Rhein-Pfalz Kreis „Wir sind nicht 1517 stehen geblieben“

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In diesem Jahr wird weltweit an den Beginn der Reformation vor 500 Jahren erinnert. Nicht nur die Städte, in denen Martin Luther gelebt oder gewirkt hat, haben zum Jubiläum ein Programm zusammengestellt. Auch im Frankenthaler Umland hat man sich Gedanken gemacht, und das nicht nur auf evangelischer Seite. Pfarrerin Sigrid Schramm und Pfarrer Michael Baldauf, die beide in Heßheim wohnen, wollen das Lutherjahr weitgehend ökumenisch gestalten.

„Beide Kirchen sind ja nicht bei 1517 stehen geblieben“, beginnt Sigrid Schramms Antwort auf die Frage, inwiefern der Thesenanschlag Luthers als Beginn der Kirchenspaltung auch von Katholiken gefeiert werden kann. „Uns einen dieselben Glaubensfragen, und für beide steht die Bibel im Zentrum“, sagt die Protestantin Schramm. Und der Katholik Baldauf bestätigt: „Wichtig ist, dass sich beide Konfessionen mit der Bibel beschäftigen. Das kommt bei Katholiken doch manchmal zu kurz.“ Glaubensaspekte und -begriffe, die Martin Luther in den Mittelpunkt gerückt hat, zum Beispiel Gnade, Christus, Heilige Schrift, gehören nach Meinung von Michael Baldauf „ins Gespräch“. Luthers mutige Thesen und Sätze – „das unterscheidet sich ja nicht von dem, was wir Katholiken glauben“. Aus dieser Überzeugung heraus werden die beiden Theologen ab 9. März einen ökumenischen Glaubenskurs mit dem Titel „Expedition zur Freiheit“ für Christen aus Dirmstein, Gerolsheim, Heßheim, Beindersheim und Bobenheim-Roxheim anbieten. Er basiert laut Schramm auf dem gleichnamigen Buch, in dem man anhand biblischer Erzählungen, Glaubenstexte und biografischer Kurzgeschichten in 40 Tagen die Kerngedanken Martin Luthers und seiner Wegbegleiter kennenlernen oder vertiefen kann. „Das ist ein Kurs für mutige Leute, die für sechs Wochen mal andere Prioritäten setzen wollen und keine Angst vor dem Buch haben“, sagt Sigrid Schramm. Die Teilnehmer müssten täglich etwa 20 Minuten investieren und sich einmal pro Woche treffen. Im Juni sollen freitagabends im katholischen Pfarrheim Heßheim ökumenische Exerzitien im Alltag mit Liedern, Texten, Bildern und Gebeten stattfinden. „Das ist weniger verkopft als der Glaubenskurs“, sagt Pfarrer Baldauf, „da geht es mehr um das geistliche Leben.“ Diese Form des Austauschs von Protestanten und Katholiken unter dem Motto „Zusammen wachsen“ sei mittlerweile recht beliebt, meint der Priester. Abgerundet wird das ökumenische Programm mit einer fünftägigen Studienfahrt nach Eisenach, Erfurt, Wittenberg, Halle und Eisleben vom 19. bis 23. Juni. Wer mitfahren will, sollte sich unter Telefon 06233 72667 bis 19. März anmelden. Pfarrer Baldauf, passionierter Hersteller von biblischen Erzählfiguren samt „Bühnenbildern“, wird außerdem im August eine Ausstellung mit etwa 14, das Leben Luthers darstellenden Stationen gestalten. „Das genaue Rahmenprogramm dafür steht aber noch nicht fest“, sagt der 55-Jährige. Die geschwisterliche Beschäftigung mit der Reformation mündet zudem in einen Gottesdienst für beide Konfessionen am 15. Oktober in Beindersheim mit Prozession von einer Kirche in die andere. Den Gottesdienst zum Reformationsfest am 31. Oktober feiern die Protestanten allerdings für sich. Was die beiden Geistlichen im Lutherjahr und auch sonst gemeinsam für die Ökumene leisten und anbieten, ist im Frankenthaler Umland vermutlich einzigartig. Da haben sich zwei gesucht und gefunden, könnte man wohl sagen, und Sigrid Schramm gibt unumwunden zu, dass sie selbst einen großen Vorteil davon haben. „So kann sich jeder von uns etwas trauen, das er alleine nicht machen würde“, sagt sie und bezieht das für sich auf die Veranstaltungsreihe der Exerzitien. Umgekehrt hat sie die Federführung übernommen, an der Heßheimer Grundschule einen ökumenischen Kinderchor zu installieren. Für so ein Projekt genüge es, wenn einer der beiden Seelsorger einen Fuß in der Schultür habe. Michael Baldauf betont, dass es nicht darum gehe, die Arbeit auf zwei Leute zu verteilen, sondern darum, gemeinsam etwas zu gestalten. Sigrid Schramm formuliert es so: „Wir sollten uns fragen, was wir überhaupt noch rein konfessionell anbieten wollen.“ Die 54-Jährige beobachtet, dass so manche schrumpfende Kirchengemeinde plötzlich viel in die eigene konfessionelle Klientel investiere, „die Herde zusammenhalten will“, wie sie sagt. Das sei schade, denn das erschwere es, den Reichtum christlichen Lebens zu entdecken. Über ihren katholischen Kollegen in der Nähe und die gegenseitige Beratung ist sie jedenfalls sehr froh. „Wir stehen hier so manches zu zweit durch, und keiner muss dauernd beweisen, wie toll er ist.“ Einen beiderseitigen Schmerz sieht Michael Baldauf im Fehlen der Abendmahlsgemeinschaft von Protestanten und Katholiken. „Das geht leider noch nicht“, bedauert er. „Aber in der Zwischenzeit sollten wir das tun, was alles schon möglich ist.“ Und dazu gehöre zum Beispiel ein kleines Mahl mit Brot, Käse und Wein am Ende der ökumenischen Exerzitien.

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