Speyer
Auch ohne Richterin Barbara Salesch: Justiz wirbt um Talente
Richterin Barbara Salesch im Fernsehen? Haben die Speyerer nicht nötig. Bei der „Woche der Justiz“ in Rheinland-Pfalz haben sich Amtsgericht und Sozialgericht am Dienstag etwas Besonderes einfallen lassen: jeweils ein nachgestelltes Strafverfahren und ein Verfahren vor dem Sozialgericht, mit echten Richtern, beim Strafverfahren auch mit einem echten Staatsanwalt und einem echten Strafverteidiger. Beim Sozialgerichtsverfahren wurden sämtliche Funktionen mit Richtern besetzt.
Die Rolle des Angeklagten im Strafverfahren, von der Polizei vorgeführt, weil er beim fiktiven ersten Termin nicht erschienen war, hatte einer der Justizbeamten übernommen, ebenso wurden die vier Zeugen von Mitarbeitern des Gerichts gespielt. Richter Nikolas Häusler spielte quasi sich selbst, ebenso Staatsanwalt Martin Laforet und Strafverteidiger Tobias Hahn. Auch die Protokollführerin war „echt“. Beim Sozialgerichtsfall leitete der echte Richter Thilo Liebhaber die Sitzung, Richter Stephan Pauls moderierte und gab auch eine kurze Einführung in die Regeln des Verfahrens.
Spaß an den Rollen
Authentischer ging es nicht. Auch die Fälle waren so nah wie möglich an der Wirklichkeit. Der Angeklagte war vor Gericht gelandet, weil er in einem Gemeinschaftswohnheim einer Mitbewohnerin ohne den geringsten Anlass eine „Kopfnuss“ verpasst hatte, sodass sie bis zum nächsten Tag Kopfschmerzen hatte, anschließend mehrere Blumentöpfe eines anderen Mitbewohners zerdepperte und dann sich noch mal der Mitbewohnerin zuwandte, ein Messer hinter dem Rücken. Im Juristendeutsch hieß dies: Eine Anklage wegen Körperverletzung, Sachbeschädigung und des Versuchs einer gefährlichen Körperverletzung, „gefährlich“ wegen des Messers. Dazu stand er mit 3,03 Promille unter erheblichem Alkoholeinfluss.
Im Urteil schrumpfte der Versuch der gefährlichen Körperverletzung zur Bedrohung, weil er noch weit weg vom Opfer war, als er überwältigt wurde. Besonders die Justizmitarbeiter stiegen mit Leidenschaft in ihre Rollen ein, Anwandlungen von Lampenfieber störten nicht, schließlich geht das echten Zeugen vor Gericht nicht anders. Der Mitarbeiter, der einen renitenten Zeugen im breiten Dialekt darstellte, wegen Kaugummikauens verwarnt, erntete viel Gekicher bei den Schülern, die den Saal füllten.
Corona eine Berufskrankheit?
Nicht ganz so lustig war es beim Sozialgericht, wo es um die Anerkennung einer Corona-Infektion als Berufskrankheit ging. Es war ein echter Fall, anonymisiert. Zweck des Tages war die Werbung für beruflichen Nachwuchs, den die Justiz dringend braucht, ob Richter, Rechtsanwälte, Justizfachangestellte, Rechtsanwaltsgehilfen oder andere Berufe. Dazu gab es auch Informationsstände des Anwaltsvereins und der Jugendstrafanstalt Schifferstadt sowie jede Menge Infos von Amtsgerichtsdirektor Hans-Jürgen Stricker und vom Schifferstadter Notar Walter Grenz. Später kam noch Justizstaatssekretär Matthias Frey (FDP) hinzu, der sich eine der Verhandlungen ansah. „Sinn dieser Woche ist es, die Justiz besser im Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern und Vorurteile abzubauen“, sagte er.
Gerichtschef Stricker zeigte sich sehr zufrieden von der Resonanz. „Wir haben besonders die Jahrgangsstufen neun und zehn der Schulen eingeladen. 250 Schüler sind gekommen. Aber auch Erwachsene waren da, die wissen wollten, was hinter den Kulissen des Gerichts so passiert.“
Und die Schüler? Interessant fanden es alle. Nach einem kleinen Anlauf wurde lebhaft gefragt. Bei einigen bestanden doch noch deutliche Zweifel, ob die Justiz beruflich was für sie sein könnte, andere konnten es sich vorstellen. Die Mitarbeiter der Justiz ermutigten sie: Ihr Beruf sei kein bisschen langweilig, weil er viel mit Menschen zu tun habe.