Blieskastel
50 Jahre Stadtrat Blieskastel: Jubiläumsfeier mit fadem Beigeschmack
50 Jahre Stadtrat Blieskastel, 50 Jahre Gebietsreform mit anschließender Selbstverwaltung für Blieskastel und seine umliegenden Dörfer. Dies wurde am Sonntagmorgen mit einer Jubiläumsveranstaltung in der Niederwürzbacher Würzbachhalle gefeiert. „Eine wundervolle Gelegenheit, um auf die eine oder andere Begebenheit zurückzublicken, die sich in diesem halben Jahrhundert seitdem ereignet hat“, steht in der Einladung der Stadt, die im Vorfeld zwar betonte, dass es sich um eine offene Veranstaltung handelte, zu der auch interessierte Bürger eingeladen seien, aber sogleich in einem langen Satz in Beamtendeutsch einschränkte, dass aufgrund der Hallenkapazität und der Brand- und Sicherheitsbestimmungen nur eine begrenzte Anzahl Plätze zur Verfügung stünden. Die Quittung hierfür bekamen die Einladenden, viele Plätze blieben leer, interessierte Bürger kamen kaum. Ganze Tischreihen waren unbesetzt, nur rund 150 Menschen saßen vor der Bühne, die meisten Mandatsträger aus Kommunal-, Landes- und Bundespolitik.
Gymnasial-Chor verteilt musikalische Schelle
Die drei noch lebenden Mitglieder des ersten Ortsrates von Blieskastel 1974 waren da, ein Bildband wurde vorgestellt und kostenlos verteilt, für den Stadtarchivarin Raffaela Berger in großer Fleißarbeit viele Fotos aus 50 Jahren Blieskasteler Politik zusammengetragen hat. Die Schirmherrin der Veranstaltung, Landtagspräsidentin Heike Winzent, referierte über die Entstehungsjahre des Blieskasteler Stadtrates und die damaligen politischen Zustände im Saarland: stellenweise ein interessanter Vortrag, letztlich aber ziemlich langwierig und tatsächlich nur für die „Hardcore-Politiker“ von Bedeutung. Und dann kam der Chor des Von-der-Leyen-Gymnasiums, der bereits zur Eröffnung sang.
Chorleiterin und Musiklehrerin Susanne Gastauer kündigte Pinks Politikerschelte-Lied „What About Us“ an und übertrug deren Forderung an die Politiker in den USA ohne Umschweife und sehr deutlich auf das Blieskasteler Stadtparlament. „Was ist mit den Plänen? Zum Beispiel zur Bliesgau-Festhalle.“, fragte Gastauer deutlich. Nach einer Schrecksekunde, in der man eine Stecknadel hätte fallen gehört, applaudierte fast die ganze Halle. Das hatte gesessen. Nach dem Liedvortrag betrat außerhalb des Protokolls Blieskastels Bürgermeister Bernd Hertzler die Bühne und versicherte, er habe vor zwei Wochen den Auftrag zur Sanierung der Lüftungsanlage in der Bliesgau-Festhalle erteilt und hoffe, dass man sie bald wieder nutzen könne.
Die wichtigsten Akteure haben gefehlt
Vor dem geplanten Mittagessen, das der Versorgungszug der Feuerwehr Ballweiler gekocht hatten, standen weitere Reden auf dem Plan. Landrat Theophil Gallo schickte ein Grußwort, David Lindemann als Vertreter der Landesregierung und der Staatskanzlei und auch Hans-Jürgen Trautmann sprach als Vertreter der 15 Ortsräte. Insgesamt feierte die Politik sich selbst mit einer Veranstaltung, auf der letztlich die wichtigsten Akteure fehlten: die Bürger.
Kommentar: Keine Selbstkritik?
Mit einem Festakt begingen viel Politik und kaum Bürger am Sonntag das 50-jährige Bestehen des Blieskasteler Stadtrats. Ein wichtiges Gremium der eingeschränkten Selbstverwaltung. Eingeschränkt, weil Blieskastel aufgrund seiner finanziellen Lage seit Jahrzehnten keine großen Sprünge machen kann. Man darf über dem Jahrestag nicht vergessen, dass der Blieskasteler Stadtrat gerade in den vergangenen 20 Jahren oft durch Querelen, persönliche Angriffe unter der Gürtellinie und Entscheidungen von sich reden gemacht hat, bei denen Auswärtige nur den Kopf schütteln können. Oft genug hat die CDU unter Annelie Faber-Wegeners Regentschaft gute Ideen der SPD blockiert, nur weil diese eben von den Roten gekommen sind. Umgekehrt kommt dies zuweilen vor, seit die Sozialdemokraten den Bürgermeister Bernd Hertzler stellen. Besonders unrühmlich hat sich die überwiegende Mehrheit des Stadtrates bei der gescheiterten Abwahl der Beigeordneten Lisa Becker (Grüne) im Januar 2023 gezeigt. Von „schildaesken Zuständen“, einem „Witzgremium“, „Provinzposse“ und ähnlichem war schnell die Rede. Auch Lukas Paltz’ (Grüne) „Flachzangen-Spruch“ über Bürgermeister Bernd Hertzler war keine Sternstunde des Anstands.
Bei all dem Schulterklopfen für das Erreichte sollten die Stadtratsmitglieder nicht vergessen, dass sie in allem, was sie in ihrem Gremium tun und entscheiden, die Blieskasteler Bürger vertreten. Beim ein oder der anderen kam diese Erkenntnis in den vergangenen Jahren zu kurz. Der Jahrestag ist daher auch eine Chance, selbstkritisch eigenes Handeln zu hinterfragen, um es in den kommenden 20 Jahren besser zu machen. Dass ausgerechnet einer, der selbst jahrelang dieses Trauerspiel aktiv mitgespielt hat, am Rande des Jubiläums die „schlechte Stimmung“ in der Blieskasteler Politik und dem Stadtrat beklagte, zeigt, dass es zu Selbsterkenntnis und Respekt für den politischen Gegner in Blieskastel noch ein weiter Weg ist. Zudem hat die Stadt die Chance vergeben, ein echtes Bürgerfest zu veranstalten. Stattdessen schmorten Politiker am Sonntag lieber im eigenen Saft mit dem Geschmack der lästigen Pflichtveranstaltung. Schade.