Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Auch im Ruhestand Erinnerung an die Kämpfe bei den Flugzeugwerken

Immer wieder: Metaller-Kundgebung bei PFW, hier 2007.
Immer wieder: Metaller-Kundgebung bei PFW, hier 2007.

Günter Hoetzl, seit 2008 Erster Bevollmächtigter der IG Metall Ludwigshafen-Frankenthal, geht in den Ruhestand. Er war der erste Ansprechpartner der Gewerkschaft auch für den Bereich Speyer und dort PFW Aerospace als größten Betrieb. Auch im Ruhestand will er „gewerkschaftliche Konzepte für die Zukunft“ entwickeln – und lobt ein Beispiel aus Speyer.

Günter Hoetzl hat die Szene noch vor Augen, als wäre es gestern gewesen. Aufsichtsratssitzung des Druckmaschinenherstellers Koenig & Bauer AG (KBA) in Würzburg. Direkt vor Beginn der Sitzung, so berichtet er, sei eine bereits ausgeteilte Vorlage wieder eingesammelt worden. Titel: „Schließung Werk Frankenthal“. Das war das Signal, auf das die Gewerkschafter lange gewartet hatten – 2011, nach einem massiven Streik im pfälzischen Werk, dessen Mitarbeiter für die Fortführung des Betriebs gekämpft hatten: „sechs Wochen und zwei Tage lang“. Gemeinsam zu kämpfen lohne sich, weiß Hoetzl, der im Mai 63 wird. Das hätten Erfahrungen wie diese gezeigt. „Das war richtig klasse.“

„Ich wollte Urlaub“

Beim früheren Frankenthaler Pumpenhersteller Balcke-Dürr hat Hoetzl, der aus Lambsheim stammt, den Beruf des Modellschreiners gelernt. Später arbeitete er dort als Materialprüfer. Eine ganz praktische Frage habe ihn damals in Kontakt mit Betriebsrat und Gewerkschaft gebracht, erzählt er mit einem Lächeln: „Ich wollte Urlaub, um den Mopedführerschein zu machen.“ Das Thema konnte geklärt werden – und der 15-Jährige schloss sich der IG Metall an.

„Ich bin dann zum Jugendvertreter gewählt worden“, berichtet Hoetzl, „und mit 24 Jahren wurde ich stellvertretender Betriebsratsvorsitzender“. Einige Jahre später, als Vorsitzender des Betriebsrats, sah er sich dann mit Schließungsplänen des Betriebs konfrontiert. Das Ende, der Verkauf an Halberg in Ludwigshafen, kam 1988. „Das war eine leidvolle Geschichte“, sagt er. Schließlich sei es um Entlassungen gegangen, „und man hat ja alle Betroffenen gekannt. Aus Frust bin ich jeden Abend fünf, acht, zehn Kilometer gerannt – das war mein Ventil.“

Der damals 31-Jährige bildete sich ein Jahr in der Akademie der Arbeit des DGB weiter. Ab 1989 arbeitete er als Jugendsekretär der Gewerkschaft. Hoetzl wurde dann in den 90er-Jahren Zweiter Bevollmächtigter der IG-Metall-Region. 2008 übernahm er als Erster Bevollmächtigter von seinem Vorgänger Alfred Kuffler die Führung der Verwaltungsstelle mit Zuständigkeit für rund 10.000 Mitglieder im Bereich Kirchheimbolanden, Grünstadt, Frankenthal, Ludwigshafen, Speyer.

Kritiker der Agenda-Politik

Den richtigen Ton anzuschlagen, Vertrauen aufzubauen – darauf kommt es nach seiner Erfahrung an. „Es gibt Menschen, die können in zehn Minuten 1500 Leute in Tiefschlaf versetzen“, spottet Hoetzl über allzu selbstgewisse Vortragsredner. Als Praktiker weiß er: Man muss sein Gegenüber ernst nehmen – gerade, wenn es unterschiedliche Standpunkte gibt. Respekt ist da ein Schlüsselbegriff. Und „man muss immer miteinander reden“, gerade bei Konflikten – „sonst wird’s später noch schwieriger“. Das bedeute nicht, „dass man dabei seine eigene Gesinnung verraten muss“.

Als Kritiker der Agenda-Politik des SPD-Kanzlers Gerhard Schröder gehörte Hoetzl 2004 in Rheinland-Pfalz zu den Mitgründern der Wahlalternative für Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG), die später in der Partei Die Linke aufging. 2012 bis 2013 war er stellvertretender Linken-Landeschef in Rheinland-Pfalz. Parteimitglied ist er immer noch – nun aber in Hessen, wo er seit 1999 wohnt.

Zu den Erfolgsgeschichten seiner Amtszeit rechnet Hoetzl die positive Entwicklung bei den früheren Pfalz-Flugzeugwerken in Speyer, die heute als PFW Aerospace ein wichtiger Zulieferer der Luftfahrtbranche sind, ebenso wie die Erhaltung des Frankenthaler Maschinenbauers Kühnle, Kopp & Kausch. Bitterste Erfahrung sei die Schließung des Halberg-Pumpenwerks in Ludwigshafen 2017; 250 Beschäftigte verloren ihren Arbeitsplatz. „Wir hatten da einen schlechten Organisationsgrad“, sagt er im Rückblick, zudem habe es Streit im Betriebsrat gegeben. Leider habe man da nicht mehr erreichen können.

Zukunftsdialog in Speyer

Um die Zukunft seiner Gewerkschaft ist Hoetzl nicht bange. Gerade unter den Jüngeren habe man zuletzt mehr Nachwuchs gewinnen können als in den Vorjahren. Um die Zukunft gut zu gestalten, werde man stärker als bisher Gespräche mit weiteren gesellschaftlichen Gruppen suchen müssen, glaubt der 62-Jährige. Ein Vorhaben, das ihm besonders am Herzen liegt, ist der auf Initiative der IG Metall gestartete „Zukunftsdialog Speyer“: „Universität, Stadt, Arbeitgeber, Bürger“ – für alle Interessierten wolle man damit eine Gesprächsplattform zu Zukunftsfragen bieten. „Da will ich weiter mitmachen“, sagt Hoetzl.

Im Übrigen gilt für den künftigen Rentner Hoetzl: „Der genießt das Leben.“ Der Gewerkschafter sagt’s und lacht. „Mehr mit Frau und Tochter unternehmen“, viel Radfahren, aktiv bleiben – das hat er sich vorgenommen. Birgit Mohme, bisher Zweite Bevollmächtigte, sollte bei einer Delegiertenversammlung am 31. März zu Hoetzels Nachfolgerin gewählt werden. Wegen der Corona-Krise mussten die Gewerkschafter kurzfristig einen anderen Weg einschlagen: „Ich habe meinen Rücktritt zum 31. März erklärt“, sagt Hoetzl. „Der Vorstand hat Birgit Mohme kommissarisch als Nachfolgerin eingesetzt.“ Die Wahl solle dann nachgeholt werden.

Auch bei der Linken engagiert: Günter Hoetzl.
Auch bei der Linken engagiert: Günter Hoetzl.
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