Rhein-Pfalz Kreis RHEINPFALZ Plus Artikel Wie liebreizend ist das Lächeln

Adelheid wollte Herrn Rieden doch nur helfen und gab ihm eine Dosis Insulin – jetzt ist er tot. ArchivFoto: dpa
Adelheid wollte Herrn Rieden doch nur helfen und gab ihm eine Dosis Insulin – jetzt ist er tot. Archiv

Sommergeschichten (6): Vielleicht muss man dem Meister da oben manchmal ein bisschen helfen? Das denkt sich Adelheid, Senioren im Seniorenstift im Schloss und Protagonistin in Katrin Kirchners Kurzgeschichte. Die Journalistin und Autorin aus Mutterstadt erzählt in dieser von der Liebe im Alter und ihren Irrwegen.

„Ich habe ihn getötet!“, Adelheid schaute die Dame, die vor ihr saß, mit bekümmertem Gesichtsausdruck an. „Aber nein, das müssen Sie nicht denken.“ „Doch, doch!“ Adelheid nickte heftig mit dem Kopf. „Wie wollen Sie das denn angestellt haben“, fragte die Dame. „Ich schlafe nicht mehr so tief. Gegen Morgen hörte ich etwas aus Herrn Riedens Appartement nebenan.“ „Bei den dicken Wänden hier ist das ein Wunder“, sagte die Dame. „Aber berichten Sie weiter.“ „Ich bin rüber gegangen, da lag er im Bett und zitterte. Ich sagte, er möge sich nicht aufregen. Er wurde laut und gab wüste Beschimpfungen von sich. Herr Rieden ist Diabetiker. Da kann ein solches Verhalten schon vorkommen. Ich bin ins Krankenzimmer gegangen und habe nach seinem Insulin-Pen gesucht. Leider habe ich ihn nicht gefunden. Als ich zu Herrn Rieden zurückkam, war er bewusstlos. Dann fiel mir ein, dass er seinen Insulin-Pen im Nachttisch haben könnte. Ich fand ihn und habe ihm eine Dosis gegeben.“

Adelheid legte die Hände vors Gesicht. Die Dame erhob sich. „Nun beruhigen Sie sich, meine Liebe. Sie wollten doch nur helfen. Ich werde nach dem Arzt sehen. Er ist zurzeit bei Herrn Rieden. „Als Adelheid wieder allein war, ging sie ins Bad und betrachtete sich im Spiegel. Mit ihrem grau-blonden Kurzhaarschnitt und ihrer schmalen Figur sah sie immer noch gut aus. Und, sie hatte kaum Falten, ein hochwillkommenes Erbteil ihrer Mutter. Sie richtete sich die Haare, legte ein wenig Rouge auf, zog die Lippen nach und ging ins Wohnzimmer. Dort setzte sie sich in ihren bequemen Sessel und schaute aus dem Fenster. Der gepflegte Park, der das Seniorenstift im Schloss umgab, lag ruhig da, der Springbrunnen plätscherte vor sich hin. Adelheid wohnte seit zwei Jahren in diesem luxuriösen Stift. Sie hatte sich, nachdem sie ihre Apotheke ihrer Nichte überlassen hatte, hier zur Ruhe gesetzt und es nie bereut. Hatte sie doch nicht nur ihre gute Freundin Friederike, sondern auch ihre ehemalige Jugendliebe Friedrich wiedergefunden. Sie dachte voller Wärme an Friedrich, der die Firma seinem ältesten Sohn übergeben und sich auch ins Seniorenschloss eingekauft hatte.

