Saarbrücken RHEINPFALZ Plus Artikel Museum erinnert an verdrängten Krieg gegen Frankreich

Blick in die Sonderausstellung mit einer interaktiven Bildtafel, mit der man sich näher informieren kann.
Blick in die Sonderausstellung mit einer interaktiven Bildtafel, mit der man sich näher informieren kann.

In Frankreich bis heute ein Trauma, aber diesseits der Grenze fast vergessen ist der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71. Dieser Konflikt, aus dem das Deutsche Kaiserreich hervorging, bildet den Hintergrund für die aktuelle Sonderausstellung „Monumente des Krieges“ im Historischen Museum Saar in Saarbrücken. Hier gibt es alte Zeitungsberichte, Feldpostbriefe, Fotos zu entdecken– und einige ganz besondere Monumentalgemälde.

„Zum ersten Mal wird eine Sonderausstellung unseres Museums ausführlich in der ,Frankfurter Allgemeinen Zeitung’ besprochen“, sagt Museumsdirektor Simon Matzerath nicht ohne Stolz. Die Heinrich-Böll-Stiftung habe hingegen die Sorge bekundet, ob man in Saarbrücken neuerdings militaristische Propaganda der wilhelminischen Kaiserzeit betreibe. Denn den Kern der aktuellen Ausstellung „Monumente des Krieges“ bildet eine Serie großformatiger Gemälde Kaiser Wilhelms I., des „Eisernen Kanzlers“ Bismarck und der Siegesgöttin Viktoria – vollgestopft mit Preußens Glanz und Gloria.

Dass dem Besucher im Ausstellungsraum sogleich ein Exemplar des französischen Maschinengewehr-Vorläufers „Mitrailleuse“ ins Auge sticht, ist Direktor Matzerath nicht so wirklich recht: „Denn obwohl sich die Ausstellung mit dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 beschäftigt, ist der rein militärische Aspekt überhaupt nicht unser Thema.“ Die „Mitrailleuse“ habe man nur der Vollständigkeit halber aufgestellt. Ansonsten sucht man hier nach Zeugnissen zeitgenössischer Waffentechnik meist vergeblich. Und die knapp gehaltenen Landkarten, die an blutige Schlachten wie in Spichern, Wörth, Gravelotte oder Sedan erinnern, kommen gänzlich ohne aufgemalte Pfeile aus, die Truppenbewegungen markieren. „Denn Krieg ist kein Spiel“, betont Simon Matzerath: „Das Maschinengewehr hier soll keine Attraktion zum Bewundern sein, sondern steht für das Abschlachten, Zerfetzen und Töten von Menschen. Das Ausstellungsstück ist ein Aufhänger, um unsere Botschaft zu vermitteln.“

Eine spezielle Hinterlassenschaft

Diese Botschaft ist die Kunde vom Krieg als menschenverachtende, blutig-dreckige Mordmaschine. Dass der in Deutschland heutzutage weitgehend vergessene Waffengang von 1870/71 überhaupt noch einmal als Thema aufgegriffen wird – und das gerade in Saarbrücken – hängt mit einer sehr speziellen Hinterlassenschaft aus der wilhelminischen Kaiserzeit zusammen, die fast 80 Jahre lang zusammengerollt auf einem Dachboden des alten Rathauses im Stadtteil St. Johann geschlummert hat. Bei diesem Fundus handelt es sich um die bereits erwähnte Prunk-Gemäldeserie aus dem Atelier des Historienmalers Anton von Werner aus der Endphase des 19. Jahrhunderts. Einst prangten die Bilder an den Innenwänden eines prunkvoll herausgeputzten Sitzungssaals in jenem Rathausgebäude. Bis sie im Zweiten Weltkrieg sicherheitshalber aus dem Bauwerk rausgeholt wurden. Gerade rechtzeitig, ehe der Rathaussaal 1944 bei einem alliierten Bombenangriff in Schutt und Asche gelegt wurde.

Zuletzt befanden sich die Werner-Gemälde, die einst den deutschen Sieg über den Nachbarn Frankreich verherrlichen sollten, in schwer ramponiertem Zustand. Seit geraumer Zeit werden sie restauriert. Auch jetzt noch: Bis die Sonderausstellung im Oktober endet, können Besucher im Untergeschoss den Restauratorinnen Katharina Deimel und Svea-Kristin Köhler noch über die Schultern schauen, wie sie die betagten Preußen-Propagandawerke mit Pinsel und Skalpell kunstvoll wieder aufbereiten. Im Moment bekommt hier gerade Werners Bismarck-Porträt seinen letzten Schliff; anschließend folgt mit dem Bild „Ankunft König Wilhelms in Saarbrücken“ im 5,15 mal 3,12 Meter umfassenden Monumentalformat das größte und offenbar wichtigste der alten Rathaussaal-Wandgemälde.

