Speyer „Auf dem Land war so etwas unvorstellbar“
Weniger die politischen Anliegen der Studenten als die Bilder vom gewaltsame Protest haben sich bei der Hanhofener Ortsbürgermeisterin Friederike Ebli (SPD) ins Gedächtnis eingebrannt. Die 1950 geborene Ebli hat zu der Zeit eine Ausbildung zur Arzthelferin gemacht. Sie erinnert sich an eine Fortbildung, die sie in Berlin absolviert hat. Als sie mit anderen in der Stadt unterwegs war, sei die Gruppe plötzlich in die Nähe einer gewaltsamen Demonstration gekommen. „Da haben wir auf der Hacke umgedreht. Wenn man aus dem ländlichen Raum kam, war das ja unvorstellbar“, sagt sie. Inhaltlich habe sie durchaus Berührungspunkte zu den Forderungen der 68er gehabt. „Es gab Ansichten, die ich nachvollziehen kann. Die haben sich um das soziale Gefüge gekümmert und sich gegen das Kapital gestellt“, sagt Ebli. Anderes habe sich nicht so dargestellt, wie es zunächst erschien. „Ich dachte, dass die Leute für Frauenrechte eintreten. Aber das haben sie nicht wirklich getan.“ Am meisten habe sie aber die Gewalt abgeschreckt. „Als ich die Szenen beim G-20-Gipfel in Hamburg gesehen habe, fühlte ich mich wieder daran erinnert“, sagt sie. Ganz ähnlich wie Ebli hat auch Kurt Kögel aus Berghausen die Zeit um das Jahr 1968 erlebt. Kögel sitzt für die Grünen im Römerberger Ortsgemeinderat und ist auch im Verbandsgemeinderat vertreten. Seiner Partei wird zwar eine gewisse Nähe zu den 68ern nachgesagt, doch für Kögel war die Revolution damals weit weg. „Ich bin in Berghausen in einem guten Umfeld groß geworden, habe meine Lehre zum Maschinenschlosser bei der BASF gemacht“, blickt der heute 66-Jährige zurück. Er sei damals eher angepasst gewesen, habe zum Beispiel keine langen Haare gehabt. „Die 68er Revolte habe ich eher bei den Studenten verortet“, sagt er. Auch Kurt Kögel hat die Gewalt gestört, deren Bilder auch in Berghausen über die Bildschirme geflimmert sind. „Trotzdem hat die Zeit zum Nachdenken angeregt“, findet Kögel. Besonders der Tod von Benno Ohnesorg habe ihn bewegt. „Man hat wahrgenommen, dass gesellschaftlich etwas nicht stimmt.“ Vietnamkrieg und Prager Frühling hätten bei seiner Politisierung ebenfalls eine Rolle gespielt. Als er zur Bundeswehr eingezogen werden sollte, verweigerte Kögel den Dienst und verpflichtete sich stattdessen für zehn Jahre bei der Feuerwehr. Als in der Pfarrgemeinde engagierter junger Mann wurde er durch Misereor auf das Thema Entwicklungsländer aufmerksam. Auch beschäftigte sich Kurt Kögel zunehmend mit dem Thema Naturschutz, der für ihn „das Bewahren der Schöpfung bedeutete“. Das Umweltthema war auch der ausschlaggebende Grund für den Eintritt bei den Grünen in den 1990er Jahren. Die Entwicklung in der Welt heute betrachtet er mit Sorge, insbesondere den Rückfall in nationalstaatliches Denken. Ob es heute eine Wiederbelebung der 68er-Bewegung bedürfe? „Nicht als Revolution, aber als Idee“, findet Kurt Kögel. Anders als Ebli und Kögel hat Jürgen Creutzmann die 68er-Revolte aus studentischer Perspektive als angehender Betriebswirt an der Universität in Mannheim erlebt. „An der Uni Mannheim hat man studiert und weniger demonstriert“, erinnert sich der 1945 geborene Dudenhofener FDP-Politiker. „Trotzdem kann ich mich gut an eine Großdemonstration erinnern, die vom Asta organisiert wurde, die sich gegen das Vorgehen der Polizei bei den Studentendemonstrationen in Berlin und insbesondere gegen das Attentat auf Rudi Dutschke im April 1968 richtete. Es war die erste Demonstration an der ich teilnahm“, sagt Creutzmann. Viele Themen der 68er – Ablehnung der Großen Koalition, Kampf gegen Autoritäten und Notstandsgesetze, für Gleichstellung von Minderheiten sowie mehr sexuelle Freiheiten – seien von den Freien Demokraten, denen er seit 1966 angehörte, unterstützt worden. Mit „von großen Teilen der Bewegung geteilten linksgerichteten Zielen wie Abschaffung des Kapitalismus“ hätten er und seine Partei hingegen nichts anfangen können. Aus heutiger Perspektive sieht der Dudenhofener bei der 68er-Bewegung „nicht nur Licht sondern auch Schatten“. Creutzmann: „Die Kaufhaus-Brandstiftungen von Andreas Baader und Gudrun Ensslin, die Anschläge der RAF, das Bedienen antibürgerlicher, antireligiöser, antifamiliärer Reflexe, und die Gewaltbereitschaft vieler 68er gehören sicherlich zu den negativen und dunkelsten Kapiteln deutscher Geschichte.“ Unverständlich sei für ihn auch die Sympathie vieler Studentenführer für kommunistische Diktatoren wie Ho Chi Minh und Mao Tse-tung, positiv findet Creutzmann dagegen den Kampf für mehr Freiheit, mehr Selbstbestimmung, mehr Achtung und für den Schutz von Minderheiten, den Protest gegen den Radikalenerlass und die Unterstützung des Prager Frühlings sowie die Ablehnung der griechischen Militärdiktatur. Keine großen Sympathien für die 68er-Bewegung hat hingegen Rudi Fuchs (CDU), bis vor Kurzem Beigeordneter in Waldsee. Fuchs hat zu der Zeit in Landau studiert, um Lehrer zu werden. Dort sei es „ganz ruhig“ gewesen, von revolutionärer Stimmung keine Spur, erinnert sich der 70-Jährige. Fuchs wohnte ohnehin weiter in Waldsee und pendelte in die Südpfalz. In den Medien habe er die Entwicklungen natürlich mitverfolgt. Mit „Dutschke und wie sie alle heißen“ habe er aber nichts anfangen können. „Ich bin eher konservativ und war da politisch anderer Meinung“, sagt er. Das Leben in Waldsee sei damals noch sehr traditionell und religiös geprägt gewesen, erinnert er sich. „Jetzt geht die Welt unter“ – das sei die Reaktion der Großmutter seiner Frau gewesen, als sie zum ersten Mal die Beatles gehört und gesehen habe, hat er noch im Gedächtnis. „Aber es war eine schöne Zeit. Jeder hat jeden gekannt“, findet er.