Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Neuer Zoodirektor spricht von der „größten Katastrophe der Menschheitsgeschichte“

 Der neue Zoodirektor in Aktion: Jakob Kolleck streichelt den Flachlandtapir Sira in seinem Gehege.
Der neue Zoodirektor in Aktion: Jakob Kolleck streichelt den Flachlandtapir Sira in seinem Gehege.

Seit April ist Jakob Kolleck neuer Direktor des Saarbrücker Zoos. Er erzählt von seinen Lebensstationen. Er verrät, wie er abgeschnitten von der Zivilisation im Regenwald lebte, warum er als Kind keinen Fernseher hatte – und warum er überhaupt ins Saarland kam.

Mit 40 Jahren ist Jakob Kolleck ein junger Zoodirektor, der im Saarbrücker Zoo nun den eingeschlagenen Weg der stetigen Erneuerung fortführen soll. Man spürt: Der neue Direktor lebt für die Tierwelt und den Artenschutz. Etwas, das wahrscheinlich nicht zuletzt mit seinen Erfahrungen, die er im Ausland sammeln konnte, zu tun hat. Auf einer Bank neben dem Gorilla-Gelände – eins der jüngsten Großprojekte des Zoos –, spricht er über die Dinge, die er bei seinen Lebensstationen gelernt hat. Und über das, was ihm als Zoodirektor wichtig ist.

Herr Kolleck, wie kam es dazu, dass Sie sich beruflich für die Arbeit mit Tieren entschieden haben?
Das liegt natürlich schon lang, lang zurück. Ich habe schon immer großes Interesse für Natur und insbesondere für die Fauna gehabt. Schon als Kind war ich viel in der Natur und Naturschutzgebieten unterwegs. Natürlich damals noch mit einem anderen Fokus. Da war es eher das Erkunden und Spielen im Wald oder der Wiese. Wir hatten keinen Fernseher, als ich klein war, aus pädagogischen Gründen. Ich will damit nicht sagen, dass ich das gut finde, aber ich glaube, geschadet hat es mir nicht. Daraus hat sich das entwickelt. Ich habe mich im Prinzip schon mein Leben lang dafür interessiert und mich dann nach der Schulzeit ziemlich schnell entschieden, dass ich in der Richtung beruflich tätig werden will. Ich habe dann die Ausbildung zum Zootierpfleger angefangen. So hat sich das dann weiterentwickelt. Dann bin ich ins Ausland gegangen, habe viel im Natur- und Artenschutz gearbeitet. Im Anschluss daran wollte ich dann das Wissen intensivieren und habe Biologie studiert. Nach dem Biologiestudium bin ich wieder zurück in Zoo-Welt und freue mich jetzt auf die aktuelle Position als Zoodirektor. Ich hoffe, es ist meine letzte Position. Viel mehr danach kommt ja nicht mehr.

Sie haben an vielen Orten spannende Erfahrungen gesammelt. Was hat Ihnen am meisten imponiert?
Ich war beruflich einige Jahre in Südostasien unterwegs. Die Orte, an denen ich war, waren alle für sich extrem interessant. Ich war zweieinhalb Jahre in Vietnam. Deshalb ist das was, was mich wahrscheinlich am meisten geprägt hat. Ich war dort mitten im Regenwald stationiert, für zweieinhalb Jahre außerhalb der uns bekannten Zivilisation. In einer völlig anderen Kultur und natürlich auch mit einem völlig anderen Aufgabenbereich, den es hier in dieser Art und Weise gar nicht gibt. Ich habe dort in einer Primatenauffangstation gearbeitet, wo hochbedrohte Primaten aus dem illegalen Tierhandel aufgefangen wurden und wieder in soziale Gruppen integriert wurden, um sie danach auszuwildern. Einen solchen Bereich gibt es hier in der Form nicht. Es gibt ähnliche Positionen in Deutschland, aber dort ist das noch viel imposanter, weil von den Ländern auch einfach keine oder wenig Finanzierung zur Verfügung steht. Mich hat aber auch sehr die Zeit geprägt, die ich Myanmar (Asien) verbracht habe. Dort war ich einem Gebiet unterwegs, was zum Nationalpark deklariert werden sollte. Ein Gebiet, was eigentlich Sperrzone war in der Zeit, wo ich dort war. Wegen Unstimmigkeiten in der Regierung konnte man dort eigentlich nicht hin, aber mit einer Sondergenehmigung ging es dann trotzdem. Das war extrem unberührte Natur. So was habe ich in Vietnam nicht gesehen. Das kann man sich auch nicht so wirklich vorstellen. Wenn man mal in so einem touristischen Regenwald war, kann man sich nicht vorstellen, wie Regenwald ist, wenn er wirklich unberührt ist. Das habe ich in Myanmar gesehen und das war sehr beeindruckend. Auch vom Sicherheitsgedanken her war es sehr interessant, da ich im Prinzip sieben Tage von der Zivilisation weg war. Und das heißt wirklich sieben Tage unterwegs im Regenwald, wo wir ein Basislager aufgebaut haben. Dann spielen auch plötzlich ganz andere Dinge eine Rolle, wie zum Beispiel wie gehe ich damit um, wenn sich jemand schwer verletzt, wenn ich sieben Tage zu Fuß brauche, um irgendwo hinzukommen. Das war in Vietnam nicht der Fall.

