Homburg RHEINPFALZ Plus Artikel Wie ein 450.000-Euro-Auto Kindern gegen Krebs helfen kann

Die Flitzerbesitzer kommen teilweise aus Hannover, um den Kindern damit ein Lächeln zu schenken.
Die Flitzerbesitzer kommen teilweise aus Hannover, um den Kindern damit ein Lächeln zu schenken.

Als das Los gezogen ist, rennt das Mädchen zum Auto. Ihre Augen strahlen. Dass sie gleich mit einem teuren Sportwagen fahren dürfen, lenkt die 45 Kinder am Römermuseum einen Moment lang ab von ihrem Alltag: Chemotherapien, Krankenhaus. Die Idee zur Aktion hatte Thomas Höchst während eines Flugs.

Mit einem Flug fing alles an. Thomas Höchst war vor sechs Jahren ziemlich langweilig, als er über vier Stunden im Flugzeug verbringen musste. Da hat er schon Charity-Aktionen gemacht – und über den Wolken kam ihm in den Sinn, dass er gerne was für kranke Kinder machen würde.

Er erinnerte sich an das, was er beobachtet hatte: Fast alle Kinder kriegen große Augen, wenn sie einen Sportwagen vorbeirauschen sehen. Und er dachte sich: Warum das nicht an die Kinder weitergeben? Über 40 Autos waren am Start – aber nicht nur schneidige Sportwagen, sondern auch edle Oldtimer. Letztes Jahr war nur einer dabei, dieses Jahr waren fünf Oldtimer am Start. Meistens fährt ein Kind mit dem Autobesitzer mit. „Auf manche Autos, wenn es Viertürer sind, kommen auch zwei oder drei Kinder“, erzählt Höchst. Manchmal verlangt es auch die Krankheit des Kindes, dass die Eltern mitfahren. Wenn ein Kind an epileptischen Anfällen leidet, müssen natürlich Mama oder Papa mit. Wenn die Kinder im Auto sitzen, werden sie vom Besitzer über eine Stunde lang durch den Bliesgau gefahren. Das Klischee, dass sich hauptsächlich Jungs für Autos interessieren, stimmt nicht, denn: Es waren so viele Mädchen wie Jungs dabei, erzählt der Schulleiter der IGS Contwig.

Höchst: „Das ist ein Glücksgefühl für die Kinder“

Sehr zur Freude der Kinder. „Die Kinder sagen einfach: Geil“, beschreibt es der Initiator. Über ein Losverfahren wurde ausgewählt, wer in welchem Auto fahren darf. „Allein dieser Blick, wenn das Los gezogen wurde ... Das Kind ist hingerannt und auf das Auto zugehetzt, voller Strahlen.“ Während der Fahrt hatten die Kinder dann die Möglichkeit, all ihre Fragen zum Auto und zu den zig Knöpfen und Bedienfeldern loszuwerden. „Das ist einfach ein Glücksgefühl für die Kinder, das zu dürfen und im Mittelpunkt zu stehen. Nicht gesagt zu bekommen: Der nächste Termin ist die Chemotherapie morgen.“

Letztes Jahr fand die Charity-Aktion „Kinderaugen sollen strahlen“ am Zweibrücker Möbel Martin statt, dieses Jahr war Homburg dran. „Ich wohne Luftlinie vom Römermuseum 500 Meter weg“, erzählt der Schulleiter, der nebenher noch Bücher über Inklusion schreibt. „Da hab’ ich mir gesagt: Was gäbe es Genialeres als moderne Autos in so einer historischen Umgebung?“ Gesagt, getan. Er fragte bei der Stadt Homburg an – die war begeistert und wollte die Aktion unterstützen.

Die ganze Familie hilft mit

Die Charity-Aktion fand zum vierten Mal statt – während der Corona-Zeit musste sie pausieren. Aber so groß wie dieses Jahr war sie noch nie. Die riesige Dimension mit über 40 Autos brachte Höchst auf die Idee, die Autos auf einer Wiese direkt am Römermuseum zu parken. Ursprünglich wollten sie den normalen Besucherparkplatz in Beschlag nehmen.

