Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Guido Kickelbick: Darf man für den Klimaschutz Gewalt anwenden?

Guido Kickelbick ist Mitinitiator der Ringvorlesung „Raumschiff Erde“. Er verrät, was der Klimaschutz mit Philosophie zu tun hat
Guido Kickelbick ist Mitinitiator der Ringvorlesung »Raumschiff Erde«. Er verrät, was der Klimaschutz mit Philosophie zu tun hat – und, warum jeder die Vorlesung hören kann.

Wie kann man Unwetter verhindern? Was müssen wir ändern, um Katastrophen entgegenzuwirken? Um diese Fragen geht es in der Ringvorlesung „Raumschiff Erde“ an der Universität des Saarlandes. Konstanze Führlbeck hat sich darüber mit Professor Guido Kickelbick unterhalten. Er gibt auch eine Prognose zur Zukunft der Erde ab.

Wie ist es zu dieser Vorlesungsreihe gekommen und warum haben Sie den Titel „Raumschiff Erde“ gewählt?
Die Vorlesung ist aus einer Idee der Scientists for Future-Ortsgruppe Saarland entstanden. Dort wollen unterschiedliche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Themen Klimaschutz und Nachhaltigkeit wissenschaftlich untermauert ins Licht der Öffentlichkeit bringen. Und warum „Raumschiff Erde“? Ich bin mit der Fernsehserie „Raumschiff Enterprise“ aufgewachsen. Ein Raumschiff ist ein gutes Sinnbild für die Erde, weil wir in einem geschlossenen System leben. In einem Raumschiff fliegt man durch das lebensfeindliche Weltall in einem in sich abgeschlossenen System und muss sich darum kümmern, dass alles auf dem Raumschiff so läuft, dass alle Mitreisenden möglichst lange überleben. Das heißt, wir müssen schauen, dass wir mit den vorhandenen Ressourcen auskommen. Dazu zählt alles, was der Mensch zum Überleben braucht – Luft, Wasser, Energie. Auch mit unseren Nahrungsmitteln und den vorhandenen sonstigen Rohstoffen müssen wir auskommen. Deshalb hat unsere Vorlesungsreihe zwei Teile: im Wintersemester Klimaschutz und im Sommersemester Nachhaltigkeit.

Wie lange gibt es diese Vorlesungsreihe jetzt schon?
Das ist das zweite Jahr.

Wie war die Resonanz im letzten Studienjahr?
Da waren wir in der Coronaphase mit vielen digitalen Vorträgen. Die Resonanz hat in diesem Semester deutlich zugenommen, sowohl in Präsenz als auch digital. Es nehmen bedeutend mehr Zuhörer an den einzelnen Vorträgen teil.

Wer nimmt denn teil?
Es ist eine klassische Vorlesung, die Studierende sich für ihr Studium anrechnen lassen können. Dazu müssen sie eine Prüfungsleistung erbringen, was in unserem Fall die Erstellung von Beiträgen für eine Online-Klima- und Nachhaltigkeits-Enzyklopädie, ähnlich wie Wikipedia ist. Dazu werden Beiträge für die Online-Enzyklopädie von den Teilnehmern zu Stichworten aus den Themenbereichen der Vorträge verfasst. Idealerweise in Teamarbeit.

Sitzen auch Nicht-Studierende in der Vorlesung?
Ja, wir bieten die Teilnahme einer breiten Öffentlichkeit an. Normalerweise laufen Ringvorlesungen der Universität des Saarlandes in öffentlichen Räumen in der Stadt Saarbrücken. In unserer Vorlesungsreihe laden wir Interessierte auf den Campus ein und die Digitalisierungstechnik macht es möglich, dass Gäste von überall auch online zuhören können. Das spart die Anreise und dient dem Klimaschutz. Durch die Live-Übertragung ins Internet kann prinzipiell jeder weltweit an der Vortragsreihe teilnehmen.

Haben Sie eine Rückmeldung, wie viele Nicht-Studierende dabei sind?
Ich kann es Ihnen nicht in Zahlen benennen, aber es herrscht ein großes Interesse an der Vorlesungsreihe bei Lehrerinnen und Lehrern und bei vielen weiteren Akteuren aus den Bereichen Klimaschutz und Nachhaltigkeit. Ich habe bereits Rückmeldungen von Zuhörern von Greenpeace, Fridays for Future und Parents for Future erhalten.

Wie setzen Sie den transdisziplinären Ansatz praktisch in der Vorlesungsreihe um?
In der Organisation der Vorlesung versuche ich, Experten aus vielen unterschiedlichen Fachrichtungen zu integrieren. Ich lade auch Wissenschaftler aus anderen Orten ein, um die Themenvielfalt abzurunden. Im Programm des jetzigen Wintersemesters haben wir einen Vortragenden von der Universität Koblenz-Landau. Im vergangenen Sommersemester wurden Vortragende der Universitäten Kaiserslautern, Trier, Tübingen, Leipzig und Zürich eingebunden. Wir hatten auch bereits Vortragende aus der freien Wirtschaft.

