Saarland RHEINPFALZ Plus Artikel Homburg: Broschüre erinnert an Personen und Orte der Nazi-Zeit im heutigen Saarpfalz-Kreis

Wolfgang Johann stellt die Broschüre (im Vordergrund) im Homburger Forum vor.
Wolfgang Johann stellt die Broschüre (im Vordergrund) im Homburger Forum vor.

„Gegen das Vergessen – Orte des NS-Terrors und Widerstandes im Saarpfalz-Kreis“ heißt ein Büchlein, das jetzt beim Saarpfalz-Kreis im Homburger Forum erhältlich ist. Auf nur 28 Seiten gibt die Broschüre einen Überblick über Orte und Personen in der Saarpfalz, die mit der Nazi-Zeit verknüpft sind. Viele Begebenheiten sind heute tatsächlich fast vergessen.

„Wir glauben an den Führer“: In kantiger Frakturschrift prangt die Parole an der Fassade des Alten Rathauses am Homburger Marktplatz. Davor posieren SA-Trupps in Uniform. Dieses historische Foto ist ebenso in der Buchveröffentlichung zu sehen wie ein Bild der Trümmer des jüdischen Schuhhauses Stern nach der „Reichspogromnacht“ 1938.

Es zählt gerade einmal 28 Seiten, das bebilderte Büchlein „Gegen das Vergessen – Orte des NS-Terrors und Widerstandes im Saarpfalz-Kreis“. Die Aktion Dritte Welt Saar hat die Broschüre in einer Auflage von 12 000 Exemplaren herausgegeben. Kostenlos ist die Veröffentlichung zu haben, damit sie etwa an Schulen im Unterricht eingesetzt werden kann. „Wir wollen Täter und Opfer benennen sowie exemplarische Orte des nationalsozialistischen Terrors und des Widerstandes im Saarpfalz-Kreis zeigen und als Lernorte für Geschichte erfahrbar machen“, sagt Wolfgang Johann von der Aktion Dritte Welt Saar.

Kliniken und Waldstadion

Tatsächlich gibt es in der Saarpfalz mehr solcher Orte, als mancher meinen sollte. So kommt die Broschüre nicht an den heutigen Universitätskliniken in Homburg vorbei: Krankenakten der Jahre 1935 bis 1939 belegen 1452 Zwangssterilisationen an der Abteilung für Nervenkranke am damaligen Landeskrankenhaus. Die „Diagnosen“ bewegten sich zwischen „angeborenem Schwachsinn“, „Epilepsie“ und „Schizophrenie“. Viele der Patienten wurden ermordet. Der Homburger Historiker Christoph Braß hat verdienstvolle Forschungen zur dunklen Vergangenheit der Kliniken und deren einstigem Vorzeige-Direktor Oskar Orth angestellt. „Mit unserer Veröffentlichung wollen wir nicht den Anspruch auf eine vollständige historische Darstellung der Geschehnisse in der Saarpfalz erheben“, weist Wolfgang Johann auf „viele verdienstvolle Arbeiten von Heimatforschern“ hin, „die bereits vorliegen“.

Leid der Häftlinge in ehemaliger Tabakfabrik

Eine Stärke des Büchleins ist der kompakte Überblick, der hier auf wenig Seiten gegeben wird. Zum Beispiel wird hier die Erinnerung an das Leid der Häftlinge im „Polizei-Haftlager“ in der früheren Tabakfabrik Hewimsa in Homburg-Erbach neu geweckt.

Auch das Homburger Waldstadion ist ein solcher Erinnerungsort. 1937 vom Arbeitsdienst errichtet, war das Stadion als Kernstück eines „Omnisportvereins“ gedacht. Frei- und Hallenbad, Turnhalle, Rollschuhbahn, Tennisplätze, Aufmarschhalle und Ehrenhalle hätten dort noch folgen sollen. 1933 musste beim FV Homburg, dem Vorläuferverein des heutigen FCH, der Vorsitzende Wilhelm Geitlinger unter dem Druck der Nazis zurücktreten. Sein Nachfolger Eugen Willenbacher, seinerzeit Chef der „Deutschen Front“ in Homburg, blieb bis 1968 beim Fußballverein im Amt.

1932, vor der Nazi-Machtergreifung, war in Homburg erstmals ein „Heimattag“ gefeiert worden. Im Gedenken an Siebenpfeiffer und Wirth wurden Freiheitsbäume gepflanzt und Erinnerungstafeln enthüllt. 1937, beim zweiten „Heimattag“, bot sich ein ganz anderes Bild: Im Büchlein sind Fotos verkleideter Homburger abgedruckt – ausstaffiert mit Hüten, Bärten und Schläfenlocken, um in übelster Weise die Juden zu verhöhnen.

Aufrechte Saarpfälzer bieten den Nazis die Stirn

Es hat aber auch aufrechte Saarpfälzer gegeben, die den Nazis die Stirn boten. Als Beispiel nennt die Broschüre die katholische Lehrerin Änne Meier aus St. Ingbert, die unter dem Vorwurf des „fanatischen Einsatzes für die Katholische Aktion“ und wegen des Verbreitens regimekritischer Briefe im KZ Ravensbrück interniert wurde. Von dort gegen Kriegsende auf einen Todesmarsch geschickt, glückte ihr die Flucht.

Erinnert wird auch an den St. Ingberter Arthur Bohn, der als KPD-Mitglied im Spanischen Bürgerkrieg gegen die Faschisten kämpfte und dort ebenso den Tod fand wie der Kirrberger Katholik Kurt Albert Junkes.

Info

Im Internet abrufbar ist die Broschüre hier

Änne Meier leistete Widerstand.
Änne Meier leistete Widerstand.
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