Er hat ihr die Liebe vorgegaukelt

Dann hatte dieser Rieden die Idylle im Schloss heftig ins Wanken gebracht. Adelheid hatte ihn nicht leiden können. War gleich der Hahn im Korb gewesen mit seinen gefärbten, gegelten Haaren und dem blöden Getue. Viele einsame Weiber im Stift hatten ihn angeschmachtet. Als er sich dann an Friederike herangemacht hatte, war es vorbei mit ihrer Contenance. Die große Liebe hatte er Friederike vorgegaukelt. Und sie hatte ihm geglaubt; ihm glauben wollen. Viel Schönes hatte Friederike nicht in ihrem Leben gehabt. Immer gearbeitet und nie einen Mann, auf den sie sich hätte verlassen können. Dann musste sie auch noch an diesen Schwindler geraten – mit seinen lächerlichen Schwüren. Aber was Adelheid am meisten erbost hatte, war, dass er sich ans Vermögen ihrer Freundin herangemacht hatte. Sie hatte es eigentlich dem Tierheim vermachen wollen. Dann war Friederike gestorben. Sie, Adelheid, war absolut überzeugt, dass dieser Typ daran schuld war. Es klopfte. Friedrich kam rein und hob die Arme. Adelheid stand auf und ließ sich von ihm in den Arm nehmen. Wieder dachte sie, dass er ausgesprochen gut aussah, groß, schlank, aufrecht stehend, mit seinem vollen Haar und gepflegten weiß-grauen Bart. Fast besser als früher. „Gut, dass du kommst“, flüsterte sie und legte ihren Kopf an seine Schulter. „Ich habe gehört, was passiert ist. Wie geht es dir?“ „Frau von Siedenhofen war hier“, flüsterte sie weiter. „Ach!“, sagte Friedrich. „Was wollte sie?“ „Ich hatte sie gerufen und ihr mitgeteilt, dass ich Herrn Rieden umgebracht habe.“ „Du hast was?“ Friedrich schob Adelheid ein wenig von sich weg und schaute lächelnd auf sie hinunter. „Wie willst du das denn angestellt haben?“

Dann ist er ins Koma gefallen

Adelheid setzte sich in ihren Sessel. „Als ich in der Nacht zu ihm kam, war er noch bei sich, er fuhr mich an, was ich da bei ihm mache. Ich solle sofort sein Appartement verlassen. Aber ich kann doch sehen, dass es ihnen nicht gut geht, habe ich geantwortet. Er stieß unverschämte Verwünschungen gegen mich aus und fuchtelte mit den Armen. Im Nachttisch fand ich seinen Insulin-Pen und habe ihm eine Dosis in den Arm gegeben. Danach wurde er ruhiger, fiel aber kurz darauf in sich zusammen. Ich habe Frau von Siedenhofen gerufen und ihr alles geschildert.“ „Hat sie die Polizei gerufen?“ „Nein, den Arzt! Warum hätte sie die Polizei rufen sollen?“ Adelheid lächelte ihn liebevoll an. „Dafür gibt es wahrhaftig keinen Grund. Sein Herz hat, nachdem er ins Koma gefallen war, das alles einfach nicht verkraftet, denke ich“. Die Tür öffnete sich und eine junge Frau stürmte herein. „Was ist passiert, Tante Adelheid, geht es dir gut? Diese Frau von Dingsbums hat mich gebeten, schnell zu kommen!“ „So ein Quatsch! Das war doch nicht nötig. Musstest du etwa die Apotheke zumachen?“ „Nein! Elisabeth ist da. Was ist passiert?“ „Ich habe dir doch von diesem Rieden erzählt.“ Die junge Frau nickte. „Ich habe ihn in die ewigen Jagdgründe geschickt!“ „Hoppla! Ich hoffe, nicht mit Absicht!“ „Wo denkst du hin, natürlich nicht. Aber, er war so ein Betrüger. Du erinnerst dich? Dass er sich an Friederike rangemacht hat? Kurz vor ihrem Tod habe ich ihn zufällig im Speisesaal belauschen können. Er hat sich sehr abfällig über Friederike geäußert und sich über ihre Liebe lustig gemacht. Das dumme Ding hat ihm geglaubt und ihn zum Alleinerben gemacht. Kurz danach ist sie von uns gegangen.“