Sie binden auch Philosophen mit ein?
Ja, Klimaschutz und Nachhaltigkeit hat viel mit Ethik und einer Selbstreflexion der Gesellschaft zu tun. Früher war Philosophie auch ein Pflichtfach in der naturwissenschaftlichen Ausbildung an Universitäten. Ich bedauere es, dass philosophische Betrachtungsweisen aus den naturwissenschaftlichen Studiengängen vollständig verschwunden sind. Gerade die Vorlesung der Philosophin Susanne Mantel beleuchtet das Thema aus einer Perspektive, wie ich sie zuvor noch selten gehört habe. Das ist sehr spannend für mich als Naturwissenschaftler, der sich mit diesen Fragen häufig nur peripher beschäftigt.

Bremst die Philosophin die Freude des Ingenieurs am Machbaren aus?
Ich bin Naturwissenschaftler, kein Ingenieur, und es ist wichtig, eine Sichtweise auf das Thema zu bekommen, die den Perspektivenwechsel zulässt. Wir bewegen uns immer in unserer Blase – im privaten, im beruflichen und im wissenschaftlichen Umfeld. Aber gerade diese Menschheitsthemen bedürfen einer anderen Sichtweise. Das repräsentiert die Idee dieser Vorlesungsreihe.

Sollen die Philosophen also die Menschen dazu bringen, ihre Egoismen zu erkennen und in einen größeren Kontext zu stellen?
Das haben Sie jetzt gesagt. Im letzten Jahr wurden aus dem Publikum auch Fragen gestellt, über die ich mir noch nie Gedanken gemacht hatte. Zum Beispiel: Ist es aus einer ethisch-philosophischen Betrachtungsweise gerechtfertigt, für die Durchsetzung der Ziele des Klimaschutzes Gewalt anzuwenden? Eine Fragestellung die in der aktuellen Diskussion um Straßenblockaden sicherlich spannend zu betrachten ist.

Sollen die Philosophen uns ein schlechtes Gewissen machen oder sollen sie uns dazu führen, uns selbst besser zu erkennen?
Sie sollen uns dazu führen, unser Handeln zu reflektieren und Auswege aus verfestigten gesellschaftlichen Denksituationen zu finden. Eine dieser verfestigten Positionen ist: Wohlstand versus Klimaschutz. Können wir das miteinander verbinden?

Wir sollten also unsere Konsumhaltung überdenken?
Meiner persönlichen Meinung nach, ja! Sollte es wirklich unser Lebensziel sein, durch das persönliche Konsumverhalten eventuell sogar die Lebensfähigkeit nachkommender Generationen einzuschränken? Wir möchten mit der Vorlesung niemanden bekehren, sondern jeder sollte über sein eigenes Handeln nachdenken. Und es geht auch um das politische Handeln. Es braucht eine konzertierte Aktion sowohl von politischer Seite als auch im persönlichen Kontext, wenn wir unser Klima retten wollen. Der Konsens ist da, aber es gibt vielleicht noch nicht bei jedem die Einsicht, wie schnell man handeln muss und dass man es besser als bisher machen kann.

Also der Appell an Bürger und Politik, unser Erbe nicht zu verprassen?
So ist es. Wir leben in großem Wohlstand. Vieles ist historisch betrachtet dadurch entstanden, dass irgendwo anders jemand für unseren Wohlstand ausgebeutet wurde und Ressourcen auf Kosten Dritter verbraucht wurden. Wir gefährden die Lebensumwelt derjenigen die häufig unseren Wohlstand erst ermöglich haben. Das wirft die Frage nach einem besseren Wirtschaftssystem auf, aber die kann Ihnen ein Wirtschaftswissenschaftler besser beantworten als ich.

Welche Relevanz hat das Thema denn für Sie persönlich?
Wenn man selbst Kinder hat, so wie ich, macht man sich viele Gedanken darüber, in welcher Umwelt sie aufwachsen sollen. Ich versuche auch in meiner Lebensführung ein gewisses Vorbild zu sein und auf Dinge zu verzichten. Ich fahre beispielsweise mit dem Fahrrad zur Uni, ich versuche für dienstliche Termine möglichst wenig zu fliegen, bei Familienurlauben versuchen wir das auch. Ich bin selbst in einem bescheidenen Elternhaus aufgewachsen, für meine Eltern war ein Urlaub eine wirtschaftliche Herausforderung. Daher habe ich manchmal auch eine andere Wertschätzung für Annehmlichkeiten des täglichen Lebens. Generell versuche ich, mein Konsumverhalten immer wieder zu überdenken: Brauchst du das wirklich? Viele müssen sich aktuell Gedanken machen, wie sie mit den Kosten für Energie überhaupt über die Runden kommen. Da kann ich mich aus meiner eigenen familiären Vergangenheit gut hineinversetzen. Heute gehöre ich sicherlich zu einer privilegierten Gesellschaftsschicht. Mir persönlich ist es aber wichtiger, eine Photovoltaikanlage auf’s Dach zu setzen und damit einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten, als dreimal im Jahr in Urlaub zu fliegen.

