Speyer Überall Blaulicht und Sirenen
Schwegenheim. Zwei Tote und 15 Verletzte: Das ist die Bilanz eines Unfalls, der sich gestern auf der B 9 ereignet hat – so könnte der Anfang der Polizeimeldung lauten, hätte es die Massenkarambolage wirklich gegeben, die am Montagabend in Schwegenheim als Kulisse für eine Großübung von Feuerwehr, Rettungsdiensten und Technischem Hilfswerk (THW) gedient hat. 150 Einsatzkräfte haben auf dem Gelände des Tüv den Ernstfall geprobt.
Die Szenerie wirkt beängstigend: Ein Lastwagen steht quer, daneben drei Autowracks, die teilweise unter den Anhänger geraten sind. Auf den Lastwagen ist ein roter Corsa aufgefahren, der von einem Kleinwagen gerammt wurde, angeschoben von einem weiteren Lastwagen. Ein mintgrünes Auto liegt etwas abseits auf der Fahrerseite, vom Fahrer sind nur die Beine zu sehen. Dazu noch ein Radfahrer, der ebenfalls nur zur Hälfte unter einem der Wracks auszumachen ist. „Wir haben versucht, die Zeitabläufe so realistisch wie möglich darzustellen“, sagt Michael Koch, Wehrleiter der Verbandsgemeinde (VG) Lingenfeld. Bedeutet: Die an der Übung beteiligten Einsatzkräfte – die Wehren der VG Lingenfeld, der VG Römerberg-Dudenhofen, von Germersheim und Gommersheim sowie das THW Germersheim und die Rettungsdienste aus der gesamten Vorderpfalz – kommen tatsächlich von ihren jeweiligen Stützpunkten angefahren, und das auch erst, wenn sie alarmiert werden. Alle zwei Jahre proben sie gemeinsam den Ernstfall. Mehr als 50 Schaulustige verfolgen die Übung. Etwa vier Minuten nach dem Start der Übung sind Sirenen zu hören. Die Schwegenheimer Einsatzkräfte sind als erstes vor Ort. Der Gruppenführer und sein Stellvertreter machen sich ein Bild von der Lage, gehen von Wrack zu Wrack und leuchten mit Lampen ins Innere. Auf den ersten Blick ist klar: Hier werden weitere Einsatzkräfte benötigt. Über Funk geben sie die Informationen weiter. Ein weiteres Fahrzeug kommt. Die Einsatzleute sprechen sich an den Wagen ab, teilen die Kräfte ein. Nun sind nahezu ununterbrochen Sirenen in der Ferne zu hören. Mit Sprühdosen werden die Unfallwagen nummeriert, damit die Retter sich leichter über die verschiedenen Fahrzeuge austauschen können. Nur Blaulicht und die Lichter der Kräfte und der Fahrzeuge erhellen die Szenerie. Aus zwei Wagen dringen Hilfeschreie, „Lasst mich raus“, Menschen, die die Unfallopfer spielen, klopfen panisch an die Scheiben. Der Fahrer eines Wagens ist verschwunden, mit Wärmebildkameras wird in der Umgebung nach ihm gesucht. Nach wenigen Minuten wimmelt es an der Unfallstelle vor Einsatzkräften. „Wir haben bewusst einen beengten Raum gewählt, quasi eine Fahrtrichtung auf der B 9“, erläutert Wehrleiter Koch. Nach etwa 15 Minuten ist die Unfallstelle mit Flutlicht ausgeleuchtet. Die Helfer versuchen, den Opfern gut zuzureden, bis genügend Kräfte vor Ort sind, um mit der Rettung zu beginnen. Kleinere Erste-Hilfe-Maßnahmen werden gestartet, Infusionen gelegt, Schnittwunden abgebunden. 13 Verletzte sind zu versorgen. Besonders brisant: Ein Lastwagen hat einen Gefahrenstoff geladen, der ausläuft. Ein Fahrzeug ist zudem mit Gas betrieben, dessen Tank ist ebenfalls undicht. Bevor mit der Rettung der drei Insassen begonnen werden kann, muss das Leck abgedichtet werden. Dann fängt auch noch der andere Lastwagen an zu qualmen. Nach rund 25 Minuten kann die erste Verletzte geborgen werden, während der Fahrradfahrer und der Fahrer des mintgrünen Wagens mit einer Decke abgedeckt werden. Für sie kann nichts mehr getan werden. Nun kommt auch die Rettungsschere zum Einsatz, es knackt laut, als die Tür des roten Corsa abgeschnitten wird. „Es wird versucht, die Opfer so schonend wie möglich zu retten“, erläutert Mike Schönlaub, Kreisfeuerwehrinspekteur des Kreises Germersheim. „Deshalb gibt meistens der Notarzt den Ton an, und wir versuchen, das dann umzusetzen – außer, es muss ganz schnell gehen.“ Nach und nach werden nun alle Opfer aus den Wracks geborgen, nach etwas mehr als einer Stunde ist es geschafft. Ein Stück von der Unfallstelle entfernt werden die Verletzten betreut, bis feststeht, welches Krankenhaus Kapazitäten hat. Für die Einsatzkräfte geht es nun an die Aufräumarbeiten. 36 Fahrzeuge und 157 Rettungskräfte waren im Einsatz. Die Bilanz von Wehrleiter Koch: „Es war eine sehr gelungene Übung. Das Zusammenspiel hat gut funktioniert.“ Ein paar Kleinigkeiten müssten aufgearbeitet werden, manchmal sei beispielsweise aneinander vorbeigeredet worden, „aber dafür übt man ja auch“, so Koch.