Blieskastel RHEINPFALZ Plus Artikel Sporttherapeut Marcus Brunner: Ist Sport wirklich Mord?

Marcus Brunner macht Dehnübungen in der Zweibrücker Allee. Sein Motto: Sport allein ist nicht genug.
Marcus Brunner macht Dehnübungen in der Zweibrücker Allee. Sein Motto: Sport allein ist nicht genug.

Interview: Seine Stimme ist ganz ruhig. Sie zieht einen vom Alltag fort, weg vom Stress. Die RHEINPFALZ kommt dank Marcus Brunner in den Genuss eines Selbstexperiments. Der Sporttherapeut erzählt uns, was Angst mit Bewegung zu tun hat – und, warum Sport manchmal eben doch Mord ist.

Marcus Brunner trifft sich mit uns direkt nach seiner Arbeit. Als wir im Restaurant an der Allee ankommen, muss er erst mal runterkommen. „Können wir einen kurzen Break machen?“, fragt er. Eine Pause – das hat auch viel mit seiner täglichen Arbeit zu tun. Brunner erzählt uns, weshalb viele Patienten in den Blieskasteler Bliestal Kliniken mit Burnout herkommen. Er berichtet, wie er bei seinen Patienten Sport mit Achtsamkeitsübungen kombiniert. Und, was Sport bei ihm verändert hat.

Herr Brunner – Sport ist Mord: Was würden Sie jemandem entgegnen, der das sagt?
Da würde ich sagen: Das stimmt teilweise. Sport ist Mord, wenn ich es absolut übertreibe. Wenn man einen 40-jährigen Leistungssportler ins MRT legt – je nachdem, was er für Sport gemacht hat –, ist der bestimmt alles andere als gesund. Als ich Gewichtheber-Frauen gesehen hab, die Gewichte hochstemmen, wo vier ausgestandene Männer nur anheben können – und die reißen das hoch … Ist das für den Rücken glaub ich nicht so gesund. Sport ist Mord, wenn die Dosierung nicht passt. Oder wenn er die Funktion hat, von etwas wegzuschauen.

Das klingt dann ja schon ein bisschen nach Sucht.
Wenn mich Sachen wütend machen, und ich dann übers Laufen die Emotion kanalisiere – der Stresslevel aber nicht besser wird, und sich nichts ändert: Wenn ich den Stress auf der Arbeit nur aushalte, wenn ich joggen gehe, dann ist man abhängig. Dann ist Sport auch Mord. Emotional wie körperlich.

Trotzdem ist Leistungssport, also das sehr Exzessive, ja hoch angesehen.
Ja, denn wer an und über seine Grenzen gehen kann, das wird von der Gesellschaft stark honoriert. Deswegen erfahren Sportler ein hohes Maß an Anerkennung.

Das ist ja eigentlich wie im Job – je mehr man macht, desto besser wird es angesehen.
Überwiegend schon. Es gibt auch Studien, wo sich Männer eher mit einem Burnout outen als mit der Depression. Obwohl Burnout damit verschachtelt ist. Man wird sich aber in unserer Gesellschaft immer mehr mit dem Burnout outen, weil dem vorausgeht, dass man viel geleistet hat.

Wie kann ich Stress denn reduzieren?
Da muss jeder in der Eigenverantwortung entscheiden: Dieses Thema – möchte ich das so weitermachen, oder möchte ich da was verändern?

Gibt es Veränderungen, die Sie geprägt haben?
Ja. Das ist der kleine Spaziergang in der Frühstücks- oder Mittagspause ums Haus zehn Minuten für mich. Das lässt sich einfach gut in den Alltag integrieren. Oder mit dem Fitnessstudio: Statt mir dreimal die Woche 90 Minuten vorzunehmen, hab ich gesagt: Zweimal die Woche für eine halbe Stunde. Das heißt, ich hab den Druck für mich rausgenommen.

Also eine bewusste Reduzierung. Das nimmt den Druck raus, und Sie machen trotzdem noch Ihre Sachen.
Und sogar noch mehr, als ich mir vorgenommen habe. Ich war immer länger als die gesetzte halbe Stunde im Fitnessstudio, weil ich mir den Druck genommen hab.

Und wenn man diesen Druck trotzdem noch hat? Und man weiß in der Fülle von Aufgaben am Tag gar nicht, wo man anfangen soll? Wo knüpfen Sie in den Bliestal Kliniken bei Ihren Patienten an?
Ich knüpfe daran an, dass man sich zwei Mal am Tag die Frage stellt: Wie geht’s mir jetzt grade? Diese Frage aber nicht in drei Sekunden abtut, sondern wirklich mal zwei Minuten auf sich wirken lässt. Wenn ich registriere, wie mein Körper mir das zurückmeldet, kann ich besser Entscheidungen treffen, was es für mich braucht. Die Frage ist quasi wie so ein Anker im Tag: Was muss ich machen? Oder was kann ich noch machen? Oder was würde mir jetzt guttun? Einfach, um ein paar Bremsen einzubauen. Das heißt, nicht durch den Tag durchzurennen, und am Schluss hat man alles mechanisch abgehakt. Man kann quasi neu entscheiden.