Wie war Ihr Start als neuer Direktor?
Ich wurde unglaublich freundlich aufgenommen. Und zwar insgesamt. Nicht nur hier im Zoo, sondern auch in Saarbrücken und im Saarland. Ich habe mich hier sofort wohlgefühlt. Was mich am Saarland so gereizt hat, ist die Natur. Das Saarland ist nicht so urban wie andere Bundesländer. Ich meine, ich bin in Berlin geboren und aufgewachsen und in meiner letzten Station war ich in Frankfurt am Main. Das kann man nicht vergleichen mit Saarbrücken und dem Saarland. Genau das ist es, was mir so gefehlt hat. Ich habe die Zeit im tropischen Regenwald verbracht, wo nur Natur war. Ich habe die Zeit in den Extremgroßstädten Berlin und Frankfurt verbracht. Das Saarland ist so eine Mischung aus allem. Saarbrücken ist eine große Stadt und im Saarland gibt es gleichzeitig unglaublich viel Natur. Das ist das, was mich hier so gereizt hat. Meine Aufgaben im Zoo werden sich jetzt zeigen. Im Prinzip habe ich vor, die positive Entwicklung, die der Zoo in den letzten zehn bis 15 Jahren genommen hat, weiterzuführen und den Zoo noch schöner und besser zu machen, als er ohnehin schon ist.

Haben Sie sich ein bestimmtes Ziel gesetzt?
Natürlich hat ein zoologischer Garten einige Ziele und Problematiken, mit denen man kämpfen muss. Ein großer Punkt ist der Rückgang der Biodiversität und damit verbunden im Prinzip die Mitaufgabe der Zoos, auf diese Dinge aufmerksam zu machen. Wir stecken im Prinzip mitten in der größten Katastrophe der Menschheitsgeschichte, dem Rückgang der Biodiversität. Etwas, das einen enormen Faktor auf die Wirtschaft, das Leben und die Menschheit haben wird. Eine der Kernaufgaben der Zoos ist es, darüber zu informieren, aufzuklären, die Bildungsleistung zu übernehmen und über Natur- und Artenschutz die Menschen zu sensibilisieren.

Was ist die größte Herausforderung, mit der Sie zu kämpfen haben?
Im Prinzip ist es genau das. Die Sensibilisierung auf die weltweite Katastrophe des Rückgangs der Biodiversität und vor allen Dingen die Sensibilisierung der Menschheit. Ich rede da nicht nur von Saarbrücken, sondern insgesamt. Da hat jeder Zoo seinen Beitrag zu leisten. Dieser Fakt ist immer wichtiger geworden in den letzten Jahrzehnten und ist mittlerweile die Basis eines modernen zoologischen Gartens: die Menschen auf Natur- und Artenschutz hinzuweisen. Zu zeigen, was jeder machen kann, wie jeder etwas dazu beitragen kann.

Inwieweit passen Zoos und Artenschutz beziehungsweise eine artgerechte Tierhaltung überhaupt zusammen?
Artgerechte Tierhaltung findet man fast nur in Zoos. Wenn wir über artgerechte Tierhaltung sprechen, sind Zoos immer ganz vorne mit dabei. Natürlich gibt es auch in den meisten Zoos Negativbeispiele für Tierhaltung und da ist auch die Kritik angebracht. Ein Zoo darf nicht stehenbleiben. Durch wissenschaftliche Erkenntnisse werden Dinge immer wieder angepasst und die Tierhaltung modernisiert und verbessert. Da muss sich weiterentwickeln.

Was haben Sie aus dem Umgang mit Tieren gelernt?
Tiere geben einem unglaublich viel. Auch im Umgang mit Menschen. Man kann über Tiere lernen, wie man vertrauensvoll miteinander umgeht. Tier geben einem meistens ein direktes Feedback, was ihnen gefällt oder nicht gefällt, was bei Menschen öfter nicht der Fall ist. Genau aus diesen Punkten kann man lernen. Auch beim Umgang mit Menschen.

Haben Sie selbst Tiere?
Aktuell nicht. Früher hatte ich ein bisschen was an Aquaristik und Terraristik sowie einen Hund. Durch meine Auslandsaufenthalte war das alles nicht mehr möglich.

Jakob Kolleck möchte den Saarbrücker Zoo weiterentwickeln.
Jakob Kolleck möchte den Saarbrücker Zoo weiterentwickeln.
x