Die Planung und Vorbereitung der Aktion ist sehr zeitintensiv. „Ich fange da mindestens ein Vierteljahr vorher an“, sagt Thomas Höchst, der seit 19 Jahren die Integrierte Gesamtschule Contwig (IGS) leitet. Für die Aktion nimmt er sich in seiner Freizeit viel Zeit. „Ich bin der Meinung, dass behinderte und kranke Menschen bei uns immer noch so ein bisschen an den Rand der Gesellschaft gedrückt sind.“

Nicht jedes Kind kann mitfahren, „weil es einfach zu krank ist“. Aber genau ihnen möchte Thomas Höchst Mut machen. Deshalb nimmt er auch Kinder mit, die ihre Krankheiten besiegt haben. Etwa die Drittklässlerin Pauline. Sie hat fünf Jahre Chemotherapie hinter sich, ist nun aber geheilt.

Nicht nur er nimmt sich viel Zeit, um den Kindern ein paar Augenblicke des Glücks zu schenken – auch seine Familie, die am Aktionstag mitgeholfen hat. Sein Schwiegersohn hat sich sogar Urlaub genommen. Viel Vorbereitung war auch deshalb nötig, weil nicht nur die Autofahrten auf der Agenda standen. Danach trafen sich Eltern, Kinder und Organisatoren, um gemeinsam im Römermuseum zu essen. Das wurde alles gesponsert.

„Ein Stück meines Glückes an andere weitergeben“

Diejenigen, die die Sportwagen zur Verfügung stellen und die Kinder dann damit chauffieren, schaufeln sich ebenfalls Zeit dafür frei. „Das sind alles Menschen, die eine 70, 80 Stunden-Woche haben und die hart dafür arbeiten, um sich so ein Auto leistenkönnen.“ Trotzdem läge ihnen die Aktion mittlerweile genauso am Herzen wie Thomas Höchst selbst. Man wisse einfach zu schätzen, wie gut es einem selber geht, wenn man sich mit den Kindern unterhält. „Meine Lebensphilosophie ist: Mir geht es richtig gut. Ich hab eine tolle Familie. Ich sehe mich in der Verpflichtung, ein Stück meines Glückes an andere weiterzugeben.“

Mittlerweile hat der Homburger mehr Privatleute, die ihre Autos zur Verfügung stellen, als Autohäuser. Manche Flitzerbesitzer brachten auch Geschenke für die Kinder mit. Weil das Thema in den Medien präsent ist, bekommt Thomas Höchst viele Mails von Leuten, die einen Flitzer unterm Hintern haben. „Die sagen dann: Das ist so klasse, da würde ich gern mit meinem Sportwagen auch mitmachen“, beschreibt es der Initiator. Daraus entsteht ein Schneeballeffekt. „Alle die mitgemacht haben, sind nächstes Jahr wieder dabei“, freut sich Höchst. „Und jedes Jahr kommen vier oder fünf dazu.“ Manche Sportwagenbesitzer kamen von weit her, etwa aus Hannover, um bei der Aktion mitzumachen. Das teuerste Auto, das dieses Jahr am Start war, war übrigens ein Rolls Royce für 456.000 Euro.

Nächstes Jahr geht die Aktion weiter

Man merkt ihm die sprühende Begeisterung während des Gesprächs an. Auch andere Sachen für Kinder organisiert er übers Jahr verteilt, auch mit dem FC Homburg zusammen. Die Aktion hinterlässt ein richtig gutes Gefühl bei ihm und seiner Familie. „Meine Frau hat gesagt: Wir waren abends so kaputt, uns hat alles wehgetan. Und dann kommen die Kinder, nehmen dich in den Arm, und sagen: Vielen Dank, dass ich so einen tollen Tag erleben durfte. Da kriegst du wirklich Tränen in die Augen.“ Manchmal gehen ihm die Schicksale aber auch sehr nah.

Für die Kinder bedeutet die Autofahrt Glück, gute Laune und Zuversicht. Das sieht auch Michael Zemlin so. Der Leiter der Kinderklinik an der Uniklinik des Saarlandes (UKS) in Homburg meinte mal zur Aktion: „Auch schwer kranke Kinder haben ein Recht auf Lebensfreude. Und diese Lebensfreude kann ihren Teil zur Stabilität des Patienten beitragen.“

Die Kinder freuen sich jetzt schon auf nächstes Jahr, erzählt Thomas Höchst. Deshalb möchte er die Aktion auf jeden Fall 2024 wieder stattfinden lassen. Wo, das weiß er noch nicht.

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