In der Gesellschaft ist ja dieser Leistungsdruck schon existent. Wie ist das für Sie persönlich?
Ich bin eben in diesem Leistungs- oder Konsumgesellschaftlichen drin, fühl mich auch wohl und leiste mir auch gerne was. Ich versuche, mich partiell immer wieder rauszunehmen. Am Wochenende, am Tag, oder in der Pause.

Also sollte man die Schuld vielleicht nicht bei der Gesellschaft suchen?
Die Triebfeder, vielleicht. Da gibt es schon Existenzängste. Da muss man sich die Frage stellen: Was ist der Preis dafür? Also möchte ich in eine andere Gesellschaft? Möchte ich alleine leben, irgendwo in Kanada im Baumhaus? Oder kann ich einen Weg für mich finden, mich mit diesem System zu arrangieren, aber dabei nicht kaputtzugehen?

Was hat sich für Sie verändert, seit Sie sich diese bewussten Auszeiten genommen haben?
Ich bin entspannter, ich bin auch sanfter mit mir selbst geworden. Also in meinem eigenen Umgang. Ich fühl mich körperlich besser, bin konzentrierter, bin wacher und präsenter. Ich hab da so eine Entlastung verspürt, dass ich mich immer wieder neu entscheiden darf. Je nachdem, wie es mir geht.

Was macht Ihnen an Ihrer Arbeit in den Bliestal Kliniken Spaß?
Mich bestärkt die Arbeit. Mir macht der Umgang mit Leuten allgemein Spaß. Ich bin gern offen und extrovertiert. Privat mag ich aber auch gerne mal den Gegensatz. Mal alleine zu sein, oder mal introvertiert. Es ist auch schön, was an die Leute weitergeben zu können. Man hat eine Resonanz und setzt sich unweigerlich auch mit sich selbst auseinander.

Sie haben mir im Vorfeld erzählt, dass es für manche Übungen, auch im Bereich Yoga, gar nicht so viel braucht. Was meinen Sie damit?
Wenn ich Yoga irgendwo ausüben möchte, brauche ich halt gewisse Grundkenntnisse. Jetzt gibt’s die klassischen Yoga-Einheiten von 90 Minuten. Aber: Es braucht nicht immer 90 Minuten. Wenn ich ein gewisses Grundrepertoire hab an Entspannungsübungen oder Gymnastik, dann kann ich das auch in kurzer Zeit umsetzen. Wenn ich dann merke: Die 90 Minuten passen nicht in meinen Alltag, dann kann ich sagen: Entweder mach ich 20 Minuten oder gar nix. Oder ich sag, die 20 Minuten sind besser wie nichts. Man kommt auch mehr in die Gewohnheit durch die vielen kleinen Etappen. Es gibt auch viele Studien, die beweisen, dass kleine Zeitfenster auch effizient sind.

Das hört sich ungewöhnlich an.
Meine persönliche Meinung, und auch die Rückmeldung von Patienten ist: Die vielen kleinen Auszeiten im Alltag füllen für mich den energetischen Haushalt sowohl im körperlichen wie im psychischen Bereich viel besser auf wie die langersehnte Auszeit irgendwann mal.

Wie kann man sich solche kleinen Auszeiten auch mal im Alltag gönnen?
Das hängt auch davon ab, wie meine Übergänge im Alltag sind: Rase ich von der Arbeit in den Aldi, vom Aldi nach Hause, schnell noch das und das machen? Es gibt, wenn man anfängt, auszuprobieren, viele Nischen und kleine Zeitfenster, die man am Anfang vielleicht gar nicht so auf dem Schirm hat. Die man sich auch in einem stressigen Alltag immer wieder blocken kann. Hier mal drei Minuten, hier mal fünf, hier mal zehn.

Was kann ich dann in der Zeit effektiv für mich machen?
Das kann ein Buch lesen sein, was Sportliches, Entspannungsübungen. Das ist auch der Punkt: Was brauche ich grade?

Werden in dieser schnelllebigen Welt diese fünf Minuten vielleicht nicht mehr so gewürdigt?
Die werden absolut unterschätzt. Dann sagt man: Was sind schon fünf Minuten?! Aber: Je besser ich das lerne, desto besser lerne ich meinen Körper auch kennen.

Das hat also auch was mit Achtsamkeit zu tun.
Ja, gelebte Achtsamkeit im Alltag. Achtsamkeit heißt nicht nur, man sitzt in einem Yoga-Camp. Dadurch kann man Energie schöpfen. Wenn ich einen kleinen Break habe und ich mich körperlich wie mental erhole, ist auch meine Konzentration für die folgende Sache besser.

