Grosse Themen, kleine Welt RHEINPFALZ Plus Artikel Wenn Gäste zu Familienmitgliedern werden

Gemeinsam am Esstisch: Iryna Ostapchuk, Marie-Claire und Sascha Berleong, Liam, Viktoriia und Elina.
Gemeinsam am Esstisch: Iryna Ostapchuk, Marie-Claire und Sascha Berleong, Liam, Viktoriia und Elina.

Seit April teilt Familie Berleong ihr Haus in Birkenheide mit Iryna Ostapchuk und ihrer Tochter Viktoriia, die aus der Ukraine nach Deutschland geflüchtet sind. Sowohl das Familienleben als auch der Blick auf den Krieg haben sich seitdem geändert.

Die Nachricht, dass Russlands Angriffskrieg in der Ukraine begonnen hatte, erreichte die Familie Berleong erst mit Verspätung. „Wir waren im Skiurlaub und haben es erst einen Tag später erfahren“, erinnert sich Sascha Berleong. Für den 36-Jährigen und seine drei Jahre jüngere Frau Marie-Claire war dann aber direkt klar, dass sie helfen wollten. „Wir haben alte Kleider der Kinder gespendet und Care-Pakete gepackt“, sagt sie.

Aus den Medien erfuhr die Familie, dass Geflüchtete Unterkünfte in Deutschland suchten. Bevor sie sich aber entschieden, jemanden aufzunehmen, war zunächst vieles zu bedenken: „Man muss sich überlegen, ob man seinen privaten Raum teilen will“, sagt Marie-Claire Berleong. Ihr Mann ergänzt: „Es ist die Frage: Wer kommt? Wie viel Platz haben wir? Wie passt das für uns selbst?“ Die Kinder, Liam (8) und Elina (4), seien „ganz heiß darauf“ gewesen, neue Mitbewohner zu bekommen.

Ursprünglich hatte die Familie daran gedacht, eine Mutter mit einem kleineren Kind im Gästezimmer aufzunehmen – das ganze Haus war schließlich auf Kinder im Alter von Liam und Elina ausgelegt. Auch da sich Mutter und Kind ein Zimmer teilen, hätten sie nicht unbedingt an einen Teenager gedacht. „Jetzt sind wir aber froh, dass Vika da ist“, sagt Marie-Claire Berleong.

Per Zufall nach Deutschland

Die 15-jährige Viktoriia ist für Liam und Elina mittlerweile wie eine große Schwester. Sie und ihre Mutter Iryna Ostapchuk haben Ende April ihre Heimatstadt Kiew verlassen, nachdem sie im Internet auf die Anzeige der Berleongs gestoßen waren. „Dass wir in Deutschland gelandet sind, ist Zufall“, sagt Ostapchuk. „Meine Cousine ist jetzt in Italien, meine Freundin in den Niederlanden.“

Die 44-Jährige hat sich zwei Monate nach Kriegsbeginn entschieden, mit ihrer Tochter zu fliehen. „Zuerst war es zu gefährlich“, sagt sie. Als immer mehr Menschen die Stadt verließen, half sie in einem Supermarkt aus, während Viktoriia aus Angst vor den russischen Angriffen kaum noch die Wohnung verließ. „Es war keine einfache Entscheidung, ins Ausland zu gehen“, sagt Ostapchuk. Schließlich begann sie doch, nach einer Gastfamilie zu suchen. Drei Tage, nachdem sie mit Marie-Claire Berleong Kontakt aufgenommen hatte, war klar: Sie und Viktoriia ziehen nach Birkenheide.

Eine neue Familiensprache

Seitdem hat sich das Familienleben verändert. Das fängt schon bei der Sprache an: „Unter den Erwachsenen ist Englisch die neue Familiensprache“, sagt Marie-Claire Berleong. Davon seien die Kinder manchmal genervt. Liam sei aber sehr interessiert an der ukrainischen Sprache und lerne kyrillische Buchstaben aus einem Schulbuch, das die Gäste mitgebracht haben. Viktoriia hatte in der Ukraine schon fünf Jahre Deutschunterricht und hat neben dem Unterricht am Maxdorfer Lise-Meitner-Gymnasium auch noch Online-Unterricht an ihrer Kiewer Schule. Ihre Mutter besucht Integrations- und Sprachkurse und hat nebenbei einen Minijob als Verkäuferin. „Wir ergänzen uns sehr gut“, sagt Marie-Claire Berleong. Mal kochen die Eltern der Gastfamilie das Abendessen, mal die neuen Mitbewohnerinnen, je nachdem, wer länger arbeitet.

Die Nachrichten aus ihrer Heimat verfolgt Iryna Ostapchuk täglich. „Für mich ist es sehr wichtig, zu wissen, was dort los ist“, sagt sie. Ihre Gastfamilie weiß so manchmal schon über neue Entwicklungen Bescheid, noch bevor sie in den deutschen Nachrichten vermeldet werden. „Sie hat uns auch Bilder gezeigt, wie es vor Ort ausgesehen hat“, sagt Sascha Berleong. „Wenn man das von Augenzeugen mitbekommt, ist das schon etwas anderes.“ Ein Mal ist sie seit der Flucht wieder nach Kiew gereist, im August, als ihre Mutter operiert werden musste.

Noch keine Rückkehr

„Da war es, als ob kein Krieg mehr wäre, die Leute waren wieder zurück in der Stadt“, sagt sie. „Aber das hat sich auch wieder geändert. Jetzt gibt es oft keinen Strom und keine Heizung.“ Deshalb plane sie auch vorerst nicht, zurückzukehren. „Ich glaube, sie werden immer wieder versuchen, die Hauptstadt anzugreifen.“ Viktoriia hofft, nach ihrem Schulabschluss an einer ukrainischen Universität Zahnmedizin studieren zu können. „Wir können das aber noch nicht planen“, sagt ihre Mutter.

Umso mehr weiß sie zu schätzen, dass sie und Viktoriia in Deutschland bei einer Gastfamilie leben. „Es ist einfach schön, wenn man abends zusammen am Tisch sitzt und erfährt, wie der Tag der anderen war“, sagt Ostapchuk. Als alleinerziehende Mutter sei sie auch froh, dass ihre Tochter sieht, „wie ein gesundes Familienleben aussieht“. Auch die Berleongs können sich ein Familienleben ohne ihre Mitbewohnerinnen fast nicht mehr vorstellen: „Wir haben Iryna schon vermisst, als sie in der Ukraine war“, sagt Marie-Claire Berleong. „Sie sind keine Gäste mehr, sondern ein Teil der Familie.“

Die Serie

Themen des Jahres 2022: Was haben Menschen in der Region mit den Ereignissen zu tun, die im Jahr 2022 Schlagzeilen gemacht haben? Die Serie blickt zurück – auf große Themen und darauf, was sie in der kleinen Welt des Rhein-Pfalz-Kreises bewegten.

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