Homburg RHEINPFALZ Plus Artikel App erinnert an NS-Verbrechen

Katharina Naumann, Schülerin des Saarpfalz-Gymnasiums, mit der Handy-App auf dem Homburger Judenfriedhof. Das Programm liefert I
Katharina Naumann, Schülerin des Saarpfalz-Gymnasiums, mit der Handy-App auf dem Homburger Judenfriedhof. Das Programm liefert Informationen zur Regionalgeschichte von 1933 bis 1945.

Schüler des Homburger Saarpfalz-Gymnasiums forschten in den Archiven über die regionale Geschichte des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen. Eine App zeigt die Ergebnisse und führt zu den Orten des Geschehens.

Von Marco Wille

Homburg. Die Landeshauptstadt Saarbrücken bietet bereits seit September vergangenen Jahres ein digitales Programm für mobile Endgeräte, das auf einem virtuellen Stadtrundgang an die Verbrechen der NS-Zeit erinnert. Zum Gedenken an die Reichspogromnacht am 9. und 10. November 1938 hat das Saarpfalz-Gymnasium in Homburg nun ebenfalls eine Applikation (App) vorgestellt, die an die Judenverfolgung und andere Verbrechen des Nationalsozialismus erinnert sowie zu Orten des Geschehens führt.

Verwirklicht wurde das Projekt von im Seminarfach für Erinnerungsarbeit am Homburger Saarpfalz-Gymnasium. Geschichtslehrer Matthias Pöhler hatte die Idee. Anfangs hätten einige Schüler aus Respekt vor der großen Bedeutung des Themas Holocaust gezögert, wie sie bei der App-Vorstellung im Homburger Stadtarchiv berichteten. „Ich war anfangs skeptisch, ob wir als Elftklässler überhaupt so ein sensibles Thema umgesetzt bekommen“, berichtet Fynn Jödden von seinen Zweifeln, überhaupt reif genug für die Arbeit über diese sensible Geschichtsepoche zu sein. Mittlerweile findet er „es krass, wie wir alles doch so gut umgesetzt bekommen haben und nun die App sogar im Stadtarchiv präsentieren dürfen“. Sechs ausgewählte Stationen, die zur Zeit des Nationalsozialismus im Stadtgebiet von Homburg eine wichtige Rolle spielten, verzeichnet das digitale Programm. Darunter sind der jüdische Friedhof, das Polizeihaftlager, das ein Außenlager des SS-Sonderlagers/KZ Hinzert war, sowie das Mahnmal am Marktplatz.

Neben den Erinnerungsorten haben die Gymnasiasten Schicksale von Einzelpersonen eingearbeitet und gehen auf die systematische Ermordung von Kranken ein. Der „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ (genannt Aktion T4) fielen bis Kriegsende hunderttausende Personen zum Opfer, die nicht ins rassistische Menschenbild der Nationalsozialisten passten. An der damaligen Pfälzischen Heil- und Pflegeanstalt wurden in Homburg auf Grund des „Erbgesundheitsgesetzes“ von 1933 Zwangssterilisationen vorgenommen und Patienten zur Tötung in besondere Anstalten deportiert. Die Schülergruppe erklärte, dass es nicht einfach für sie gewesen sei, diese geschichtliche Erinnerungsarbeit auf der regionalen Ebene umzusetzen, da keine Zeitzeugen mehr vor Ort lebten. „Aber genau das war dann auch unser Ansporn, die Erinnerung an Geschehnisse wie die Reichspogromnacht für jeden über die App aufrecht zu halten“, sagte Katharina Naumann über ihre Motivation. Die App enthält historische Fotografien, kurze Texte und einige Interviews. Zusätzliche Informationen bieten eigens aufgenommene Tondokumente. Eine Karte leitet auf mobilen Endgeräten wie Smartphones und Tablet-Computern zu den einzelnen Stationen der Tour, wo geschichtliche Inhalte zu erfahren sind.

Ein Quiz zur Geschichte der NS-Zeit

Um jüngere Menschen für Zeitgeschichte zu interessieren, haben sich die Seminarteilnehmenden etwas Spezielles einfallen lassen: Sie haben der App ein Quiz hinzugefügt. Die Fragen sind am Ende einer jeden Station ins Programm eingebaut. Wer den jeweiligen Ausführungen gut zugehört und aufgepasst hat, kann diese Fragen beantworten. „Der Anreiz bei Jüngeren ist sicherlich größer, wenn man sie spielerisch zur Nutzung bringen kann, da jeder die möglichst volle Punktzahl erreichen möchte“, sagt Fynn Jödden über den Quiz. Ein ganzes Schuljahr dauerten die Ausarbeitung des Projekts und das Füllen der Programmstruktur mit Inhalten.

Für Geschichtslehrer Matthias Pöhler ist die App ein Bildungsprodukt der regionalen Geschichtslehre: „In dem Seminarfach geht es um die Vorbereitung auf die spätere Arbeit an einer Universität. So bin ich darauf gekommen dieses Projektthema anzugehen, da viel Recherche und Archivarbeit getan werden musste.“

Zu dem komme nach seiner Ansicht die Regionalgeschichte im regulären Unterricht zu kurz. Für den Pädagogen sei die App ein Instrument, das sehr gut in den Schulunterricht ab der neunten Klasse eingearbeitet werden könne und diesen bereichere.

Die App wurde ursprünglich von der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Erinnerungsarbeit im Saarland in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung, dem Adolf-Bender-Zentrum mit technischer und finanzieller Unterstützung des Landesinstituts für Pädagogik und Medien (LPM) entwickelt.

„Orte der Erinnerung (OdE): Erinnerungsorte zur NS-Zeit in Homburg“ ist damit die erste weitere Umsetzung dieses Projektes zur digitalen Vermittlung von Lerninhalten in einer App nach Saarbrücken. Tausend Euro hat die Realisierung in Homburg gekostet. Das Jugendforum Saarpfalz/Homburg (Protestantische Jugendzentrale) und das Adolf-Bender-Zentrum seien von der Idee begeistert und übernahmen die Kosten.

Weitere Unterstützung gab es vom Homburger Stadtarchiv, dem historischen Verein Homburg, sowie der Synagogengemeinde in Saarbrücken, die archiviertes Bild- und Textmaterial bereit stellten. Das Homburger Stadtarchiv habe den Druck des begleitenden Infoblattes übernommen.

Die App ist kostenlos im Apple-App-Store und im Google-Play-Store herunterzuladen. Zusätzlich sollen im Homburger Stadtgebiet die Infoblätter ausgelegt werden, auf denen ein QR-Code abgedruckt ist, der zum Download der App führt.

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