Saarbrücken RHEINPFALZ Plus Artikel Künstlerische Graffiti-Hingucker müssen weg

Sprayer hatten die Pfeiler der Wilhelm-Heinrich-Brücke mit diesem und weiteren Europa-Motiven verziert – mit ausdrücklicher Gene
Sprayer hatten die Pfeiler der Wilhelm-Heinrich-Brücke mit diesem und weiteren Europa-Motiven verziert – mit ausdrücklicher Genehmigung der Stadt Saarbrücken. Jetzt wurden die Graffiti auf behördliche Anordnung übermalt.

Harsche Kritik erntet die Entscheidung, die hochwertigen Graffiti-Kunstwerke an den Betonsäulen unterhalb der Wilhelm-Heinrich-Brücke in Saarbrücken grauweiß zu übermalen. Die Motive waren in den vergangenen Jahren von Künstlern aus der Sprayerszene geschaffen worden – und zwar mit ausdrücklicher Genehmigung der Stadtverwaltung.

„Bürokraten und Kunstbanausen“ seien da im Innenministerium und in der Stadtverwaltung am Werk, ärgert sich das Saarbrücker SPD-Stadtratsmitglied Susanne Commerçon-Mohr. Beamte im Ministerium hätten die Entfernung der Graffiti gefordert. „Und die Saarbrücker Verwaltung zeigt sich sofort willfährig und lässt die Werke übertünchen. Das ist grotesk. Wenn die Flächen nicht legal genutzt werden können, werden sie bald von illegalen, künstlerisch zweifelhaften Graffitis übersät sein.“

Grüne Jugend: „Ein regelrechter Skandal“

Für Jeanne Dillschneider von der Grünen Jugend Saar waren die Werke „eine kulturelle Bereicherung für die Stadt“, die die Bürger „wertschätzend aufgenommen“ hätten. „Die Säulen nun einfach weiß zu übermalen, ist ein regelrechter Skandal.“

Was ist geschehen? Seit 2017 hatte die Stadt Saarbrücken in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt mehrere öffentliche Flächen „für gezielte Aktionen von Graffitikünstlern zur legalen Nutzung freigegeben“, erläutert Rathaussprecher Thomas Blug auf Anfrage. „Dazu zählten auch verschiedene Säulen und Wände unter der Wilhelm-Heinrich-Brücke. Sprayern sollte ermöglicht werden, in einem für sie reservierten Rahmen kreativ zu werden.“ Die Stadt habe damit auch dem Verschandeln der Gegend vorbeugen wollen, das durch illegales, nicht immer sehr gelungenes Sprayen verursacht wird. Blug räumt ein: „Das hat unter anderem im Bereich der Wilhelm-Heinrich-Brücke sehr gut funktioniert.“

Angst um EU-Fördergelder

Allerdings seien der Stadt die Hände gebunden. Denn im Oktober wurden die Rathaus-Verantwortlichen vom Saar-Innenministerium an das Jahr 2015 erinnert: Damals hatte das Saarland Instandsetzungsarbeiten am Unterbau der Wilhelm-Heinrich-Brücke mit Geldern aus einem EU-Fördertopf unterstützt. Das Ministerium, so Blug, habe im Oktober gemahnt, „dass die Freigabe der Flächen für Graffiti-Aktionen nicht mit den zugrundeliegenden Förderbedingungen übereinstimmen“. Wenn die Stadt gegen jene Bedingungen verstoße, drohe die Rückforderung der ausgezahlten EU-Gelder – zumindest von Teilbeträgen. „Danach hat das Straßenbauamt der Landeshauptstadt veranlasst, dass der ursprüngliche Zustand der Säulen und Wände entsprechend der Förderkriterien mit einem grauen Anstrich wiederhergestellt wird.“

Mit dieser Entwicklung ist man auch im Rathaus nicht glücklich. „Es war und ist auch weiterhin unser Ziel, die künstlerisch starke und lebendige Urban-Art-Szene in Saarbrücken zu fördern“, beteuert Thomas Blug. „Wir bedauern, dass die Flächen unter der Wilhelm-Heinrich-Brücke für temporäre Graffiti-Kunst nicht mehr zur Verfügung stehen. Wir werden nun prüfen, ob und wie der Wegfall der Flächen kompensiert werden kann.“

Ein Zeichen für Zusammenhalt in Corona-Zeiten

Ihr „Entsetzen“ bekunden die Saarbrücker Grünen, die im Rathaus mit CDU und FDP eine Koalition eingegangen sind. Der Grünen-Ortsverein Saarbrücken-Mitte führt die vergänglichen Kunstwerke unter der Autobahnbrücke auf einen Wettbewerb „Graffiti für Europa“ zurück, mit dem man im Corona-Juli 2020 „ein Zeichen für Zusammenhalt und Freundschaft in der Großregion“ habe setzen wollen. Die grauen Säulen seien mit unterschiedlichen Motiven zum Thema Europa farbig besprüht worden.

Jetzt wird die Rathausspitze von der SPD-Stadtratsfraktion aufgefordert, mit dem Innenministerium über eine erneute Freigabe der Brückenpfeiler zu verhandeln. Sollte das nicht gelingen, müsse die Stadt rasch andere Flächen für Sprayer auftreiben.

Weiß und grau übertünchte Betonpfeiler? Ihr könne „niemand weismachen“, äußert sich Susanne Commerçon-Mohr (SPD), „dass dies den Förderbedingungen der EU eher entspricht als die legale und künstlerisch gestaltete Aufwertung eines Beton-Zweckbaus“.

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