Saarbrücken
Museum zeigt preußische Kriegspropaganda aus dem Kaiserreich
Zu sehen gibt es die monumentalen Gemälde des sogenannten Saarbrücker Rathauszyklus aus dem Jahr 1880. Die Bilder, mit denen der Historienmaler Anton von Werner den deutschen Sieg verherrlichte, galten lange Zeit als verschollen. Nun sollen sie erstmals nach 76 Jahren der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht werden. Das Museum hat den Zyklus für seine ständige Sammlung erworben. Museumsdirektor Simon Matzerath: „Es handelt sich um den größten Ankauf in der Geschichte des 1985 gegründeten Museums.“
Angefertigt wurde der Gemäldezyklus seinerzeit auf Initiative des damaligen preußischen Kultusministers als Erinnerung an den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und die darauffolgende Gründung des deutschen Kaiserreichs. Für die Ausgestaltung der Gemälde und eines für deren Präsentation eigens angefertigten Anbaus am Alt-Saarbrücker Rathaus wurde Anton von Werner beauftragt. Der Künstler, einer der damals bedeutendsten deutschen Maler dieses Genres, bleibt vor allem durch sein berühmtes Gemälde über die Reichsgründung und Kaiserkrönung im Spiegelsaal von Versailles in Erinnerung.
Sturm auf die Spicherer Höhen
Die sieben großformatigen Bilder aus dem Saarbrücker Rathauszyklus zeigen den Sturm auf die Spicherer Höhen, die Ankunft des preußischen Königs in Saarbrücken und eine Darstellung der Siegesgöttin Viktoria. Riesige Porträts von Protagonisten wie Preußenkönig Wilhelm, Bismarck, des Heerführers Moltke und des Kronprinzen Friedrich sind Teil des Bildprogramms.
Das Historische Museum Saar, so sagt sein Sprecher Rainer Jung, werde in seiner Ausstellung die Werke zeithistorisch einordnen. Die Sonderausstellung werde sich kritisch mit ihrer Bildsprache und der nationalen Botschaft auseinandersetzen, die hier ausgedrückt werden sollte. „Zudem werden die Gemälde fotografisch dokumentiert und in Zukunft über die Digicult-Plattform online zur Verfügung gestellt.“
Hoffen, dass das Museum öffnen darf
Apropos online: In welcher Form die für den 27. Februar vorgesehene Ausstellungseröffnung am Ende stattfinden kann, weiß man bis dato noch nicht. Zur RHEINPFALZ sagte Rainer Jung, dass das Team des Historischen Museums die Schau zurzeit vorbereite und in gewohnter Form auf den Eröffnungstermin hinarbeite. „Wenn wir Ende Februar coronabedingt weiterhin geschlossen bleiben müssen, dann können wir das natürlich auch nicht ändern. Wir machen jetzt aber unsere Arbeit und leisten unseren Beitrag fürs Gelingen.“ Ansonsten bleibt im Moment nur die Hoffnung, dass die Schau wunschgemäß über die Bühne gehen kann.
Wenn die neue Sonderausstellung die Monumentalgemälde auch in ihren Mittelpunkt stellt, so will man hier aber auch weitere Exponate zum Deutsch-Französischen Krieg zeigen. „Trotzdem wollen wir kein umfassendes Panorama des Kriegsverlaufs mit Darstellung sämtlicher Schlachten zusammenstellen“, stellt Rainer Jung klar. Vielmehr werde es darum gehen, anhand zeitgenössischer Zeitungsberichte, Dokumente und Fotografien darzustellen, wie unterschiedlich der Konflikt in den beiden beteiligten Ländern aufgenommen, dargestellt und erlebt wurde. „Zum Beispiel geht es um Fragen der Nation und des Nationalismus“, sagt Rainer Jung: „Hatte der Krieg in Deutschland zur Einigung des Reichs, zum wirtschaftlichen Aufschwung und zu einem übersteigerten Nationalgefühl geführt, so bleibt der Konflikt für die Franzosen vor allem mit der Niederlage, dem Trauma des Verlusts der Provinzen Elsass und Lothringen und mit der Hoffnung auf Revanche verbunden.“
Kritisches Hinterfragen
Die saarländische Bildungsministerin Christine Streichert-Clivot: „Der Blick in die Vergangenheit sagt uns etwas über unsere Herkunft und die Entwicklung unserer Gesellschaft. Die Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit versetzt uns erst in die Lage, darüber nachzudenken, wie unsere gemeinsame Zukunft aussehen soll, in was für einer Gesellschaft wir leben wollen. Deshalb freue ich mich sehr darüber, dass die Gemälde wieder gezeigt werden und als Zeugnisse nationaler Propaganda des deutschen Kaiserreiches zum kritischen Hinterfragen einladen.“
Mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder, des Fördervereins für das Historische Museum Saar, der Saarland-Sporttoto GmbH und der Willy-Walch-Stiftung konnte das Saarbrücker Museum den kompletten Zyklus ankaufen. Fünf der sieben Monumentalgemälde wurden von 1998 bis 2001 von den russischen Restauratoren Vladimir Nikolajew und Valentin Andrejew restauriert.