Saarbrücken RHEINPFALZ Plus Artikel Querschnitt moderner Fotografie im Saarlandmuseum

Zweibrückens Partnerstadt Boulogne-sur-mer fotografierte Elger Esser so, wie man sie kaum kennt.
Zweibrückens Partnerstadt Boulogne-sur-mer fotografierte Elger Esser so, wie man sie kaum kennt.

Unter dem Titel „Photography! – Meisterwerke aus dem Schauwerk Sindelfingen“ zeigt die Moderne Galerie des Saarlandmuseums bis zum 3. Oktober einen Querschnitt moderner Fotografie mit 478 Werken internationaler Künstler. Durch die neue Kooperation mit dem Schauwerk Sindelfingen können viele Künstler erstmals in Saarbrücken präsentiert werden.

Die Ausstellung orientiert sich an den Themen Licht, Raum und Architektur, Natur und Landschaft, Inszenierung und Ereignis, Mensch und Gender sowie Bild. Ein Schwerpunkt ist die dokumentarische Fotografie in der zeitgenössischen Kunst, wie sie in der Düsseldorfer Photoschule um das Künstlerpaar Bernd und Hilla Becher in den späten 1970er Jahren etabliert wurde.

In ihrer Arbeit „Kunstmuseum Basel IV“ aus dem Jahr 1999 macht Candida Höfer die Situation im Museum zum Thema. Ganz unspektakulär hat sie in den Raum fotografiert, nicht wie ein professioneller Künstler, sondern wie ein Besucher, der mal im Museum knipst. Ein Bild an der Wand ist zum Teil abgeschnitten, Lichtstrahlen zeichnen ein Muster auf den Fußboden, retuschiert ist hier nichts.

Eine Alltagssituation zeigt auch Thomas Demands „Kabine“. Die Tristesse des durch Neonleuchten und wenig Tageslicht erhellten Funktionsraumes wird durch seine nüchterne Kargheit noch betont, die besonders dann zur Geltung kommt, wenn die Haken der Kleiderstangen leer sind. Auch hier fällt der bewusste Verzicht auf visuelle Gestaltungsmittel ins Auge, das Foto wirkt „ganz normal“.

Die künstlerische Dokumentation von Ereignissen beschäftigt Andreas Gursky. Seine Fotografie „Loveparade“ zeigt von oben gesehen ein Meer tanzender Raver, in der Menge sind auch vereinzelte LKW mit Verstärkern und Lautsprechern zu erkennen. Die bunte, wogende Menschenmenge hat der Künstler von der Siegessäule herab im Berliner Tiergarten aufgenommen. Vor dem ruhigen Rahmen dicht belaubter Bäume wirkt das Foto fast wie ein Relief.

Eine stilisierte Inszenierung ist „Abendessen“ von In Sook Kim. Geschäftsmänner sind in dieser Arbeit von 2008 zu sehen, in edlem Zwirn, doch die Fotografin aus Südkorea lässt in ihrer Arbeit keinen Zweifel daran, dass es bei diesem Abendessen weniger um die Befriedigung kulinarischer als vielmehr sexueller Wünsche geht. Die Frauen, die dafür zur Verfügung stehen, zeigt die Künstlerin in einer Inszenierung in lasziven Posen, nackt oder in Leder.

Dem Thema „Mensch und Gender“ in der Gegenwartsfotografie widmet sich Thomas Ruff. Er wendet Ansätze einer seriellen Fotografie, wie sie Bernd und Hilla Becher in der Düsseldorfer Photoschule prägten, auf die Darstellung von Menschen an. Standardisierte Aufnahmesituationen mit reduziertem Gesichtsausdruck erinnern an Passbildshootings und wirken im Museumskontext wie ein irritierender Fremdkörper.

Mit dem Verhältnis von Fotografie zu Natur und Landschaft beschäftigt sich Elger Esser. Seine Landschaftsbilder beziehen sich auf Fotografien aus dem 19. Jahrhundert. Er vergrößert die im Original lediglich postkartengroßen Motive. Seine Arbeit „Combray“ verfremdet durch die Schwarz-Weiß-Gestaltung die für die Romantik typische Idealisierung der Natur, verleiht den Fotografien so gleichzeitig aber auch eine gewisse Patina.

Ästhetisch stilisiert sind die Blüten als signifikante Geschlechtsmerkmale der Pflanzen in den Fotografien von Nobuyoshi Araki.

Auch mit dem Thema Licht setzen sich mehrere Fotokünstler auseinander, schließlich bedeutet Fotografie wörtlich Zeichnung mit Licht. Das macht Daniele Buetti in seinen Arbeiten deutlich: Er präsentiert seine Bilder auf Film vor Leuchtkästen wortwörtlich als „Lichtbilder“.

Das Verhältnis der Fotografie zu Raum und Architektur beschreibt Andreas Gursky in „Cheops“. Er verbindet hier Gegensätze wie die monumentale Größe der ägyptischen Pyramide und die Kleinteiligkeit ihrer zunehmend verwitternden Struktur.

Die Fotografie in der Fotografie und damit die Aneignung von Kunst ist Schwerpunkt der Arbeit von Sherrie Levine. In „Intérieurs Parisiens, After Adget“ beschäftigt sie sich mit Aufnahmen eines Fotografen um 1900, der die Stadt auch abseits der bekannten Monumente festhielt.

Info

„Photography! – Meisterwerke aus dem Schauwerk Sindelfingen“, Moderne Galerie des Saarlandmuseums, bis 3. Oktober, mit Werken von Nobuyoshi Araki, Daniele Buetti, Thomas Demand, Elger Esser, Günther Förg, Andreas Gursky, Candida Höfer, Astrid Klein, In Sook Kim, Marie-Jo Lafontaine, Sherrie Levine, Vera Lutter, Robert Mapplethorpe, Bettina Rheims, Thomas Ruff, Karl Hugo Schmölz, Thomas Struth und Wolfgang Tillmans. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr. Eintritt fünf Euro, ermäßigt drei Euro. adi

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