Bitsch RHEINPFALZ Plus Artikel Bitsch erinnert mit einem Gedenk-Sonntag an die schwere Zeit seiner Belagerung von 1870/71

Die Zitadelle Bitsch. Anno 1870/71 wehrten die belagerten Verteidiger hier die bayerischen Angreifer ab. Sie blieben unbesiegt.
Die Zitadelle Bitsch. Anno 1870/71 wehrten die belagerten Verteidiger hier die bayerischen Angreifer ab. Sie blieben unbesiegt.

Manche Historiker nennen ihn heute den „vergessenen Krieg“. Dabei ging am Ende des Deutsch-Französischen Waffengangs der Jahre 1870/71 im besiegten Frankreich ein Kaiserreich unter, während die deutschen Sieger ein solches gründeten. Ein bedeutender Schauplatz dieses Krieges war die Festungsstadt Bitsch: Mit feierlichen Gedenkveranstaltungen erinnert sie am Sonntag, 30. August, an die Ereignisse vor genau 150 Jahren.

Rückblende 1867: Weltausstellung in Paris. Die Essener Stahlschmiede Krupp präsentiert der Öffentlichkeit die seinerzeit gewaltigsten, zerstörerischsten Kanonen der Welt. Niemand ahnt, dass diese Ungetüme nur gut drei Jahre später die „Stadt der Liebe“ bombardieren und Teile davon in Schutt und Asche legen werden.

Doch der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 hinterließ auch hier in der Region Spuren: Neben den Schlachten bei Saarbrücken, auf den Spicherer Höhen und bei Weißenburg war es nicht zuletzt das Schicksal der Festungsstadt Bitsch, das bei den Franzosen unvergessen ist. Am Sonntag erinnert das lothringische Städtchen nun mit Gedenkveranstaltungen an seine Belagerung durch bayerische Einheiten vor genau 150 Jahren. Unter anderem werden Ausstellungen eröffnet, die bis Ende September auf der Zitadelle gezeigt werden.

In Bitsch hatten sie den Veranstaltungsreigen ja eigentlich schon im Juli eröffnen wollen. Doch weil die Corona-Pandemie damals in Ostfrankreich einen Höhepunkt erreichte, entschloss man sich, das Kriegsgedenken um einige Monate zu verschieben.

230 Tage Belagerung

Es war am 19. Juli 1870, als der Deutsch-Französische Krieg die Stadt Bitsch mit ihrer wuchtigen Vauban-Festung erreichte. Dort entfesselte sich in den folgenden Monaten ein Geschehen, das das Selbstverständnis des lothringischen Ortes bis heute prägt. Am Sonntag, 30. August, werden Kommunalpolitiker in blau-weiß-roten Schärpen, Armee-Einheiten in Galauniform und ordensbehangene Veteranen in den Mauern der Zitadelle jene 7000 französischen Soldaten ehren, die unter dem Kommando ihres Obersten Colonel Louis-Casimir Teyssier einer 230 Tage langen Belagerung widerstanden. Die Festung verließen sie erst, als der Krieg schon vorbei war. Selbst nachdem die Sieger am 18. Januar 1871 im eroberten Versailles bereits das Deutsche Kaiserreich gegründet hatten, leisteten Teyssier und seine Männer in Bitsch unter heftigem Beschuss weiterhin erbitterten Widerstand bis zum 27. März, als er von seinen Vorgesetzten endlich den offiziellen Evakuierungsbefehl erhielt. In den 230 Tagen des Widerstands hatten die Festung und die Stadt unter anderem drei schwere Kanonaden zu erdulden. Die Belagerung von Bitsch sollte sich in diesem Krieg als die einzige Kampfhandlung erweisen, bei der französische Truppenteile unbesiegt geblieben sind.

Die Schwerter des Colonels

Am Sonntagmorgen steht eine Feierstunde in der katholischen Bitscher Kirche Sainte Cathérine am Anfang des Gedenktages. Anschließend folgt eine ganztägige Festveranstaltung auf der Zitadelle, dem Schauplatz der Kämpfe von 1870. Gegen 11 Uhr wird die historische Gesellschaft SHAL (Societé d’Histoire et d’Archaeologie de la Lorraine) auf der Festung eine Gedenktafel zu Ehren der Ereignisse vor 150 Jahren enthüllen. Die Gesellschaft SHAL hat zudem zwei Original-Schwerter erworben, die einst Colonel Teyssier im persönlichen Besitz hatte. Am Sonntag werden diese beiden Schwerter der Zitadelle zur musealen Verwahrung feierlich überreicht.

Zunächst für die Ehrengäste, am Nachmittag dann auch für die breite Bevölkerung werden am 30. August auf dem Gelände der Bitscher Festung zwei Sonderausstellungen eröffnet. Der Chor „Harmonie“ aus dem Bitscher Land stimmt unter anderem die französische Nationalhymne an. Eine Abordnung von Geschichtsfreunden aus dem einstigen Schlachten-Schauplatz Woerth bildet eine Ehrenformation in Uniformen von 1870. Die Öffentlichkeit ist zum Mitfeiern eingeladen; der Eintritt auf die Zitadelle ist am Sonntag frei.

Drei Ausstellungen

Die Sonderausstellung „Teyssier, der gelehrte Oberst aus dem Osten“ kann bis 20. September täglich von 10 bis 17 Uhr auf der Zitadelle besichtigt werden. Zum Auftakt werden am Sonntag Führungen von 15 bis 16 Uhr angeboten. Ab Montag kostet der Eintritt sechs Euro, ermäßigt fünf Euro.

Außerdem hat das Kriegsmuseum aus dem lothringischen Gravelotte zusammen mit der Gesellschaft SHAL eine Ausstellung mit zehn Informationstafeln über den Krieg von 1870/71 erstellt, die ebenfalls bis zum 20. September auf der Zitadelle gezeigt wird.

In den Katakomben und Gewölbekellern der Zitadelle ist auch wieder die Dauerausstellung „Die belagerte Festung“ zu sehen, zu deren Konzept die Vorführung von Filmsequenzen an wechselnden Standorten gehört.

Kriegsgedenktag in Bitsch

  • 10 Uhr: Gedenkstunde in der Kirche Sainte Cathérine
  • ab 11 Uhr: Eintreffen der Ehrengäste, der Kommunalpolitiker und der Bevölkerung auf dem Plateau der Zitadelle
  • 11.30 Uhr: Zeremonie vor der Gedenktafel. Flaggenehrung des 16. Jägerbataillons. Truppenparade. Rede des Bürgermeisters. Grußwort des Präsidenten der historischen Gesellschaft SHAL. Enthüllung der Gedenktafel. Kranzniederlegung. Chorgesang für die Toten. Schweigeminute. Der Bitscher Chor „Harmonie“ singt die Marseillaise (Nationalhymne).
  • 11.45 Uhr: Rundgang (geladene Gäste) durch die Ausstellung „Teyssier, der gelehrte Oberst aus dem Osten“ und eine Sonderausstellung zum Krieg von 1870/71.
  • 15 bis 16 Uhr: Publikumsführungen durch die beiden Ausstellungen (freier Eintritt)
  • Nachmittag, bis 17.30 Uhr: Die Zitadelle öffnet bei freiem Eintritt. Möglichkeit zum Besuch des Rundgangs „Die belagerte Festung“ mit Filmsequenzen.
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