Saarbrücken
Krankenpfleger-Prozess: Angeklagter spielt sich als Arzt auf
Der 29-Jährige aus dem Saarpfalz-Kreis ist wegen sechsfachen versuchten Mordes angeklagt. Die Staatsanwältin wirft ihm vor, als Intensivpfleger in den Jahren 2015 bis 2016 zunächst in der Völklinger SHG-Klinik und dann in den Unikliniken in Homburg schwerstkranken Patienten eigenmächtig Herz-Kreislauf-Medikamente eingeflößt zu haben. Ärzte hätten die Arzneien zuvor nicht verordnet; diese seien medizinisch auch gar nicht angezeigt gewesen.
Wissentlich soll der Angeklagte eine „erhebliche Verschlechterung des Gesundheitszustandes der Patienten herbeigeführt und den Tod von drei Frauen und drei Männern billigend in Kauf genommen“ haben. Durch eigenmächtige Wiederbelebungsmaßnahmen an den betroffenen Patienten habe er sich „emotionale Befriedigung sowie Anerkennung von den Kollegen und Ärzten“ verschaffen wollen, so die Anklage.
In der Völklinger Klinik soll er solche Reanimationsversuche an zwei weiblichen (77 und 88 Jahre) und drei männlichen Patienten (31, 58, 81) vorgenommen haben. Im Mai 2016 sei dann noch eine 76-jährige Frau in den Homburger Unikliniken hinzugekommen. All diese Vorwürfe hat der Saarpfälzer bereits zu Prozessbeginn bestritten.
Fasziniert von Schmuck
Am zweiten Prozesstag am Freitag, 2. Juli, wollte sich die Kammer ein persönliches Bild vom Angeklagten verschaffen. Dieser sagte, dass nach seinem guten Examen seine Odyssee begonnen habe. Zunächst war er in Frankfurt-Höchst als Pfleger beschäftigt. Reiche Patienten, die Markenkleider und schicken Schmuck trugen, hätten ihn damals schon fasziniert. Nach kurzer Zeit sei er in eine Klinik in Wiesbaden gewechselt.
2015 kehrte er zurück ins Saarland. Von da an habe er gemerkt, dass etwas mit ihm nicht stimme. Er habe gesehen, wie Ärzte „hofiert“ wurden. Das habe ihn fasziniert. Gegenüber zwei Mitarbeiterinnen in der Homburger Uni habe er sich dann als Arzt ausgegeben. Sehr hoch habe er sich verschuldet, um bei den Kollegen zu imponieren. Er habe sich eigens einen Porsche Cayenne angeschafft und damit eine Fahrgemeinschaft mit Kolleginnen gebildet. Seine Schulden konnte er nicht mehr begleichen. Vollstreckungsmaßnahmen wurden ihm angedroht. „Ich habe die Post abgefangen und immer wieder versucht, das vor meiner Familie und meiner damaligen Lebensgefährtin zu verbergen.“ Zuletzt habe er im Job wiederholt wegen Krankheit gefehlt. Er sei aber immer wieder nach Homburg gefahren, um seinen Kolleginnen zu zeigen, dass er noch arbeite. Dann habe er erzählt, sei inzwischen in Luxemburg beschäftigt.
Visitenkarten aus der Druckerei
In einer Druckerei habe er sich Visitenkarten und Aufkleber für seinen Leihwagen besorgt. Im Internet bestellte er teure Uhren, ohne sie bezahlen zu können. Zurzeit sitzt er bereits wegen Betrugs in Strafhaft.
Fragen der Staatsanwältin und des Verteidigers einer Nebenklägerin beantwortete er am Freitag freimütig. Von der Anklägerin mit belastenden Aussagen einiger Zeuginnen konfrontiert, sagte er: „Ich glaube, die übertreiben.“
Der Prozess wird am 13. Juli fortgesetzt. Zahlreiche weitere Verhandlungstage sind bis in den Dezember hinein terminiert.