich die Dönerbude verlasse, kommt er gerade aus dem Geschäft. „Darf ich Sie auf ein Bier einladen?“, frage ich. „Warum?“ „Ich bin neu hier, und möchte mich mit Einheimischen unterhalten.“ „Sorry, ich muss noch arbeiten“, sagt er. Ich ziehe weiter. Plötzlich ist auf einer Kreuzung überraschend viel los, gerade ist bei der Fahrschule eine Unterrichtsstunde zu Ende gegangen, erfahre ich. Kira Mayer ist 23 Jahre alt, kommt aus dem Ort, mustert aber direkt etwas skeptisch die offene Bierflasche. Ob sie auch eins will? „Nein, Zuhause wartet das Essen“, sagt sie. Empfehlen könne sie den Woogbach, wenn man den 15 Minuten entlanglaufe, kämen da sehr schöne Stellen. Auf gut Glück im Dunkeln einem Bach folgen? Lieber nicht. Stattdessen unternehme ich einen letzten Versuch bei einem Paar, das mir entgegenkommt. In der Hand haben sie einen mit Alufolie bedeckten Pappteller. „Hier gibt es nix, kulturell ist Dudenhofen tot“, sagt die Frau. In dem Moment fängt es an zu tröpfeln. Ob die beiden ein Bier mit mir trinken wollen? Leider nein, aber, immerhin, für ein Foto kann ich den Mann dazu überreden, mit mir anzustoßen. Mit der verschlossenen Flasche. Auf dem Heimweg sehe ich ein letztes Mal den Rumänen, er lehnt jetzt alleine an einer Hauswand. Ich nicke ihm zu, bin relativ zufrieden: Das Anstoßen mit einem Einheimischen kann ich abhaken, nur das gemeinsame Trinken fehlt noch. Aber es gibt ja noch ein paar Orte rund um Speyer. Etwas aufregender dürfte es schon noch werden.