Speyer
30 Jahre Mauerfall: Heutige Speyererin erinnert sich an damalige Flucht aus DDR
Persönlich: Kathrin Walter ist ein „Wossi“, wie sie selbst sagt. Sie war 13 Jahre alt, als die Mauer 1989 fiel. Mit ihren Eltern und ihrem Bruder floh sie Monate vorher als eine der ersten Familien mit Wohnwagen über die österreichisch-ungarische Grenze. Seit 2006 lebt sie in Speyer – und in ihrer eigenen Familie die deutsche Einheit.
Im August 1989 war Kathrin Walter mit ihren Eltern in einem Gewerkschaftsheim bei Berlin im Urlaub. „Dort hatten wir guten Westempfang. Meine Eltern bekamen im West-Fernsehen mit, dass Ungarn mehrere Hundert Flüchtlinge, die aus der DDR kamen, nicht mehr auswies und die Grenze zu Österreich wegen des Paneuropa-Festes sogar für einen Tag öffnete.“ Die Eltern beschlossen, die Ausreise über Ungarn zu probieren. „Wir hatten einige Verwandte in Stuttgart, die schon vorher mit einem Ausreiseantrag in den Westen geflohen waren.“
Die Eltern weihten die damals 13-jährige Tochter in die Pläne ein, der jüngere Bruder wusste von nichts. Sie brachen den Urlaub unter dem Vorwand einer Hochzeit ab und schickten Wertsachen, Dokumente und Fotos an Verwandte in der BRD. Andere wichtige Dinge versteckten sie in Geheimfächern im Wohnwagen. Bereits im Frühjahr hatten die Eltern sich ein Visum für Ungarn besorgt. Am 28. August 1989, drei Tage vor Schuljahresbeginn, fuhr die Familie mit dem Wohnwagen in Görlitz los.
In Österreich hupten die Autos
„Ich fragte mich, ob ich meine Großeltern und Schulfreunde nochmal wiedersehen würde“, sagt Walter. An der Grenze zur Tschechoslowakei sollten die Kinder sich schlafend stellen. „Wenn die uns gefilzt hätten!“, denkt Walter heute. „Aber wir sind problemlos bis nach Budapest durchgekommen und standen mit dem Wohnwagengespann vor der BRD-Botschaft.“ Weil diese überfüllt war, schickte man die DDR-Bürger zu einem Außenstützpunkt, einem ehemaligen Ferienlager. Dort „campierten“ sie 14 Tage lang in Baracken. Die Malteser-Hilfsdienste versorgten sie. Die Familie erhielt vorläufige Pässe für die BRD. „Am 10. September versammelten sich alle DDR-Bürger im Lager. Ein Botschaftsmitarbeiter verkündete uns, dass wir ausreisen durften. Wegen des Wohnwagens waren wir eine der ersten Familien, die über die Grenze durften“, sagt Walter.
Die meisten mussten auf Busse warten. Was Walter nie vergessen wird: Auf der gesamten Fahrt durch Österreich hupten die Autos, die Leute begrüßten die DDR-Ankömmlinge euphorisch. „Ein ZDF-Team interviewte uns sogar für das Heute-Journal am 11. September. Dadurch sahen unsere Verwandten in Stuttgart, dass alles gut gegangen war“, so Walter. Ausmaß und Risiko der Fluchtaktion seien ihr erst bewusst geworden, seit die heute 43-Jährige eine eigene Familie habe. „Meine Eltern hatten ihre komplette Existenz aufgegeben mit allen Konsequenzen.“
Dann kam der Mauerfall
Nach dem Aufnahmelager in Vilshofen wollte die Familie nach Heidelberg. Eine Tante bot ihr eine Wohnung in ihrem Haus an. So verschlug es sie nach Ramstein. „Mitte September 1989 wurde ich in die siebte Klasse in Landstuhl ,eingeschult’. Ich kam in der neuen Klasse gut an. Ich war das ,Kind von der Flucht’“, erinnert sich Walter. Es habe einen guten Zusammenhalt und noch keinen „Ossi-Frust“ gegeben. Ihr Vater fand schnell eine Arbeitsstelle. Dann kam der Mauerfall am 9. November, den die Familie als „unglaublich“ empfand. „Natürlich fragten sich meine Eltern, ob der Aufwand nötig gewesen wäre. Aber so war klar, dass ich bald meine Großeltern und Schulkameraden wiedersehen konnte“, erzählt Walter.
Sie ist froh, dass sie sich im geeinten Deutschland beruflich frei entwickeln konnte. „Ich bin ein ,Wossi’, ich habe die halbe Kindheit in der DDR erlebt. Das hat mich geprägt. Mir war es wichtig, schnell für mich selbst zu sorgen und beruflich unabhängig von meinen Eltern zu sein“, sagt die gebürtige Sächsin.
Wenn sie in Gesprächen ein Vorurteil oder Gerücht über Ostdeutsche höre, versuche sie manchmal, sie zu entkräften und zu erzählen, wie sie es erlebt habe. Sie empfiehlt, in alle Landesteile zu reisen. Das vermittelt sie mit ihrem Mann, der aus den alten Bundesländern stammt, auch den Kindern. „Gemeinsam leben wir die Einheit und lernen auf Reisen ganz Deutschland kennen, von tief im Westen bei Ramstein, wo meine Eltern leben, bis in meine Heimat ganz im Osten an der deutsch-polnischen Grenze.“