Speyer „Als der Krieg aus war, haben alle gebetet“
Sie kennen sich seit 50, 60 oder 70 Jahren: Zahlreiche Schülerjahrgänge treffen sich bis heute regelmäßig. Was hält sie nach so langer Zeit noch zusammen? Sind es die Kindheitserinnerungen? Haben sich die Träume von damals erfüllt? Die Serie stellt heute den Jahrgang 1937 aus Dudenhofen vor.
73 Abc-Schützen sind im April 1943 zum ersten Mal in die Dudenhofener Volksschule gegangen. „Ein starker Jahrgang“, betont Hans Braun, der sich mit 15 Klassenkameraden von einst im „Schwarzen Gockel“ trifft. Bis zur vierten Klasse haben die 35 Mädchen und 38 Jungen gemeinsam das von Nonnen geführte Schulhaus am heutigen Rathausplatz besucht. Viele von ihnen waren zuvor schon im angeschlossenen Kindergarten. Darunter „dreimal Zwillinge und fünfmal Flörchinger“, erinnert sich Maria Daßler. Sie ist mit ihrer Zwillingsschwester Anneliese Zürker da. Auf dem Einschulungsfoto sind sie nicht auseinanderzuhalten. Ohne Brillen sehen sich die beiden noch heute zum Verwechseln ähnlich. „Neun von uns sind entschuldigt“, verkündet Fritz Flörchinger. Er verwaltet die Listen der Mitschüler, die inzwischen auf acht Jahrzehnte zurückblicken. Auch Amanda Worf gehört jetzt zu den 80-Jährigen. „Für unseren Monatstreff habe ich meine Geburtstagsfeier auf Samstag verlegt“, sagt sie. „Mein Vater musste nicht in den Krieg, weil das zehnte Kind unterwegs war“, erinnert sich Flörchinger an in mehrfacher Hinsicht glückliche Umstände für seine Familie. 16 hungrige Mäuler habe seine Mutter täglich stopfen müssen, berichtet er aus dem Bäckerhaushalt. „Da wurde gegessen, was auf den Tisch kam.“ Mit Schaudern denkt Erika Bredel an stundenlanges „Strammstehen und den Arm zum Hitlergruß heben“ zurück. „Abstützen war nicht erlaubt.“ Hans Braun stimmt der Klassenkameradin zu: „Der Hitlergruß war Vorschrift.“ Beide erinnern sich an Väter, die die Einberufungsbescheide ihrer Söhne verbrannt hätten. „Das war lebensgefährlich.“ Ausschließlich Lehrer hätten sie bis zum Kriegsende unterrichtet, weist Bredel auf das Lehrverbot für Nonnen im Dritten Reich hin. Ganz genau erinnert sich Braun an den 8. Mai 1945: „Als der Krieg aus war, haben alle gebetet.“ Im letzten Schuljahr hat er seine spätere Frau Susanne kennengelernt. Eine Sudetendeutsche, die aus der Oberpfalz in die achte Klasse der Dudenhofener Volksschule gekommen ist. „Wegen der Arbeit“, sagt Susanne Braun und erzählt von Flucht und Armut bis zur Ankunft im Dorf. „Wir sind zusammengeblieben und haben 1962 geheiratet. Bis heute hält die Ehe.“ „Jetzt geht’s los“: Mit dem Trinkspruch stößt der Jahrgang 1937 auf das Leben an. Kerwe und Fasching hätten sie beim Fußballverein oder im Gasthaus „Zum Ochsen“ gefeiert, erzählt Susanne Braun. Das Kino sei damals die Attraktion in Dudenhofen gewesen. „Mein Mann fuhr einen Motorroller. Das war schon was“, sagt sie. Irmgard Kinscherff erinnert sich, wie ein Lehrer ihre Finger bei falscher Griffelhaltung traktiert hat. Der Schmerz ist im Gedächtnis geblieben, ebenso wie das markerschütternde Geräusch, wenn der Griffel falsch auf der Schiefertafel aufgesetzt wurde. Ein Ausspruch ihrer Eltern ist Kinscherf in Erinnerung geblieben: „Darüber darfst du nicht sprechen, sonst kommen wir nach Dachau.“ Was geheim bleiben musste, weiß sie nach 75 Jahren nicht mehr. Auch, wer der Schüler war, der vor Angst vor dem prügelnden Lehrer aus dem Schulfenster gesprungen ist, ist den 80-Jährigen entfallen. „Nach dem Krieg hatten wir monatelang keine Schule“, erzählt Kinscherff. „Die Nonnen waren noch nicht da, die Lehrer mussten entnazifiziert werden.“ Haushalte ohne Landwirtschaft hätten in dieser Zeit gehungert, erklärt Bredel die Einrichtung einer Suppenküche in der Volksschule. Und: „Kirchgang vor der Schule war die Regel.“ Erich Klein kann sich besser ans Kartoffelkäfersammeln zur gleichen Zeit auf den Feldern erinnern. „Der Sommer 1947 war furchtbar heiß und trocken“, weiß er so gut wie Bredel: „Die Kartoffeln haben im Hals gekratzt.“ „Wir hatten Glück“, empfinden dennoch alle. Sie hätten gesehen, wie Bomben auf Ludwigshafen gefallen seien. „In den Luftschutzkeller durften wir nicht“, berichtet Daßler von angstvollen Stunden bei Fliegeralarm. Sie erinnert ihre Zwillingsschwester aber auch an die Kommunionkleider aus weißer Fallschirmseide. „Der Stoff war aus Speyer.“ Darauf erhebt der Jahrgang noch einmal das Glas und trinkt auf das Leben: „Jetzt geht’s los!“