Breitfurt / Medelsheim RHEINPFALZ Plus Artikel Nicole Schuh hegt und pflegt fast vergessene Gemüsesorten – und die schmecken

Nicole Schuh im Nutzgarten in Medelsheim.
Nicole Schuh im Nutzgarten in Medelsheim.

Saatgut ist kein Allgemeingut mehr. Kaufen kann man Sämereien heute fast nur noch aus der Produktion großer Agrarkonzerne. Althergebrachte Gemüsesorten, wie die Großmutter sie noch gekannt hat, sind weitgehend vom Markt verschwunden. Ganz bewusst baut die Breitfurterin Nicole Schuh klassische alte Arten an, um zu deren Erhalt beizutragen.

„Haben Sie gewusst, dass im Lauf des 20. Jahrhunderts 94 Prozent aller Gemüsesorten verschwunden sind?“, richtet die Saarpfälzerin den Blick auf das Problem. Früher habe es allein 158 Blumenkohlsorten gegeben; davon seien gerade mal neun übrig geblieben. Beim Paprika hätten sich nur zehn Prozent der früheren Sortenvielfalt erhalten, beim Mais schlichte sechs Prozent.

Wie kommt’s? „Im Handel kann man nur noch die Sorten kaufen, die von den großen Agrarkonzernen lizenziert sind“, sagt Nicole Schuh. Im Garten ihres Lebensgefährten in Medelsheim (Gemeinde Gersheim) zeigt die gelernte Gärtnerin dagegen Flagge und baut gezielt das althergebrachte Gemüse an. Oft sind es ältere Menschen aus dem Bliesgau, die der Kennerin ihr gutgehütetes Saatgut mitbringen. „Bis in die 1980er-Jahre hinein waren die Leute ja traditionell nach Lautzkirchen gefahren, um dort Bohnen zu kaufen“, kann sich Nicole Schuh noch gut erinnern. Die Bauern in dem klassischen Blieskasteler „Bohnendorf“ hatten einst die beiden alten Sorten „Ruhm vom Vorgebirge“ und „Surpasse Phénix“ kultiviert. „Ich musste lange recherchieren, bis ich die Namen dieser Sorten herausgefunden habe“, sagt Schuh. Später sei es ihr gelungen, in Prag aus der Staatlichen Saatgutbank der Tschechischen Republik ganze 20 Samenkörner der „Surpasse Phénix“ zum Zweck der Vermehrung im heimischen Medelsheimer Garten loszueisen. „Ich hab’ sie aber auch nur deshalb gekriegt, weil ich vom früheren Anbau in Lautzkirchen erzählen konnte.“ In einer Facebook-Gruppe von Gleichgesinnten hat sie inzwischen etwa 60 Mitstreiter im ganzen Saarland aufgetrieben, die den alten „Ruhm vom Vorgebirge“ zuhause pflegen.

Linsen aus St. Petersburg

Um eine bestimmte Linsensorte, die vor 100 Jahren im Bliesgau und in Lothringen heimisch war, in die Saarpfalz zurückzuholen, hat sich Nicole Schuh eigens ins russische St. Petersburg begeben, um dort einen Satz Samen im Wawilow-Institut zu ergattern: Dort befindet sich die weltweit größte Sammlung genetischer Ressourcen von Kulturpflanzen.

Verkaufen dürfen Nicole Schuh und ihre Freunde solcherart altehrwürdige Gartenschätze aber auf gar keinen Fall. „Was von der Agrarindustrie nicht lizenziert ist, darf nicht verkauft werden.“ Der bloße Anbau sei zulässig: „Untersagt ist aber, das Saatgut kommerziell zu vermarkten.“ So darf Nicole Schuh ihre traditionellen Gurken, Paprika, Rote Bete oder Tomaten nur für den direkten Verzehr weitergeben. „Essen darf man sie. Aber bloß nicht die Samen rausnehmen und zuhause selber setzen.“ Zwar sei dies im kleinen Rahmen unter Hobbyzüchtern noch möglich. „Aber mit Saatgut darf nicht gehandelt werden, auch nicht unter Privatleuten. Man darf die Samen nur tauschen oder verschenken.“ Dies tut Nicole Schuh unter anderem auf ihren privat organisierten Tauschbörsen – normalerweise zweimal im Jahr, im „Haus Lochfeld“ bei Wittersheim und auf dem Karcherhof bei Saarbrücken-Bischmisheim. Wenn halt nicht gerade die Corona-Krise alle Pläne durcheinanderwirbelt. Auf dem Karcherhof verdient sich die Saarpfälzerin im Alltag ihre Brötchen: Dort ist sie in der Sozialtherapie bei der landwirtschaftlichen Arbeit mit psychisch Kranken tätig.

