Speyer
Alte Techniken, neuer Nutzen: Rheinbogen gegen Hochwasser gesichert
Der 13-Kilo-Hammer bleibt für den Moment noch stehen. Die jungen Männer greifen zum fünf Kilogramm schweren Exemplar, um die Holzpfähle in die Böschung des Rheinufers zu hauen. Die Teamarbeit funktioniert. „An der Berufsschule hat man dazu weniger Gelegenheit“, sagt Oliver Kühl. Der Wasserbauer-Azubi des Speyerer Standorts im Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt (WSA) ist einer von acht Lehrlingen aus Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg, die am Speyerer Salmengrund – einem Abschnitt nahe der Rheinhäuser Fähre – im Einsatz sind. „Hier kann man die Technik ausprobieren.“
Es geht um Feinheiten des Wasserbaus, die das Uferstück im Süden der Domstadt aufwerten sollen. Im Speyerer Rheinbogen bei Flusskilometer 396 läuft seit voriger Woche ein Ökologie- und Lernprojekt. Auf der ruhigeren Seite des Stroms – die volle Kraft des Wassers prallt in der Kurve ans badische Ufer – hat sich über die Jahre eine Kiesbank gebildet. Sie ist inzwischen von Weidenbüschen bewachsen, die Schutz für die Nester von Bodenbrütern wie Stockenten oder Fasane bieten. Hochwasser hat diese Kiesbank jedoch laut WSA zwischen 2022 und 2024 abgetragen. Die Nistplätze wurden weniger. Von Fressfeinden wie Füchsen oder Mardern gefährdet sind sie ohnehin.
Naturverbau hilft weiter
Abhilfe wird nun mit einem sogenannten Naturverbau mit einer historischen Technik geschaffen: Es entsteht eine Uferbefestigung mit Weiden-Faschinat. Sie soll Hochwasserschutz bieten, aber auch aus der Kiesbank bei höherem Wasserstand eine Insel machen, die ein Schutzhabitat für Bodenbrüter bietet. „Zurück zu den Wurzeln“, beschreibt Projektleiter Tristan Sontowski den Ansatz. Der 33-jährige Wasserbauer beim WSA Speyer leitet die jungen Kollegen an. Er hat Lehrbücher zu den alten Techniken gewälzt und ist überzeugt, dass die ökologische Aufwertung einen Vorbildcharakter auch für andere Bereiche haben kann: „Die Zeiten, in denen Beton als Allheilmittel im Wasserbau gesehen wurde, sind vorbei.“
Vor allem seit den 1960er-Jahren sei der Einsatz von Weidenholz in der Uferbefestigung in den Hintergrund gerückt und weitgehend in Vergessenheit geraten, berichten Sontowski und Wasserbaumeister Gerhard Lehr. Sie sehen das Potenzial, das zu ändern. An ruhigeren Gewässern – Bäche, der Altrhein, der Neckar, von dem auch Azubis nach Speyer gekommen sind – sei die Technik sehr gut geeignet. Am Rhein müssten die richtigen Einsatzbereiche gefunden werden, berichtet Sontowski. „Wir probieren in den kommenden Jahren noch weitere Techniken aus“, kündigt er an.
Beim aktuellen Projekt wurde die Insel per Bagger mit einer Art Kanal von der Landseite abgetrennt. Unter anderem Pfahl- und Faschinenreihen sowie Weidenflechtzäune sollen das Ufer stabilisieren. Das normale Kies-Sand-Gemisch könnte einem Hochwasser nicht standhalten. Allein vier verschiedene Methoden werden laut Sontowski für die 20 Meter eingesetzt, an denen das WSA-Team aktuell im Einsatz ist. In den nächsten Jahren gehe das Projekt weiter, um mehr als 100 Meter Länge zu erreichen. Dabei entsteht nicht nur ein Damm aus abgeschnittenem Weidenholz, sondern dieses wird auch noch mit Kies und Sand bedeckt, treibt nach einigen Monaten aus und bildet über die Zeit eine Reihe neuer Bäume und Sträucher.
Günstig und effektiv
Sontowski betont, dass kaum dreistellige Kosten für den Kauf von Material anfielen. Die Weiden stammen aus einem eigenen Bestand, der vor mehr als 100 Jahren für die Schifffahrtsverwaltung am Speyerer Rheinufer im Bereich Werft/Liebesinsel angelegt wurde. Er sei aber lange kaum noch benötigt und nicht mehr richtig gepflegt worden. Auch das werde sich jetzt ändern: Als vor einigen Wochen das frische Holz geerntet war, wurden wieder neue Stecklinge verteilt. „Das sorgt für neue Pflanzen, welche das Feld insgesamt verjüngen und uns bei richtiger Pflege mehr Material für die kommenden Jahre bescheren.“
Die Auszubildenden sind hochkonzentriert am Werk. Oben am Uferweg flechten zwei junge Männer mit hörbar südbadischem Zungenschlag sogenannte Faschinenwalzen, fünf Meter lang, 30 Zentimeter dick. Die richtige Flechttechnik und ein spezieller Draht halten das Reisig zusammen. Die Walze wird später ein paar Meter die Böschung hinunter geschafft, wo sie verbaut wird. Neben Oliver Kühl packt Philipp Lemmert mit an. Beide sind Azubis am Standort Speyer und beim Ortstermin besonders gern dabei. Normalerweise werde auf dem Areal ihrer Koblenzer Berufsschule geübt – Trockenübungen für die Wasserbauer. „Ein Projekt mit Faschinat kommt nicht so oft vor“, sagt Kühl.
Zur Sache
Speyer beheimatet einen der sieben Außenbezirke des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts Oberrhein mit Hauptsitz in Freiburg. Am Standort Im Hafenbecken 2 unter der Leitung von Jens Abendroth sind rund 40 Mitarbeiter tätig. Sie verantworten auf 39 Kilometern beide Ufer des Rheins vom Berghäuser Altrhein bis kurz nach der Frankenthaler Autobahnbrücke sowie einige Neckar-Kilometer in Mannheim. Zu den Aufgaben der Behörde gehören die Verwaltung der Wasserstraßen, die Betreuung der Binnenschifffahrt, Tiefenmessungen, Hydrogeologie und die Pflege des Ufers sowie angrenzender Bereiche.