Land und Leute
Wochenendkolumne für den Rhein-Pfalz-Kreis: Langer Atem, lange Sitzung
Fasnacht: Weltbewegendes
„Ein bissl was“ sollte es in den närrischen Tagen schon geben, das an Fasnacht erinnert. Dieser Meinung war Lothar Distler. Und obwohl der traditionelle Faschingsumzug in Mutterstadt schon zum zweiten Mal ausfiel, gestaltete er einen durchaus umzugstauglichen Handwagen und positionierte ihn in seiner Hofeinfahrt. Lustig und zum Lachen sollte dieser jedoch weniger sein, wie er betont, sondern die Themen ins Blickfeld rücken, die die Welt momentan bewegen. Und die sind ja nun wirklich insgesamt eher weniger heiter. Das Ganze noch mit einer guten Portion Lokalkolorit angereichert. Da sitzt ein Mutterstadter Geeßtreiwer mit Gesichtsmaske in gelbem Hemd und blauem Schal auf einem Stuhl und hält eine Ziege an den Zügeln. Im Schoß hält er eine große Weltkugel. Über ihm hängt an einem Galgen kunstvoll gefertigt ein goldglänzendes Coronavirus mit bunten Stacheln, ihm zu Füßen ein Korb mit einer Flasche Pfälzer Wein. Flankiert wird das Ensemble von Mutterstadts Wahrzeichen, dem Wasserturm, hier mit ukrainischer Flagge auf dem Dach und regenbogenfarbener Wandbemalung. „Das soll Solidarität mit der Ukraine und Geschlechterfreiheit symbolisieren“, erklärt der Erbauer. Auf dem Banner über die ganze Wagenlänge der Spruch: „Was mussten wir so viel ertragen, soi letzte Stund hat bald geschlagen.“ Gemeint ist das Virus. Hoffnungsvoll also, genauso wie die kleiner gehaltene Affirmation am Galgen: „Wir schaffen das.“ Distler hat schon öfter an Fastnachtszügen in Mutterstadt teilgenommen und schon vier Preise gewonnen. Als gebürtiger Dannstadt-Schauernheimer war die Hauptfigur seiner bisherigen Wagenkreationen, ein Esel, das „Wahrzeichen-Tier“ der Schauernheimer, nach seinem eigenen Vornamen „Lodel“ genannt. „Mit der Ziege hat nun endlich jeder in der Gemeinschaft ein Wappentier“, sagt seine Partnerin Gerlinde, ihrerseits eingefleischte Mutterstadterin, und lacht. Ziel des 82-jährigen Seniors ist es, beim nächsten närrischen Lindwurm, der ziehen darf, der älteste Teilnehmer zu sein. Bis dahin parkt er sein im wahrsten Sinne nicht zum Zuge gekommenes Werk in der Garage. Das Thema wird wohl so lange aktuell bleiben, glaubt er. Wenn nicht, baut er es eben um. In Gerlindes Augen ist er ein Revoluzzer. Aber er hat eben Spaß daran und kann es gemütlich angehen. Denn, so sein Vorteil: „Man hat ja das ganze Jahr Zeit.“
Sitzungsmarathon: Was viereinhalb Stunden hergeben
Es war ein Sitzungsmarathon, der am Donnerstagabend in der Verbandsgemeinde Rheinauen veranstaltet wurde. Weil es die Corona-Situation – die Pandemie gibt es ja auch noch – nicht zuließ, dass an die 100 Kommunalpolitiker, Zuhörer und Verwaltungsmitarbeiter zusammenkamen, tagten der Ortsgemeinderat und der Umweltausschuss Otterstadt, der Verbandsgemeinderat und der Ortsgemeinderat Waldsee in einer Videokonferenz hintereinander. Es ging um die Kooperationsvereinbarung mit dem Erdöl-Konsortium, die gekündigt werden sollte. Alle Teilnehmer in einer Konferenz zusammenzuschalten, traute die Verwaltung dem Konferenzportal „Big Blue Button“ nicht zu. Weise Entscheidung, denn das Portal hatte schon so teilweise Probleme. Der Startschuss fiel um 17.30 Uhr. Den Anfang machte Otterstadt, wo das Erdöl-Projekt ja bereits seit geraumer Zeit umstritten ist. Von dieser Sitzung bleibt ein einstimmiger Ratsbeschluss für die Kündigung und ein Zugeständnis von Ortsbürgermeister Bernd Zimmermann (CDU) an die BIO-Fraktion, was auch nicht alltäglich ist: Birgid Daum erinnerte, wie immer und gut vorbereitet, dass die BIO-Fraktion bereits 2015 eher eine Klage gegen das Erdöl-Projekt als eine Kooperationsvereinbarung mit dem Konsortium befürwortet habe. „Das haben Sie genau richtig vorausgesehen, wir hätten uns Ihnen damals anschließen sollen. Das ist meine Erkenntnis von heute“, sagte Bernd Zimmermann und ließ damit ein zufriedenes Ehepaar Daum zurück, das fortan still und lächelnd vor seinem Bildschirm saß.
Von den beiden folgenden Sitzungen des Verbandsgemeinderats und des Ortsgemeinderats Waldsee blieb ein juristisches Proseminar von Ratsmitglied Wolfgang Kühn (SPD) in Erinnerung. Der Verwaltungsjurist führte in allen Feinheiten aus, warum es keiner Kündigung der Vereinbarung bedarf, sondern diese sowieso schon obsolet ist. Zwischenzeitlich debattierten mit ihm und Rechtsanwalt Thomas Jäger, der die Gemeinden vertritt, zwei Juristen unter sich. Herausgekommen ist dasselbe: Die Vereinbarung ist aufgelöst, das Erdöl-Projekt wird abgelehnt. Wie es weitergeht, werden die kommenden Monate zeigen, wenn die Entscheidung des Landesbergbauamts vorliegt.