Von wegen Heldentum

„Bei uns wird die Propaganda entlarvt“, holen Simon Matzerath und seine Mitstreiter die gigantischen Historienschinken vom Sockel. Im Museum hängen sie jetzt knapp über Bodenniveau – und eben nicht in ehrfurchtgebietenden Höhen, wie sie einst den Betrachter im alten Rathaussaal in patriotische Andacht versetzen sollten. An die Hallendecke werden verzerrte Details jener Gemälde projiziert – in bunter Comic-Manier, die dem Pathos der Kaiserzeit sozusagen die Hose herunterzieht.

Dass Werners Bilder überhaupt bewahrt und restauriert werden, begründet Matzerath mit der Aufgabe seines Museums, auch kontroverse Zeitzeugnisse für die Nachwelt zu hüten. Unter anderem soll die Ausstellung „Monumente des Krieges“ an alte deutsch-französische Feindbilder gemahnen – und daran, wie sie im Laufe der Zeit überwunden wurden.

Stimme eines Mannes aus dem 18. Jahrhundert

Ein geradezu einzigartiges Ton-Dokument ist vom ’71er-Feldherrn Helmuth von Moltke überliefert: Der 1800 geborene Generalfeldmarschall hat am 21. Oktober 1889 eine Edison-Walze mit Shakespeare-Zitaten besprochen. Weil das 19. Jahrhundert laut offizieller Zählung erst am 1. Januar 1801 begonnen hat, handelt es sich bei diesem Hörbeispiel, das es in der Ausstellung zu entdecken gibt, also um das weltweit einzige Stimmdokument, das von einem Menschen aus dem 18. Jahrhundert existiert.

Posse um eine Granate am Hauptbahnhof

Zu einer Art Sehenswürdigkeit für Schlachten-Touristen soll sich nach dem Deutsch-Französischen Krieg ein Granaten-Blindgänger am Saarbrücker Bahnhof gemausert haben. Aber ob das überhaupt stimmt, ist heute nicht mehr ganz klar, wie ein Exponat in der Ausstellung zeigt. Beim Beschuss des Bahnhofs durch französische Truppen im August 1870 soll die Granate nicht explodiert sein. Gedruckte Reiseführer aus dem frühen 20. Jahrhundert erwähnen einen Eisenträger am Bahnsteig II, in den die übriggebliebene Granate eingelassen worden sein soll – als Attraktion für Touristen bei der Ankunft per Zug.

Jahrzehntelang war von dieser Granate am Hauptbahnhof nichts zu sehen, ehe sie anno 2020 aus Privatbesitz wieder auftauchte. Mitsamt einer skurril anmutenden Geschichte.

Museumsdirektor Simon Matzerath erzählt, dass er den Sprengkörper von einem Privatmann bekommen habe. Dieser berichtete von einem Brief seines 1950 verstorbenen Großvaters. In dem Schreiben behauptet jener Großvater, dass er kurz nach dem Zweiten Weltkrieg den ominösen Blindgänger habe mitgehen lassen. Denn für 1948 war ein Besuch des damaligen französischen Außenministers Robert Schuman in Saarbrücken angekündigt. Indem er die Granate vom Bahnhof weggeschafft habe, will der Großvater verhindert haben, dass das explosive Kriegssouvenir womöglich „als Staatsgeschenk an die Franzosen zurückgegeben“ werden könnte. Denn, so schrieb der Mann damals: „Wenn wir hier an der Saar wieder frei sind und Deutschland ohne Besatzung, kommt die Granate wieder zurück an ihren alten Platz am Hauptbahnhof.“

Aber so sollte es nicht kommen. Und Oskar Matzerath hat keine Informationen über irgendwelche damaligen Pläne, die Granate als seltsames Geschenk „zurückzugeben“.

Info

  • Während des Besuchs im Museum herrschen Test-, Masken- und Abstandspflicht.
  • Über www.historisches-museum.org, die Internetseite des Museums, können sich Gäste online anmelden – für eine terminlich exakt festgelegte zweistündige Besuchszeit. Telefonische Buchungen unter 0681/506-4506 bleiben weiterhin möglich.
  • Innerhalb eines Zeitfensters von zwei Stunden dürfen maximal 30 Personen das gesamte Museum betreten – also neben der Sonderschau „Monumente des Krieges“ auch die Dauerausstellung zur Geschichte des Saarlandes, die „Unterirdische Burg“ und die Live-Restaurierung der Gemälde.
  • Das Historische Museum Saar am Schlossplatz 15 in Saarbrücken hat dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet, mittwochs bis 20 Uhr.
Eine Computeranimation rekonstruiert das Innere des 1944 zerstörten Alt-Saarbrücker Rathaussaales.
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 „Sturm auf den Spicherer Berg“: Das Schlachtengemälde stellt den Tod als keimfreies „Heldentum“ dar.
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