Der da oben hat ein gutes Timing

Es klopfte, Frau von Siedenhofen kam herein, schaute von einer Person zur anderen und verkündete mit getragener Stimme: „Herr Rieden ist leider verstorben!“. „Möge er in Frieden ruhen“, sagte Adelheid im gleichen Tonfall. Die junge Frau erhob sich. „Ich muss mal wieder, Tante Adelheid. Versprich mir, dass du dich nicht aufregst.“ „Nein, keine Sorge, mein Kind.“ „Und ich muss mich um den Arzt kümmern“, sagte Frau von Siedenhofen und ging. „Weißt du, Friedrich, was mich am meisten ärgert?“ „Was denn!“ „Dass er Friederike so ausgenommen hat und sich dann auch noch ihres Vermögens bemächtigt hat. Das Tierheim hätte die Spende wirklich gut gebrauchen können.“ „Hat er nicht,“ sagte Friedrich und grinste breit. „Hat er nicht?“ Adelheid schaute ihn erstaunt an. „Friederike hatte mich gebeten, den Brief an ihren Notar zum Postkasten zu bringen. Du weißt doch, dass sie zeitweilig ziemlich schwach auf den Beinen war.“ „Ja, und?!“ sagte Adelheid. „Nun ja, der Brief hat den Weg zum Notar einfach nicht gefunden.“ Adelheid lächelte. „So wurde das Testament nicht geändert. Und jetzt“, fuhr Friedrich weiter fort, „kann Herr Rieden gar keinen Unsinn mehr machen. Ich finde, der allwissende Meister da oben hat ihn zum richtigen Zeitpunkt abberufen. Was denkst du?“ Adelheid schwieg eine ganze Weile. Dann nahm sie seine große, warme Hand in ihre kleinen kühlen Hände. „Ganz allein hat der da oben es nicht geschafft.“ „Du meinst, du hast nachgeholfen?“ „Das habe ich doch die ganze Zeit gesagt“, erwiderte Adelheid langsam. Friedrich schaute sie erstaunt an. „Und wie willst du das angestellt haben?“ „Na ja, dieser Pen, das war einer mit schnell wirksamem Insulin, nicht so ein Langzeit-Pen. Ich habe ihm statt einer Dosis zur Vorsicht drei gegeben. Das hat er wohl nicht vertragen“. Ihr Lächeln war jetzt ausgesprochen liebreizend.

Zur Person

Katrin Kirchner ist Journalistin und Schriftstellerin. Sie schreibt Belletristik und Kinderbücher. Seit 1972 lebt sie in Mutterstadt, hat zwei Söhne, vier Enkel. Sie arbeitete für Time/Life, Daily Express, die Bonner Rundschau, den WDR und das Deutsche Ärzteblatt. Außerdem war sie als Bundestagsassistentin im Bundeshaus in Bonn und in Ludwigshafen tätig. Danach war sie Redakteurin im Bereich Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Ludwigshafen. Nach der „Kinderpause“ arbeitete Katrin Kirchner bis zur Pensionierung im Bereich Städtepartnerschaften, Erwachsenenbildung und Seniorenarbeit der Stadt. Ab 1986 veröffentlichte sie Anthologien und Texte in Literaturzeitschriften sowie der Tagespresse. 2005 erschien das Künstlerbuch „Hautgefühl - Caresses“ mit deutsch-französischen Liebesgedichten. 2008 erschien ihr Kinderbuch „Hast du Ton“.

Die Serie

In der Serie „Sommergeschichten“ veröffentlichen Autoren aus der Region ihre Kurzgeschichten und Erzählungen für die Marktplatz-Leser – für ein kleines Lesevergnügen im Sommer.

Katrin Kirchner Foto: Kirchber, frei
Katrin Kirchner
Mehr zum Thema
x