Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Abkehr von Moskau: Ukrainer wollen Weihnachten wie im Westen feiern

Weihnachten in der Fremde: Gemeinsam mit Flüchtlingen aus der Ukraine feiert Pfarrer Matthias Bender (rechts, knieend) von der D
Weihnachten in der Fremde: Gemeinsam mit Flüchtlingen aus der Ukraine feiert Pfarrer Matthias Bender (rechts, knieend) von der Dompfarrei den Geburtstag Jesu am Mittwoch ein zweites Mal. Denn nach dem Julianischen Kalender der Ostkirche fällt der Feiertag auf den 7. Januar.

In St. Hedwig wurde am Mittwoch zum zweiten Mal Weihnachten gefeiert: Ukraine-Café und Dompfarrei haben zu einer russisch-orthodoxen Feier eingeladen. Dabei wurde klar: Der Krieg hat Kiew und Moskau sogar beim Datum von Christi Geburt entzweit.

Es duftet nach Kaffee, Tannengrün und Kuchen. Brigitta Schrenk spielt Weihnachtslieder am Klavier, Helma Rieser und Gertrud Weber füllen das Kuchen-Buffet, Hermann Kast und Franziska Lause kümmern sich um kalte und heiße Getränke. Es treffen mehr Ukrainer ein als Stühle bereitstehen. Pastoralreferent Markus Lamm sorgt für Nachschub. Er stellt Geschenktüten unter den Weihnachtsbaum. Der Inhalt ist von Speyerer Bürgern gespendet. Der sechsjährige Iwan verteilt die Präsente zusammen mit Dompfarrer Matthias Bender. Schrenk spielt „Alle Jahre wieder“.

Oleksii Harodovenko feiert Weihnachten nach eigener Aussage nach dem Gregorianischen Kalender am 25. Dezember und damit nicht am 7. oder 8. Januar, wie es in der russisch-orthodoxen Kirche Brauch ist, die sich überwiegend noch am Julianischen Kalender orientiert. Dennoch freut sich der 36-Jährige über das Angebot für ihn und seine Landsleute, das Fest in ukrainischer Tradition zu feiern. Im April ist er mit Frau, zwei Kindern und Schwiegermutter nach Speyer geflohen. Er will und muss in Deutschland bleiben. „In meiner Heimatstadt Mariupol steht kein Haus mehr“, beschreibt er die Situation. Als Automechaniker möchte er beruflich an das anknüpfen, was er gelernt hat.

Abwechselnd singen Veranstalter und Gäste deutsche und ukrainische Weihnachtslieder, begleitet von Klavier und Saxophon. Die Kinder vergnügen sich in der Spielecke, Erwachsene lassen sich Kuchen und Gebäck schmecken. „Stille Nacht“ singen alle zusammen in beiden Sprachen, unterstützt von Handys und Liedblättern.

Abwendung von orthodoxer Tradition

„Das nächste Weihnachten feiern wir alle zum gleichen Zeitpunkt“, ist Andreas Kaproski sicher: „Der orthodoxe Brauch hat sich überlebt.“ Viele, die noch am alten Brauch gehangen hätten, seien jetzt auch in diesem Bereich „von Moskau abgerückt“, berichtet er. Selbst die, die in Sowjet-Tradition großgeworden seien, seien mehrheitlich für den Übergang zum Gregorianischen Kalender. „Damals kam Väterchen Frost und nicht der Weihnachtsmann“, sagt Kaproski und lacht. Die Mannheimer ukrainische Gemeinde feiere am 8. Januar zum letzten Mal Weihnachten nach orthodoxem Brauch. Gelegenheiten wie das Fest in St. Hedwig seien für die Herzen und Seelen der Geflüchteten wichtig, betont Kaproski die Bedeutung des Nachmittags im Speyerer Westen für seine Landsleute.

Zu ihnen gehört auch Lidia. Sie ist 70 Jahre alt, mit der Familie vor dem Krieg geflohen und sehr motiviert, Deutsch zu lernen. Ihre Wünsche zum neuen Jahr gelingen schon gut. Den Rest des Gesprächs mit Deutschen besorgt der Internet-Übersetzer. Das, was Lidia und die anderen fühlen, braucht keine Worte. Umarmungen drücken aus, wie sehr die Ukrainer Nachmittage wie diesen in der Weihnachtszeit dankbar genießen. „Dafür lohnt sich die Arbeit“, betont Helma Rieser und räumt die Reste vom Kuchen-Buffet.

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