Kann man sich das antrainieren – diese Wertschätzung für kleine Zeitfenster?
Ich sage ganz klar: Ja. Weil ich das seit drei, vier Jahren ganz intensiv umsetze. Wir haben schon relativ enge Zeitfenster teilweise in der Klinik. Und ich hab für mich so eine persönliche Reißleine entwickelt. Eine Alarmglocke: Wenn der Kopf zu mir sagt: Marcus, schnell, schnell. Dann merke ich, ich bin jetzt grade dabei, Pausen zu übergehen. Dass die Konzentration schlechter wird, dass ich Fehler mache, dass ich vielleicht gereizt bin. Und wenn ich dann nicht aufpasse und zuhause so weitermache, dann mündet das zum Beispiel nicht in einem Stück Kuchen, sondern in einer Fressattacke, um das zu kompensieren. Dann kann ich mich vielleicht nur noch vom Fernseher berieseln lassen.

Das hat ja eigentlich jeder mal.
Das kommt vor, und ist ja auch menschlich. Das betrifft jeden – ob das jetzt der Leistungssportler ist, der Büromensch, ob Jung oder Alt.

Was für Leute kommen denn eigentlich in die Bliestal Kliniken?
Wir haben drei Felder: Die Kardiologie, die Orthopädie und die Psychosomatik. Also Einschränkungen von Knie-Hüft-Problematiken, Rückenproblematiken, Herzinfarkt. Und psychosomatische Patienten mit den Kernfeldern Depression oder Burnout.

Und Sie sind in allen drei Feldern aktiv?
Ja. Mein Schwerpunkt liegt in der Psychosomatik.

Wie hilft denn da die Sporttherapie bei einer Depression oder einem Burnout?
Man kann sich das so vorstellen: Äußere Bewegung führt zu einer inneren Bewegung. Das heißt: Wenn ich jetzt mit meiner Angst in der Isolation allein sitze und mir Gedanken mache, geht’s irgendwann nicht mehr vorwärts und rückwärts. Durch die Sporttherapie kommt man auch in soziale Kontakte mit den anderen, mit der Gruppe. Man tauscht sich aus. Es kommt Bewegung rein. Oftmals werden die Menschen, die in so einer Situation sind – ob das jetzt Angst, Depression oder der Schmerz ist – von außen nicht verstanden, und ziehen sich immer mehr zurück. Und sie wissen: Sport hat mir immer gutgetan. Aber ich komm nicht auf die Beine.

Und der Sport hilft da?
Der Sport kann ein Ventil sein. Er kann eine gesunde Option sein. Aber wenn die Funktion des Sports ist, vor der Angst wegzulaufen, wird aus dieser gesunden eine ungesunde Option.

Wird Sport dann auch als Verdrängungsform genutzt?
Teils, teils. Zum einen ist es Verdrängen. Zum anderen kann die Angst auch geringer werden. Sport leistet einen Anteil dazu, um mit der Angst zurechtzukommen. Was aber vielleicht auch nicht ausreicht. Die Sporttherapie versteht sich da auch als Bindeglied oder Brücke zu anderen Themen. Ob das Verhaltenstherapie ist, oder Ernährungstherapie. Sport sollte aber nie die einzige Option sein, um die Angst zu bekämpfen. Die Extreme sind schwierig. Da muss man aufpassen, das richtige Maß zu finden.

Wie sind Sie eigentlich zu Ihrem Beruf gekommen?
Ich bin nach meinem Sportwissenschaftsstudium direkt in die Bliestal-Kliniken in Blieskastel. Ich hab vorher BWL studiert, das aber abgebrochen. Ich hab gemerkt, das ist nicht so ganz meine Richtung. Ich bin vom wirtschaftlichen Zweig gekommen, da hat sich BWL irgendwie angeboten vom Kopf her. Eigentlich hat die Intuition gesagt: Sport ist mir eigentlich lieber. Aber da hat der Kopf entschieden, rational: Mit BWL hast du bessere Berufschancen. Es ist vielleicht sicherer, BWL zu machen, dachte ich damals. Und dann hab ich gemerkt: Das passt so nicht mehr, und hab das dann auch geswitcht. Da bin ich auch sehr froh drüber, dass ich den Weg gegangen bin.

Zur Person Marcus Brunner

Marcus Brunner (42) ist Sporttherapeut und arbeitet in den Bliestal Kliniken in Blieskastel. Er ist Diplom-Sportlehrer, studierte Sportwissenschaften und machte seinen Abschluss 2012. Zuvor studierte er BWL, brach das Studium aber ab. Als Sporttherapeut führt er unter anderem Übungen in Gymnastikgruppen durch, bietet Nordic Walking an, macht Wirbelsäulentraining oder betreut die Patienten im Kraftraum. Er machte Weiterbildungen in Qi-Gong und Yoga. Sportarten hat er schon viele ausprobiert. Er macht sie alle gern. Oft geht er joggen oder macht Nordic Walking. Und wenn er mal keine Lust hat, geht es in die Badewanne.

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