Homburg
Einer der letzten Zeitzeugen: Wie Horst Bernhard die NS-Zeit erlebt hat
Wie war es, in einer Zeit der Angst unter einem grausamen Regime aufzuwachsen? Daran erinnert sich ein Zeitzeuge. In Homburg sprach Horst Bernhard am Donnerstag, dem 85. Gedenken der Reichspogromnacht über diese Zeit. 1932 erblickte er in Bischmisheim bei Saarbrücken, als Kind eines jüdischen Vaters und einer nicht jüdischen Mutter, das Licht der Welt. Dass sich dieses Licht der Welt schon in ganz jungen Jahren für ihn prägend verdunkeln sollte, wusste er damals noch nicht.
Als die Existenz seines Vaters illegal wurde
Er war erst drei Jahre alt, als das Saarland nationalsozialistisch wurde. Seine Eltern waren aktiv im saarländischen Widerstand gegen das Hitler-NS-Regime und mussten deshalb zunächst nach Südfrankreich fliehen, wo sie eine neue Heimat fanden. Weil ein Brüderchen für Horst Bernhard geboren wurde, änderte sich der Rechtsstatus der Familie. Dieser ermöglichte es ihnen, in Frankreich offiziell Hilfe zu bekommen und sich selbst um Flüchtlinge zu kümmern.
Im November 1942 ereignete sich eine nächste Schicksalswende für die Familie: Dann wurde auch der südliche Teil Frankreichs, wo die Familie lebte, besetzt. Sein Vater musste durch die Besetzung der Nazis untertauchen, denn seine Existenz als Jude wurde illegal. Die Mutter blieb mit den Kindern zunächst in der Wohnung. 1944 wurde der Druck, den die Nazis mit Verhören und Wohnungsdurchsuchungen auf sie ausübten, um den Ehemann zurückzuholen, für sie so groß, dass auch sie untertauchen musste.
Als Kind blieb er allein zurück
Horst Bernard sollte als ältestes Kind im Gymnasium in Agen (Frankreich) zur Schule gehen. Also blieb er allein bei einem älteren Ehepaar zurück, das ebenfalls mit der französischen Widerstandsbewegung sympathisierte. Wo genau sein Vater sich versteckte, wusste Horst damals nicht, „aber ich wusste, es geht ihm gut.“ Denn die beiden hatten, bevor der Vater untertauchen musste, einen geheimen Treffpunkt vereinbart. „Jeden Samstag hatten wir uns auf dem Boulevard in Agen um elf Uhr vormittags verabredet“, erzählt der Zeitzeuge. Seine Erzählungen sind sehr emotional und aufrührend. Denn es ist keine fiktive Geschichte – es sind Teile seines Lebens, an denen er die Zuhörer teilhaben lässt.
„Da ich mit meinem jüdischen Vater nicht in Verbindung gebracht werden durfte, konnten wir natürlich nicht miteinander reden. Also lief er auf der einen Straßenseite, ich auf der anderen. Wir nickten und lächelten uns immer nur kurz zu.“ So beruhigend das Gefühl, den jeweils anderen zu sehen und in Sicherheit zu wissen auch war – für den Vater stellten die Treffen ein immenses Risiko dar. Horst Bernard erzählt, dass auch er immer sehr angespannt war. Er habe sich jedes Mal gefragt: Schafft es mein Vater, zu kommen? „Aber er hielt Wort, und es hat immer geklappt.“ Auch 80 Jahre später sieht man ihm die Freude darüber noch an.
Mit zwölf Jahren nur knapp dem Tod entkommen
Im Alter von zwölf Jahren entging Horst Bernhard selbst nur knapp dem Tod, erzählt der heute 91-Jährige. Ein seiner Familie zugetaner Lehrer und einer der führenden Widerstandskämpfer wurde von der Gestapo verhaftet. „Er war schon todsterbenskrank und wurde dennoch gefoltert. Dabei verstarb er“, berichtet Bernhard, der jahrelang Vorsitzender des Saar-Landesverbandes der Vereinigung der im Nazi-Regime Verfolgten war. In dieser Funktion hat er Gespräche mit ehemaligen Inhaftierten geführt. Auch Bücher über diese Zeit sind aus seiner Feder entstanden.
Zurück zum Lehrer, den die Nazis töteten: Entgegen ihrer Gewohnheit hatte die Geheime Staatspolizei der Witwe den Leichnam überlassen, um ihn zu beerdigen. Der Widerstandskämpfer sei ein wichtiger Mann für die Familie Bernard gewesen; deshalb wollten sie auch an seiner Beerdigung teilnehmen. Weil die Nazis ihr Verfahren mit dem Leichnam geändert hatten, vermuteten die Widerständler eine Falle.
Der Hinterhalt bei der Beerdigung
Weil die Familie ihre Solidarität mit der Witwe dennoch zeigen wollte, sollte wenigstens Horst an der Beerdigung teilnehmen. „Als der Trauerzug komplett auf dem Friedhof war, wurden die Eisentore an den beiden Seiten des Friedhofs zugemacht. Pfiffe aus der Trillerpfeife ertönten, und es begann eine Schießerei“, sagt er. „Es kam zur Panik, keiner wusste, was los ist. Ich bin einfach losgerannt, über eine Mauer geklettert, in Weinberge gefallen und einfach nur gerannt, gerannt, gerannt, bis ich nicht mehr konnte.“ Etwa ein Dutzend Männer habe die Gestapo damals gefangen genommen und nach Deutschland in Konzentrationslager gebracht. Horst Bernard aber kam dank seiner Flucht wohlbehalten bei seiner Mutter an.
„Ich war zwölf Jahre alt, ohne viel von der Welt zu wissen. Vieles, was gerade geschah, konnte mir in dem Alter ja auch noch nicht beigebracht werden, aber ich habe durch diese Erlebnisse einen Hass auf Nazis entwickelt, der bis heute anhält.“
Mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet
All diese Ereignisse haben ihn geprägt, erzählt er, und zu dem Menschen gemacht, der er heute ist: Zu einem mutigen Zeitzeugen. „Ich versuche, andere – vor allem junge Menschen – davon zu überzeugen, dass es das, was es damals gegeben hat, nie wieder geben soll.“ 2019 wurde er für seine Verdienste um das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
Der Mann, der die Verbrechen und Grausamkeiten des Hitler-Regimes nicht nur in Gesprächen mit anderen Zeitzeugen immer wieder aufs Neue erfährt und auch selbst als Kind in ständiger Angst leben musste, sagt: „Kriege sind etwas ganz furchtbares, denn unter den Kriegen leiden die Menschen auf beiden Seiten – ganz egal, wer es ist: Russen oder Ukrainer oder Palästinenser im Gaza und Juden in Tel Aviv. Verdienen tun nur die anderen daran.“