Rhein-Pfalz Kreis Zwischen Heupferd und Platterbse
Dannstadt-Schauernheim. Erst sind nur die Fühler zu sehen, dann erscheint der Kopf und schließlich krabbelt das Große Grüne Heupferd ganz ins Blickfeld. Es sitzt auf der Schulter von Siegfried Filus. Als würde es ahnen, dass der ihm als Vertreter der unteren Naturschutzbehörde keinen Fühler krümmen wird. Im Gegenteil: Gemeinsam mit der Biotopbetreuerin des Rhein-Pfalz-Kreises, Petra Jörns, tut Filus seit Jahren alles dafür, dass Heupferd und andere Arten sich in den Naturschutzgebieten richtig wohl fühlen.
Zur Reise durch die Naturschutzgebiete hat Jörns Vertreter der Gemeinde, der Behörden und von Naturschutzverbänden sowie Bewirtschafter und Jagdpächter nach Dannstadt-Schauernheim geladen. Dort liegt mit dem Gräberfeld zwischen Dannstadt und Schifferstadt das älteste Naturschutzgebiet im Landkreis. 1940 wurde das knapp 1,8 Hektar große Kerngebiet unter Schutz gestellt. Dort befinden sich 32 von rund 140 erhaltenen Grabhügeln aus der Hallstatt- und Latènezeit um 800 bis 300 vor Christus. Die durch die Hügel bedingte Nähe von trockenen und feuchten Böden sorgt für eine Artenvielfalt, die Sibylle Münch von der Struktur- und Genehmigungsdirektion Süd als obere Naturschutzbehörde sehr beeindruckt. Sie kannte das Gebiet bisher nur von Luftbildern, weil es für Spaziergänger normalerweise gesperrt ist. „Früher ist jedes Naturschutzgebiet jedes Jahr bereist worden, um zu schauen, wie sich alles entwickelt“, sagt Münch. Das sei in den vergangenen Jahren jedoch vernachlässigt worden, obwohl es sinnvoll sei, sich vor Ort ein Bild zu machen und künftige Maßnahmen abzustimmen. Viel habe sich getan, seit das Gräberfeld unter Schutz gestellt wurde, erzählt Jörns. Wo ursprünglich kein einziger Baum stand, sei zum Beispiel ein Wäldchen entstanden – damals das einzige auf Dannstadter Gebiet. Deshalb habe es auch Proteste gegeben, als Ende der 70er Jahre erstmals Büsche und Gehölze auf den Grabhügeln entfernt wurden. Doch Naturschutz muss nicht bedeuten, der Natur ihren Lauf zu lassen. „Auf den Grabhügeln hat sich Steppenrasenvegetation gebildet. Aber die braucht Sonne“, erklärt die Fachfrau. Die Arbeit der Biotopschützer umfasst daher, Bäume und Sträucher zurückzudrängen, um den Wiesen genug Raum zu geben. Wie empfindlich das Ökosystem reagiert, wenn die Bedingungen nicht stimmen, zeigt, dass Jörns und Filus manche der 1994 im Gräberfeld gezählten 19 Rote-Liste-Arten seit einigen Jahren nicht mehr finden. Sehr zum Leidwesen von Verbandsgemeindebürgermeister Stefan Veth (CDU) zählt dazu auch das Adonisröschen, das sich im Wappen der Gemeinde wiederfindet. „Vor etwa fünf Jahren haben wir eins gehabt“, erinnert er sich. Aber Filus hat kaum Hoffnung, noch mal eins zu finden. „Aber viele seltene Pflanzen sind noch da“, sagt er. Den Beweis finden die Teilnehmer gleich neben dem ersten Hügel. Dort überragt ein Exemplar des Echten Haarstrangs, der auf der Roten Liste der gefährdeten Arten steht, die übrigen Pflanzen. Da die Pflanze keine Blüten mehr trägt, hätte man sie leicht übersehen können. Jörns freut sich besonders, als sie ein Stück weiter eine Sumpfplatterbse entdeckt. „Wir haben sie jahrelang gesucht. Dass sie wieder auftaucht, ist ein toller Erfolg“, sagt die Biotopbetreuerin. Um das Ziel zu erreichen, wurden besonders feuchte Stellen der Wiese von einem Heckenstreifen befreit. Die „Verbuschung“ zu bekämpfen ist eine Arbeit, die Jörns und ihre Mitstreiter gern auch im Erweiterungsgebiet des Gräberfelds machen würden. „Es ist ein großes Problem, dass wir keinen Zugriff auf etwa die Hälfte der Wiesen haben“, klagt sie. Mit Unterstützung des Bürgermeisters will sie noch mehr Landwirte dafür gewinnen, in den Vertragsnaturschutz einzusteigen und die Flächen auf spezielle Art zu bewirtschaften. „Sie bekommen dann Geld dafür, dass sie keinen Dünger mehr verwenden und nicht vor dem 15. Juni mähen“, erklärt sie. Gemäht wird auch im Naturschutzgebiet, allerdings höchstens zwei Mal im Jahr und frühestens in der zweiten Juni-Hälfte, um Pflanzen und Tieren möglichst wenig zu schaden. Für das zweite Naturschutzgebiet in der Ortsgemeinde – die Sandgrube Schauernheim, die die Gruppe an diesem Tag ebenfalls in Augenschein nimmt – gilt das genauso. Dort fühlen sich besonders Amphibien und Libellen wohl. Jörns und Filus hoffen, dass sich in der Steilwand bald wieder Höhlenbrüter und Insekten wie Wildbienen ansiedeln werden. Anders als im Gräberfeld ist das zweite Naturschutzgebiet ein Werk des Menschen. Was dort wächst, haben Naturschützer einst gesät. Jörns erklärt: „Auch Wiesen als Kulturlandschaft gehören inzwischen zur Natur.“