Wie kann man sich als Laie das Ausmaß des Klimawandels deutlich machen? Die öffentliche Wahrnehmung changiert ja zwischen den Polen „Horrorvisionen“ und „Alles Übertreibung“.
Das Grundproblem ist, dass wir nur einen langsamen Wandel sehen und somit nicht die direkten Auswirkungen unserer Emissionen an Treibhausgasen erkennen. Wenn wir diese direkt spüren würden, würden viele – davon bin ich überzeugt – sofort auf die Bremse treten. Ich habe vor Kurzem das Buch „Deutschland 2050“ gelesen. Das zeigt sehr anschaulich, wohin wir uns bewegen. Es beschreibt die Situation, wie sich Deutschland im Klimawandel verändern wird. Erschreckend müssen wir feststellen, dass die Prognosen des Weltklimarates bisher alle eingetroffen sind. Wir bewegen uns auf ein Worst-Case-Szenario zu. Im Moment haben wir eventuell noch die Möglichkeit, viel schlimmere Konsequenzen zu verhindern, es liegt also an unserem Verhalten. Allerdings bezweifle ich, dass wir das 1,5-Grad-Ziel noch erreichen werden, ich denke eine Erderwärmung von 2,5 bis 3 Grad ist realistischer.

Heißt das, dass auch mehr Katastrophen wie im Ahrtal passieren könnten?
Extremwetterereignisse kann man nicht exakt vorhersagen, doch die Wahrscheinlichkeit wird höher.

Was sind denn ein oder zwei prägnante Prognosen für die Zukunft in Deutschland?
Weltweit wird es mehr Gebiete geben, in denen das Überleben der Bevölkerung immer schwieriger wird, dadurch werden neue Migrationsbewegungen entstehen. Europa wird damit leben müssen. Und wir werden unsere Lebensräume anpassen müssen, um mit dem Klimawandel zu leben. Wir benötigen mehr Grün in unseren Innenstädten und wir müssen aufhören, unsere Böden zu versiegeln. In Mobilitätsfragen muss eine klimaneutrale Fortbewegung unser oberstes Ziel sein. Schon allein eine Gleichberechtigung zwischen Autoverkehr, öffentlichem Nahverkehr, Radfahrern und Fußgängern scheitert im Moment am politischen Willen und häufig auch an der eigenen Bequemlichkeit. Beide Blockadehaltungen müssen überwunden werden. Die Menschen neigen häufig dazu, Veränderungen als Bedrohung zu sehen. Allerdings dürfen wir die notwendigen Veränderungen nicht nur als Gefahr, sondern sollten sie als Chance begreifen. Wir müssen uns auch Gedanken um unsere Wirtschaftsform machen, die prinzipiell auf immer mehr Wachstum ausgerichtet ist. Vielleicht brauchen wir andere Wirtschaftsmodelle. Ein Beispiel: Wenn die Waschmaschine nicht an uns verkauft, sondern vermietet wird, und wir nur für die Waschladung zahlen, hat der Hersteller ein Interesse daran, dass sie so lange hält wie möglich. Das spart CO2-Emissionen für die Neuproduktion und schont auch andere Ressourcen. Das heißt, nicht der Kauf einer neuen Waschmaschine ist das Ziel des Wirtschaftsmodells, sondern das Konsumieren der Dienstleistung. Es gibt viele solcher neuen Konzepte, die wir durchdenken und entwickeln sollten. Speziell Recycling und die sogenannte Kreislaufwirtschaft spielen hierbei auch eine große Rolle. Wieso verwenden wir nicht recycelte Baustoffe? In der Schweiz und den Niederlanden wird das schon gemacht. Ungefähr zehn Prozent aller CO2-Emissionen weltweit entstehen durch die Produktion von Zement, viel davon könnte durch die Verwendung von aufgearbeitetem Bauschutt eingespart werden. Es gibt viele andere Ideen, wie es klimafreundlicher und nachhaltiger gehen kann. Ich bin mir sicher, dass jeder gerne in einer solchen besseren Zukunft leben würde. Man sollte keine Angst vor Veränderungen haben. Wir brauchen Veränderungen – und sie müssen nichts Schlechtes bedeuten.

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