Rhein-Pfalz Kreis Wetterkapriolen oder: Kartoffeln in der Kiste

. Das ist mal wieder einer der Tage, die Hartmut Kegel gar nicht gut leiden kann. Die Feldarbeiter sitzen, die Maschinen stehen. Dabei sähe er alle am liebsten auf dem Feld. Doch das ist zu nass, als dass darauf gearbeitet werden könnte. „Gestern hat es fünf Liter geregnet – auf den ohnehin schon nassen Boden.“ Der Mutterstadter Landwirt zuckt resigniert mit den Schultern. Dieses Kartoffeljahr will nicht so recht anlaufen. Zehn Prozent der Pflanzkartoffeln sind immer noch nicht in der Erde. „Wir hinken mindestens eine Woche mit der Arbeit hinterher.“ Zehn Prozent, eine Woche – das klingt erst mal harmlos. Doch die Vorderpfälzer Landwirte leben davon, schneller mit ihren Kartoffeln auf dem Markt zu sein als andere. Vom Wetter verwöhnt. Normalerweise. Außerdem ist es ärgerlich, wenn gleich zu Anfang der Zeitplan durcheinandergerät. Ein Landwirt kann sich nämlich noch andere Vollkatastrophen vorstellen, die im Laufe eines Kartoffeljahrs eintreten könnten. „Wenn es jetzt beispielsweise kühl bleibt, fallen wir gleich noch mal um eins, zwei Wochen zurück. Auf der anderen Seite: Fünf sonnige Tage können uns auch wieder ein gutes Stück nach vorne bringen.“ Mit dem Wechsel von Sonne und Wolken schwanken auch Kegels Gefühle. Er schaut kritisch zum Himmel. Eigentlich sollte es heute nicht mehr regnen. Eigentlich wollte er heute Mittag mit der Mannschaft noch raus auf den Acker. Auf einen, der nicht ganz so pampig ist. „Manche müssen auch erst mal drei Tage trocknen, bis wir dort überhaupt etwas machen können.“ Wenn der April bloß nicht immer machen würde, was er will ... Die große Pflanzmaschine muss so oder so zu Hause bleiben. Das eine Problem sei, dass die Maschine einfach zu schwer ist, um damit auf dem nassen Boden zu fahren. Sie drücke alles zusammen. „Das andere Problem ist, dass die Pflanzkartoffeln nicht mehr mit dem richtigen Abstand in den Boden kommen. Das Rad hier treibt die Maschine an und sein Umfang gibt die Entfernung vor. Mit dem ganzen Matsch drumherum ist es jedoch knapp zehn Zentimeter größer ...“ Kegel zeigt uns die Reifen. Dick klebt der Grund daran. Auf Kegels Hof steht noch eine Alternative – ein Halbautomat. Der macht zwar das Loch in den Boden, aber die Kartoffeln müssen mit der Hand bewegt werden. Dazu hat die Maschine hinten Sitze, auf denen die Feldarbeiter mitfahren. Das Prozedere dauert damit natürlich länger. Aber es nützt ja alles nichts, die Pflanzkartoffeln müssen in den Boden. Die Knollen haben vorgekeimt. Das sollen sie auch, dass verschafft ihnen einen Wachstumsvorsprung. Aber inzwischen sind die Triebe laut Kegel so lang, dass sie leicht abbrechen. Oder sich in den Kisten miteinander verhaken, was wiederum das Legen schwierig macht. So nennt der Landwirt das, wenn die Pflanzkartoffel in die Erde kommt. „Bis Mitte April sollten wir damit fertig sein. Denn bis spätestens Mitte Juli sollten die Kartoffeln ihre Anlagen gebildet haben. Also das Wurzelwerk und die kleinen Knöllchen. Wenn es dann nämlich heiß wird, bleibt das Wachstum stehen.“ Die Pflanzen nutzten bei Hitze Wasser in erster Linie, um sich zu kühlen und nicht mehr dafür, um größer zu werden. Generell vertragen Grumbeere extreme Wetterbedingungen nicht sehr gut. Für die Bauern immer eine knifflige Sache, was Größe und Qualität ihrer Ware anbelangt. „Der Markt ist da streng, macht genaue Vorgaben. Zu kleine und zu große Knollen werden aussortiert“, sagt Kegel. Aber so weit ist es noch lange nicht. Und weil der Juli als Stichmonat erwähnt wurde: Keine Panik, neue Pfälzer Grumbeere gibt es natürlich schon früher. Wenn alles gut geht ab 20. Mai. Auf Frischmärkten und in Hofläden werden Kartoffelfans dann fündig. In die Supermärkte können die Knollen erst, wenn sie festschalig sind und dafür müssen sie einfach länger in der Erde bleiben. Hartmut Kegel ist mit uns auf den Acker gefahren, um zu zeigen, dass sich da bereits etwas tut. Er lupft die Folie und tatsächlich zeigt sich darunter zartes Grün, die ersten Kartoffelpflänzchen. Die Berber reift hier heran, eine vorwiegend festkochende Kartoffel. Aber auch die beliebte festkochende Annabelle und die mehlige Sunita gedeihen bereits geschützt unter Plastik. Bis zu 20 Grad wärmer kann es darunter werden, wenn die Sonne scheint. „Mit Folien arbeiten wir bereits seit 1972. Aber heute werden sie nicht nur im Acker- sondern auch im Gemüsebau eingesetzt, schauen Sie sich mal um, ein Meer aus Folien.“ Das Gute sei, dass die Plastikplanen heute recycelt werden. Kegel ist es wichtig, das zu erwähnen. Die Folien schützen die jungen Kartoffelpflänzchen jedoch nicht ausreichend, wenn es dieser Tage, wie angekündigt, Nachtfrost gibt. Dann muss Kegel noch mal in die Trickkiste greifen. Der Landwirt ist an ein Frostwarnsystem angeschlossen. Sobald die Marke auf dem Thermometer unter null fällt, schmeißt ihn ein Alarm aus dem Bett. Dann muss er raus aufs Feld und die Frostberegnung anschalten. Klingt eisig, kann aber durchaus Kartoffelpflanzenleben retten. „Wenn das Wasser zu Eis gefriert, wird Energie frei und damit Wärme“, erklärt Kegel den physikalischen Hintergrund. Wir schauen mit dem 65-Jährigen mal auf die Wetterprognose. Noch ein bisschen Regen, noch etwas Frost. Langfristig sollte es aber wärmer werden. Die letzten Pflanzkartoffeln werden bis dahin wohl ausgebracht sein. Und dann? Einfach mal warten auf die Ernte Ende Mai? Kegel lacht. Nein, die Hände wird er so schnell nicht in den Schoß legen können. Einmal in der Woche sollte ein Landwirt seinen Acker sehen. Zusammen mit Hartmut Magin, mit dem Kegel eine Betriebsgemeinschaft führt, macht das 90 Teilstücke. „Da hat man was zu tun.“ In ein paar Wochen werden Kegel und Magin den Rundgang mit Experten vom Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum machen. Dann müssen auch ein paar der mühsam eingepflanzten Kartoffeln wieder ausgegraben werden. Die Landwirte lernen etwas über Wurzelwachstum, Saatgutqualität und Krankheiten – Dinge, die ein Fachmann an Knolle und Trieben erkennt. Jetzt deckt Kegel seine Pflänzchen erst mal wieder gut ab. Er kämpft mit der Folie. Ein Wind ist aufgezogen. Wird er Wolken vertreiben oder neue bringen? „Bitte keinen Regen ...“ Ob Petrus Kegels Flehen erhört?