Homburg
Uni-Forscher wollen Menschen mit Maschinen verzahnen
Nun hat er sein Hauptquartier in Homburg bezogen.
Heute schon rufen smarte Armbanduhren eigenständig den Notarzt zu Hilfe, sollte ihr Träger bewusstlos im Wald zusammengebrochen sein. Autohersteller tüfteln an Bordkameras, die den Gesundheitszustand, die Müdigkeit oder geistige Verfassung des Fahrers exakt im Blick behalten. „Zum Beispiel kann ein Auto mit der Zeit lernen, dass ein ganz bestimmter Passagier einen empfindlichen Magen hat“, sagte Strauss am Freitag, 14. Januar, auf dem Homburger Uni-Campus. „Wenn das selbstfahrende Auto dann weiß, dass ich unter Reisekrankheit leide, fährt es die Kurven etwas langsamer und bremst geschmeidiger ab, damit mir nicht schlecht wird.“ Kurz: In naher Zukunft sollen Mensch und Maschine noch viel enger miteinander verschmelzen.
Horrorvorstellungen wie in „Terminator“?
Bei solchen Stichworten ist der beunruhigende Gedanke an Film-Cyborgs wie aus „Terminator“ oder an machthungrige „Matrix“-Menschmaschinen nicht weit. „Ja, bei unserer Arbeit müssen wir ethische und philosophische Fragen mit einbeziehen“, mahnte am Freitag Dieter Leonhard. Er ist der Präsident der Saarbrücker Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW), die als einer der Partner von Daniel Strauss’ neurotechnologischem Zentrum mit an Bord ist.
Ebenfalls dabei ist der Automobil-Zulieferer ZF aus Saarbrücken: Dessen Vizechef Uwe Class verspricht sich von dem Forschungsprojekt eine zusätzliche Säule an hochmoderner digitaler Kompetenz für die Saarwirtschaft. Im Zusammenspiel mit dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken und dem Helmholtz-Zentrum für Informationssicherheit (Cispa) an der Universität des Saarlandes. Für den Autozulieferer könnte dabei allerhand Know-how für die Serienfertigung der oben erwähnten digitalen Verknüpfungen zwischen Mensch und Fahrzeug herausspringen.
Hauptsitz im Homburger Hörsaalgebäude
Acht Millionen Euro hat Strauss’ saarlandweit agierendes „Center für Digital Neurotechnologies Saar (CDNS)“ für seine im Aufbau begriffene Arbeit zur Verfügung. Davon 2,7 Millionen Euro sind jetzt aus Landes- und EU-Mitteln aufs Homburger Uni-Gelände geflossen, wo das CDNS am 14. Januar im Obergeschoss des neu gebauten Hörsaalgebäudes seine Hauptzentrale in Dienst gestellt hat.
Michael Menger, Dekan der Medizinischen Fakultät, ist in diesen Fragen kein Freund von Horrorvisionen à la „Terminator“ oder Frankenstein. „Gerade für mich als Chirurg ist die Vorstellung faszinierend, dass mir ein Roboter im OP-Saal bei der Arbeit zuschauen, daraus lernen und dann eines Tages die Operation selbstständig ausführen kann. Gerade deshalb ist es sehr gut, dass an der Arbeit des neuen Zentrums auch Chirurgen und Neurochirurgen beteiligt sind.“
„Gefühlslage von Babys verstehen“
Projektleiter Daniel Strauss stellt eine „hochauflösende neuromuskuläre Datenerfassung“ in Aussicht: „Mediziner können damit Heilungsprozesse besser verstehen und in Verbindung mit Künstlicher Intelligenz Reha-Konzepte individuell auf den Patienten zuschneiden.“ Der Professor spricht von sogenannten „empathischen Inkubatoren“, die Neugeborene „mitfühlend überwachen“ und sogar die „Gefühlslage“ der Babys verstehen, um auf deren Bedürfnisse eingehen zu können.
Was sich da im Saarland inzwischen so alles tut, sei Spitzenforschern im kalifornischen Silicon Valley nicht entgangen. Tatsächlich habe man in Homburg bereits einige interessierte Delegationen aus den USA als Gäste begrüßt. „Wir brauchen uns hier nicht zu verstecken“, stellt Daniel Strauss fest: „Am Thema sind wir schon seit 2005 dran, als wir hier den ersten derartigen Studiengang in Deutschland einrichteten.“