Land und Leute Wer im Bahn-Chaos feststeckt, lacht auch nicht über Anke Engelke
ÖPNV und Fernverkehr stecken in der Krise. Dabei ist beides doch elementar auf dem Weg zur herbeigesehnten Klimaneutralität. Politiker postulieren gebetsmühlenartig: Schon im Kleinen kann man etwas bewirken! Fahr mit dem Rad! Steig um auf Bus und Bahn! Ja, wir haben verstanden! Wir sind auch bereit! Aber warum wird es uns so schwer gemacht? Ja, warum quält man uns zuweilen sogar? Uns, die Basis, die Bus- und Bahnfahrer! Die großen und die kleinen Leute!
Schulkinder allen voran: Seit dem Unternehmenswechsel des regionalen Busverkehrs im Rhein-Pfalz-Kreis im Juni von Palatina Bus zu DB Regio Mitte – einem Unternehmen der Deutschen Bahn – hakt es vor allem bei der Schülerbeförderung. Busse kamen gar nicht, zu spät, waren unzulänglich beschildert, fuhren falsche Strecken, weil offenkundig das Personal unzureichend eingewiesen war – und so weiter. Stress bei den Kindern, bei den Eltern – und auch in den Schulen, weil die Schüler immer wieder zu spät kamen. DB Regio entschuldigte sich, die Verantwortlichen beim Kreis rotierten. Man bat um Geduld, alles müsse sich einspielen. Aber nach gut zwei Monaten Unzuverlässigkeit lagen die Nerven aller Betroffenen blank, die Herbstferien kamen da gerade recht.
Ein wenig Entspannung! Aber nur, wenn man keine Zugreise geplant hat. Denn: Wie im Kleinen, so im Großen – der Mutterkonzern ist kein Deut besser. Selbst erlebt: Sonntags auf dem Berliner Hauptbahnhof – im Schlepptau meine zwei Teenager-Kinder. Der ICE begann in der Hauptstadt seine Reise nach Stuttgart – und kam schon am Startpunkt 20 Minuten verspätet an. So hatten wir Zeit zu zählen, wie viele Züge in der Zeit ausgefallen sind. Es waren vier! Keiner wagte es, sarkastisch zu lachen. Wir bangten nur – auf die Anzeige am Bahnsteig starrend – und beteten, dass es uns nicht trifft. Die, die es traf, mussten es sich auf den Gängen unseres Zugs „gemütlich machen“. Nicht lustig, wenn Kinder mitreisen. Natürlich funktionierten die Anzeigetafeln im Zug nicht, die die (noch nicht verpassten) Verbindungen anzeigen würden. Und die Schlange zum Bordrestaurant reichte weit in den nächsten Wagen.
Und was macht die Bahn? Sie greift in die Comedy-Kiste und legt eine Miniserie als Imagekampagne mit dem Titel: „Boah! Bahn!“ auf. Echt jetzt! Nach dem Motto: Wir blödeln uns die Krise einfach weg! Meine Empörung darüber kann auch nicht die von mir so bewunderte Anke Engelke in der Hauptrolle der Zugchefin Tina herunterfahren. Was soll das? Unterhaltung, während man auf den Zug oder Bus wartet!? Was soll die Botschaft an die genervten Kunden sein? Nimm’s mit Humor! Gibt doch Schlimmeres! Mensch, lach doch mal! Neeee! Will ich nicht. Wenn ich bis zu 120 Euro für ein Zugticket zahle, will ich auch gefahren werden. Und bitte auch zu der Zeit wie bezahlt und an den Ort wie bezahlt! Und wer jetzt noch sagt: Ist ja irgendwie sympathisch, wie die Bahn sich selbstironisch aufs Korn nimmt! Der hat noch nicht den Stress aushalten müssen, den all die Bahn- und Busfahrer erleben, die tagtäglich auf ein unzuverlässiges Transportmittel angewiesen sind.
Und was den Puls noch mehr in die Höhe treibt, ist: Das Unternehmen weiß, was notwendig ist, um sowohl im Regional- als auch im Fernverkehr die Probleme zu lösen. Mit Sicherheit nicht, indem man 30.000 Stellen (neun Prozent der Belegschaft) in den kommenden fünf Jahren abbaut. Und mit Sicherheit nicht, indem man zig Millionen für eine derart absurde Imagekampagne zum Zugfenster rausbläst.