Die historischen Sorten, deren Arterhalt der Breitfurterin so sehr am Herzen liegt, seien kein Hochleistungsgemüse, wie es von der modernen Landwirtschaft aus Wettbewerbsgründen kultiviert werden müsse. „Kartoffeln im Supermarkt haben gut transport- und lagerfähig zu sein und gleichförmig auszusehen. Der Geschmack ist bei diesen Kriterien zweitrangig.“ Manche Bauern, so sagt sie, hielten ihr entgegen, dass der aufwendige Arterhalt gar nicht nötig sei. „Die sagen dann, dass es doch Einrichtungen wie die Arktische Saatgut-Bank auf der Insel Spitzbergen gibt. Aber was soll es uns schon bringen, wenn die Sachen nur noch in Eisbunkern eingelagert sind? Die Sorten sind dazu da, angebaut und verzehrt zu werden. Außerdem haben die Genbanken gar nicht den Platz, um wirklich alles aufnehmen zu können, was verloren geht.“

Bei der Oma wird sie zur Pflanzenliebhaberin

Die Liebe zum Gärtnern hat Nicole Schuh ihrer Oma zu verdanken, auf deren Niederwürzbacher Anwesen sie aufgewachsen ist. „Wir haben unser Gemüse jedes Jahr weiter vermehrt.“ Damals sei sie zur „totalen Pflanzenliebhaberin“ geworden. „Da wurden bei mir aus fünf Tomatensorten zehn, dann 20, dann 100.“ Immer weiter habe sie sich in die Materie vertieft und festgestellt, „dass so vieles ausstirbt und schon ausgestorben ist. Was bleibt, sind nur noch die auf Leistungsfähigkeit getrimmten Sorten. Es kann doch nicht sein, dass wir unseren Kindern nur noch Industriefutter hinterlassen! Jeder redet heute über das Verschwinden von Tierarten. Über Eisbären und Bienen. Klar, das ist auch sehr schlimm. Aber den Pflanzen geht es ganz genauso.“

Selbst gezogen ist wertvoller

Die Breitfurterin ist davon überzeugt, „dass die Leute ihr Essen viel mehr wertschätzen, wenn sie es selbst im Garten mühsam anbauen und täglich Gießkannen ans Beet schleppen. Früchte, die man dann hinterher erntet, werden ganz bestimmt nicht so achtlos weggeworfen wie heute so viele Produkte aus dem Supermarktregal. Vom Unterschied beim Geschmack ganz zu schweigen.“

Meist bringt die engagierte Saarpfälzerin ihr Anliegen als Einzelkämpferin unters Volk. „Es gibt aber auch Mitstreiter, die mir vor allem bei organisatorischen Dingen helfen“, verweist Schuh etwa auf das Team der Bliesgau-Ölmühle, das ihr bei den Tauschbörsen unter die Arme greife und beim Plakate-Drucken helfe.

Kein Problem mit Schnecken

Es fällt auf, dass die zarten Pflänzchen in Nicole Schuhs Medelsheimer Beeten kaum von Schädlingen befallen sind. „Die alten Sorten haben noch die Fähigkeit, sich genetisch auf ihre Umgebung einzustellen. Das macht sie widerstandsfähiger.“

Dass dennoch einige vorwitzige Schnecken ihren Nutzgarten durchstreifen, stört sie nicht weiter. „Damit muss man leben können. Schnecken sind ja auch sehr wichtig für das ökologische Gleichgewicht und für den Humus im Boden. Früher hatten die Leute eh gesagt, dass ein Zehntel vom Salat den Schnecken zusteht.“

Nicole Schuh schwört auf den markanten Geschmack ihrer alten Gemüsesorten – wie hier der prächtigen Gurke namens „Weiße Lange“.
Nicole Schuh schwört auf den markanten Geschmack ihrer alten Gemüsesorten – wie hier der prächtigen Gurke namens »Weiße Lange«.
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